CHAPTER 1: Das Urteil im eisigen Hof von Burg Falkenstein
Part 1
„Sie hat das Nervengift in die Weinbecher des Kriegsrates gemischt!“, schrie Kanzler Dr. Valerius Veyne vor den zwanzig versammelten Würdenträgern im schneebedeckten Innenhof der Burg Falkenstein im Harz. Ich stand in Eisenketten, während vier bewaffnete Sicherheitskräfte mich zu den Hinrichtungspfählen zerrten. Aeric, mein eigener Verlobter und angeblicher Erbe der Burgherren, blickte kalt weg, als er mein Todesurteil für genau 03:00 Uhr nachts abzeichnete. Sie glaubten, meine Sprachlosigkeit sei ein Schuldeingeständnis – doch sie ahnten nicht, dass die Verstorbenen tief unter dem Granitgestein der Burg bereits zu mir sprachen.
Es war genau 02:45 Uhr nachts.
Der eisige Wind des Harzes peitschte feine Schneekristalle über die dunklen Granitplatten des Innenhofs.
Zwei schwer bewaffnete Männer der privaten Sicherheitsfirma Veyne Security stießen mich unbarmherzig vorwärts.
Die Eisenketten an meinen Handgelenken waren so kalt, dass das Metall auf meiner nackten Haut brannte.
Vor mir stand Kanzler Dr. Valerius Veyne auf den Stufen der alten Burggalerie.
Sein maßgeschneiderter Tuchmantel lag faltenfrei über den Schultern.
In seinen Händen hielt er die schwere, ledereingebundene Akte des Harzer Sicherheitsrates.
“Wir schreiben die Stunde des Gerichts”, rief Veyne mit schneidender Stimme über den festgefrorenen Hof.
Die zwanzig versammelten Würdenträger wichen einen Schritt zurück.
Keiner von ihnen suchte meinen Blick.
“Die Angeklagte Lyra Vale hat sich des schweren Hochverrats und des siebenfachen Mordes schuldig gemacht.”
Veyne schlug die Akte mit einem lauten Knall auf.
“Am gestrigen Abend wurden die sieben Mitglieder des Sicherheitsrates leblos in ihren Gemächern aufgefunden.”
Ein Raunen ging durch die Menge der Umstehenden.
“Die gerichtsmedizinische Erstuntersuchung lässt keinen Zweifel zu.”
Veyne hob ein kleines, versiegeltes Glasröhrchen an das flackernde Fackellicht.
“Reinste Blausäure.”
Er trat eine Stufe hinab und zeigte auf die schweren Silberbecher, die noch immer auf dem Eichentisch der Ratskammer standen.
“Verabreicht über den Wein der Burgreserve, zu dem ausschließlich Lyra Vale Zugang hatte.”
Ich hob den Kopf.
Meine Lippen waren taub von der bitteren Kälte, aber mein Blick traf Aeric von Falkenstein.
Er stand nur drei Schritte neben dem Kanzler.
Er trug den goldenen Siegelring der Falkensteiner am linken Zeigefinger.
In seiner Rechten hielt er das schwere Füllfederhalter-Set aus Messing.
“Aeric”, flüsterte ich.
Keine Reaktion.
Er blickte starren Auges über meinen Kopf hinweg auf die steinerne Festungsmauer.
“Der Erbe der Burg hat seine Pflicht bereits erfüllt”, verkündete Veyne kalt.
Er reichte das Pergament des Hinrichtungsprotokolls an Aeric hinüber.
Aerics Hand zitterte nicht einmal, als er die Spitze des Füllhalters auf das Papier setzte.
Die dunkle Tinte sickerte tief in das amtliche Dokument.
Mit einer einzigen, schnellen Bewegung zeichnete er mein Todesurteil für genau 03:00 Uhr nachts ab.
Ein Sicherheitsmann stieß mich rücksichtslos in die Knie.
Der gefrorene Stein schlug schmerzhaft gegen meine Schienbeine.
“Sie hat nicht einmal den Mut, ihre Tat zu leugnen”, rief Veyne in die Runde der Ratsmitglieder.
Die Männer und Frauen tuschelten hinter ihren Handschuhen.
Eine ältere Frau im Pelzmantel zog ihr Tuch enger um den Hals und wandte sich ab.
Niemand hinterfragte die Eile dieses Urteils.
Niemand fragte, warum keine Ermittlungsbehörde aus Magdeburg oder Dresden benachrichtigt worden war.
Aber ich schwieg nicht aus Furcht.
Tief unter den massiven Granitplatten des Hofes war ein feines, rhythmisches Pulsieren zu hören.
Es war keine Einbildung.
Es war eine mechanische Schwingung, die durch meine Fußsohlen bis in meine Knochen stieg.
Die Ahnen der Burg sprachen nicht mit Stimmen.
Sie sprachen durch das vibrierende Gestein.
Ich schloss die Augen und konzentrierte mich auf das Signal aus der Tiefe.
In meinem Kopf formten sich die Bilder der vergangenen Nacht mit erschreckender Klarheit.
Ich sah den Ratsraum.
Ich sah die alten Holzvertäfelungen und die schweren Messinggitter der zentralen Belüftungsanlage.
Das Toxin war niemals im Wein gewesen.
Ich hatte den Becher des Ratsvorsitzenden gar nicht berührt.
Die Erkenntnis traf mich wie ein Schlag.
Gestern Abend um 22:15 Uhr stand Marcus Veyne, der Sohn des Kanzlers und Kommandant der Sicherheitskräfte, auf der oberen Wartungsempore.
Er trug Atemschutzutensilien.
In zwei getrennten Schichten hatte er eine flüchtige Substanz direkt in die Ansaugrohre der Lüftung eingespeist.
Die erste Schicht um 22:30 Uhr, die zweite um genau 23:00 Uhr.
Das Gift benötigte keine orale Aufnahme.
Es verteilte sich lautlos über die Luftströme im gesamten Trakt des Sicherheitsrates.
Die Weinbecher auf dem Tisch waren lediglich eine Inszenierung gewesen.
Ein sauberes Ablenkungsmanöver, um die Schuld auf die rechtmäßige Erbin der Burg zu lenken.
Ich schlug die Augen auf und sah Kanzler Veyne direkt ins Gesicht.
“Marcus Veyne war an den Lüftungsschächten”, sagte ich.
Meine Stimme war ruhig, aber das Echo trug die Worte glasklar gegen die kalten Steinmauern.
Kanzler Veyne stockte für den Bruchteil einer Sekunde.
Sein Blick verengte sich zu zwei schmalen Schlitzen.
“Verzweifelte Ausflüchte einer Mörderin!”, bellte er.
Er winkte seinem Sohn zu, der mit verschränkten Armen am Hoftor stand.
Marcus Veyne trat vor.
Seine schweren Lederstiefel knirschten auf dem gefrorenen Schnee.
Er griff nach der Dienstpistole an seinem Koppel.
“Die Zeit läuft ab, Vater”, sagte Marcus ohne jede Regung.
“Es ist 02:58 Uhr.”
Veyne nickte der Garde zu.
“Sicherheitskräfte! Anlegen!”
Vier Läufe von Sturmgewehren wurden auf meine Brust gerichtet.
Das metallische Klacken des Durchladens hallte scharf von den Burgmauern wider.
Aeric trat einen Schritt zurück hinter die Reihe der Wachen.
Er wandte den Kopf ab, um das Blut auf dem weißen Schnee nicht sehen zu müssen.
“Auf mein Kommando”, rief Veyne und hob die rechte Hand.
Der eisige Wind legte sich schlagartig.
Eine drückende Stille legte sich über den gesamten Innenhof von Burg Falkenstein.
Plötzlich vibrierte das kalte Eisen meiner Fesseln.
Aus den tiefen Quarzschächten unter den Pflastersteinen drang ein tiefes, bassartiges Grollen an die Oberfläche.
Ein sichtbarer Riss zog sich blitzartig durch die dicke Eisschicht auf dem Hofboden.
Die Wachen verloren das Gleichgewicht.
Part 2
Der Boden unter ihren Stiefeln geriet ins Schwanken.
Ein ohrenbetäubender Knall riss das gusseiserne Abdeckgitter des alten Tiefbrunnens in der Mitte des Hofes auseinander.
Aus dem dunklen Schlund schoss eine gewaltige Gestalt hervor.
Ein hüfthoher, blassweißer Silberwolf landete geräuschlos auf den gefrorenen Granitplatten.
Sein schneeweißes Fell glänzte im Fackellicht, und seine bernsteinfarbenen Augen fixierten die Gardisten.
Die Söldner der Veyne Security wichen panisch zurück und verloren den Halt auf dem Eis.
Der Wolf stieß ein tiefes, vibrierendes Heulen aus, das nicht in den Ohren, sondern tief im Fels widerhallte.
Die Quarzadern im Granitboden gerieten in eine rasende Schwingung.
Ein hochfrequenter Ton schnitt durch die Kälte.
Das geschmiedete Eisen meiner Fesseln hielt der akustischen Resonanz nicht stand.
Mit einem scharfen *Klirr* barsten die eisernen Ringe an meinen Handgelenken und fielen als nutzloser Schrott in den Schnee.
Ich dachte nicht an Flucht.
Statt wegzulaufen, schritt ich direkt durch die verängstigten Wachen hindurch auf Aeric zu.
Er starrte mich mit entsetzten Augen an.
Bevor er weichen konnte, griff ich fest in die Innentasche seines schweren Tuchmantels.
Ich riss die alte, ledergebundene Chronik der Burg heraus, die er dort versteckt hielt.
Ich schlug die vergilbte Ahnentafel direkt vor den verbliebenen vierzehn Sicherheitskräften auf.
„Blickt auf das Siegel!“, rief ich gegen den Wind an.
Ich zeigte auf die echten Dokumente im Anhang.
„Aeric ist kein von Falkenstein! Er ist der Sohn eines pleitegegangenen Tuchfabrikanten aus Magdeburg!“
Valerius Veyne hatte diesen gefälschten Stammbaum im Jahr 2004 für genau 350.000 Euro gekauft, um eine gehorsame Marionette auf der Burg zu installieren.
Die Söldner senkten verunsichert ihre Waffen und blickten zu Veyne hinüber.
Aerics Gesicht verzerrte sich vor Wut und Panik.
Mit zitternder Hand riss er seine Pistole aus dem Holster und zielte direkt auf meine Stirn.
„Schweig!“, brüllte er.
Doch bevor sein Finger den Abzug durchziehen konnte, splitterte der Fels unter unseren Füßen vollends.
Der gesamte Innenhof brach schlagartig zusammen.
Wir stürzten exakt vier Meter in die Tiefe, während eine dichte Staubwolke den Zugang zu einer gigantischen, unterirdischen Halle freilegte.
KAPITEL 2: Die gefälschte Krone aus Magdeburg
Ich griff nach der Lederchronik, die aus Aerics geöffneter Manteltasche ragte. Seine Hand schoss nach vorne, doch die feuchten Glieder der Eisenketten streiften nur noch kraftlos über den Granitboden.
Vierzehn verbliebene Sicherheitskräfte traten überrascht einen Schritt zurück. Das dumpfe Grollen unter den Pflastersteinen hielt an.
Ich schlug das schwere Buch genau an der markierten Seite auf. Die vergilbten Blätter rochen nach altem Pergament und feuchtem Kellerstaub.
„Lies den Namen vor, Aeric“, sagte ich leise. Seine Lippen bebten, aber kein Laut kam heraus.
Ich zeigte mit dem Finger auf das Siegel am unteren Rand. Es war kein Wappen des Hauses Falkenstein. Es war die Geburtsurkunde des Standesamts Magdeburg aus dem Jahr 1984.
„Aeric Weber“, las ich laut vor. „Sohn eines insolventen Tuchfabrikanten aus Magdeburg.“
Kanzler Valerius Veyne starrte mich an. Seine Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen.
„Sein angeblicher Adelsstammbaum wurde im Jahr 2004 gekauft“, fuhr ich fort, während die Wachen unruhig die Positionen wechselten. „Für genau 350.000 Euro, überwiesen von einem Konto der Veyne-Stiftung.“
Aeric riss die Hand nach hinten und zog eine schwarze Dienstpistole aus dem Holster. Sein Gesicht war blass, Schweiß stand auf seiner Stirn.
„Halt den Mund, Lyra!“, schrie er. Seine Stimme überschlug sich.
Ehe er den Abzug berühren konnte, krachte das Mauerwerk unter unseren Füßen.
Der gesamte Pflasterboden des Innenhofs sackte auf einer Fläche von zwanzig Metern sprunghaft ab. Staub und Steinsplitter schossen in die eisige Nachtluft.
Wir stürzten genau vier Meter in die Tiefe. Ein hohler Dröhnklang hallte durch eine gewaltige, unterirdische Halle, die seit Generationen kein Tageslicht gesehen hatte.
Aeric landete hart auf den Knien und verlor seine Waffe im Schutt. Direct vor uns öffnete sich ein breiter Schacht, aus dem ein gleichmäßiges, hellblaues Licht drang.
KAPITEL 3: Die schlafende Garde im Harzer Granit
Der dichte Staub legte sich langsam über den Trümmern. Neben mir tauchte der 82-jährige Otto Kraus aus dem Dunst auf. Seine schweren Arbeitsschuhe traten lautlos über die zersprungenen Steinplatten.
Der alte Schachtmeister deutete ohne ein Wort nach unten. Wir stiegen die verrosteten Eisensprossen genau dreißig Meter tief in die Felsspalte hinab.
Oben auf der Bruchkante fluchten die Söldner, doch niemand wagte den Sprung in die Dunkelheit.
Am Boden des Schachts öffnete sich ein kreisrunder Raum aus massivem Harzer Granit. Hier standen keine steinernen Ahnenstatuen oder alte Rüstungen.
An den Wänden aufgereiht standen genau 312 mechanische Einheiten aus dunklem Stahl und Quarzgestein. Die Konstruktionen stammten aus dem Jahr 1888, versehen mit den eingestanzten Initialen meines Urahnen.
Jede der Einheiten besaß gläserne Linsen im Kopfbereich und fein geschmiedete Gelenke. Sie wirkten unbeweglich wie Fels, doch eine leise Vibration lag in der Luft.
In der Mitte des Raumes ragte ein eisernes Kontrollpult empor. Auf der Messingplatte in der Mitte brannte das Siegel der Familie Tannenberg.
Aeric keuchte hinter uns auf den Stufen. Er hatte versucht, uns zu folgen, hielt sich aber die schmerzende Schulter.
„Das ist unmöglich“, flüsterte er. „Das hier sind nur alte Bergwerksmaschinen.“
Ich trat an das Pult und drückte meine blutige Handfläche direkt auf die scharfe Kante der Messingplatte. Ein Tropfen meines Blutes sickerte in die feine Einkerbung.
Das Kontrollpult antwortete mit einem tiefen Summen. Das hellblaue Licht in den Quarzadern der Wände flamme auf einen Schlag doppelt so hell auf.
Die gläsernen Linsen der ersten fünfzig Mechanik-Einheiten drehten sich synchron mit einem scharfen, metallischen Klickgeräusch zu mir herum.
KAPITEL 4: Die sieben Opfer im künstlichen Schlaf
Otto Kraus zog mich am Ärmel meiner Jacke und deutete auf eine schwere Stahltür an der Westseite der Halle. Die Tür war mit einem komplexen Kurbelschloss gesichert.
Ich drehte das eisenerne Rad nach links. Die Verriegelung sprang mit einem hohlen Schlag auf.
Dahinter lag ein klimatisierter Raum mit matten Leuchtstoffröhren an der Decke. An den Wänden standen sieben verglaste Kapseln aufgereiht.
In den Kapseln lagen die leblosen Körper der sieben Ratsmitglieder. Sie trugen noch immer ihre festlichen Gewänder von der Ratsversammlung.
Aeric wich entsetzt zurück, als er die Gesichter sah. „Sie… sie sollten tot sein. Das Nervengift war tödlich!“
Ich trat an das Bedienfeld der ersten Kapsel. Die grünen Monitoranzeigen zeigten einen stabilen Puls von 42 Schlägen pro Minute.
„Es war kein Blausäure-Gift, Aeric“, sagte ich und sah ihn direkt an. „Es war ein hochdosiertes künstliches Narkotikum mit exakt 48 Stunden Wirkdauer.“
Die Dosierungsanzeige zeigte die Unterschrift der Notfallverordnung von Dr. Valerius Veyne.
Veyne hatte den Kriegsrat nicht getötet. Er wollte die Ratsmitglieder für tot erklären lassen, um nach dem Harzer Landesrecht den Notstand auszurufen.
Nur mit diesem Notstand hatte er die Vollmacht, die unterirdischen Militäranlagen der Burg ohne Zustimmung der Landesregierung zu übernehmen.
Oberhalb des Schachts ertönten schwere Stiefelschritte auf den eisernen Treppenstufen.
Marcus Veyne, der Sohn des Kanzlers, trat mit sechs bewaffneten Söldnern der „Veyne Security“ aus dem Schatten der Mauern. Die Sturmgewehre waren direkt auf mein Herz gerichtet.
„Niemand verlässt diesen Raum lebend“, sagte Marcus mit eiskalter Stimme.
KAPITEL 5: Die Beichte des stummen Schachtmeisters
Otto Kraus trat vor mich. Der alte Mann winkelte den Arm an und schob mich sanft hinter seinen Rücken.
Aus seiner Mantentasche zog er eine kleine Schreibtafel aus Schiefer, die er seit seinem Grubeninglück von 1968 bei sich trug. Seine zitternden Finger schrieben mit Kreide zwei Sätze auf das Holz.
*Aeric ist nicht nur eine Marionette*, stand dort. *Veyne hat seinen echten Vater 1998 im Schacht 3 ermordet.*
Aeric starrte auf die Holztafel. Seine Knie wurden weich, er stützte sich an der kalten Wand ab.
„Was redest du da, alter Mann?“, schrie Aeric. „Mein Vater starb bei einem Autounfall!“
Otto wischte die Kreide ab und schrieb erneut. Die Buchstaben waren tief in die Tafel gekratzt.
*1999 habe ich dich aus dem brennenden Haus der Tannenbergs gerettet, Lyra*, las ich laut ab der Tafel. *Veyne ließ das Gebäude sprengen. Ich stahl dich aus den Flammen.*
Marcus Veyne lachte kurz auf und entsicherte seine Waffe. Das Geräusch hallte metallisch von den Felswänden wider.
„Genug der alten Geschichten“, sagte Marcus und hob den Lauf. „Mein Vater übernimmt heute die Kontrolle über die gesamten Harzer Vorkommen. Euer kleines Familiendrama endet genau hier.“
Der rote Punkt seines Laservisiers erschien direkt auf meiner Brust.
Otto machte keinen Schritt zur Seite. Er hob eine alte Bergmannspfeife an die Lippen und blies hinein.
Kein für Menschen hörbarer Ton erklang, doch die Quarzkristalle in der Decke fingen sofort an zu kreischen.
Ein hoher Frequenzton schoss durch die Halle. Die Fensterscheiben der medizinischen Kapseln bekamen feine Haarrisse.
Die sechs Söldner schrien vor Schmerz auf, ließen ihre Sturmgewehre fallen und pressten die Hände auf ihre Ohren.
KAPITEL 6: Das Eingreifen des Landeskriminalamts
Bevor Marcus Veyne das Feuer blind eröffnen konnte, krachte eine Blendgranate durch die Öffnung der eingestürzten Hofdecke.
Grelles Licht und ein taubmachender Knall erfüllten die Halle.
„LKA Sachsen! Waffen fallen lassen! Sofort!“, brüllte eine entschiedene Frauenstimme durch das Megafon.
Kommissarin Sabine Lemaire stieg zusammen mit acht schwer bewaffneten Einsatzkräften über die Trümmerleiter herab. Ihre Dienstmarke glänzte im bläulichen Licht der Schachtwände.
Marcus Veyne wurde von zwei Beamten binnen Sekunden auf den Granitboden gedrückt und fixiert.
„Sie kommen sechs Monate zu spät, Kommissarin“, rief Aeric zitternd aus der Ecke.
Lemaire blickte kalt auf ihn herunter und zog ein Klemmbrett aus ihrer Einsatzjacke.
„Wir beobachten Ihren angeblichen Kanzler seit einem halben Jahr wegen illegalen Technologietransfers ins Ausland“, sagte Lemaire. „Er wollte die historischen Bunkerkarten an ein osteuropäisches Konsortium verkaufen.“
Sie drehte sich zu mir um und verneigte sich leicht. „Frau von Tannenberg. Es tut mir leid, dass wir warten mussten, bis Veyne seine Absichten offenlegt.“
Oben am Schachtrand erschien plötzlich Kanzler Valerius Veyne persönlich. In der Hand hielt er ein schwarzes Steuerungsgerät mit einem roten Schutzschalter.
„Ihr ahnungslosen Narren!“, rief Veyne von oben herab. „Glaubt ihr wirklich, eine Polizeieinheit kann mich aufhalten?“
Er drückte den Hebel nach unten. Die Verriegelungsbolzen der Notablassventile an den Talsperren-Leitungen schossen mit einem Zischen zurück.
Tausende Liter Wasser aus den Harzer Flussläufen schossen mit gewaltigem Druck in die unterirdischen Schächte.
KAPITEL 7: Der Grundbucheintrag von 1918
Das Wasser drang rasend schnell durch die Belüftungsrohre ein. Binnen Sekunden stand uns das eisige Bergwasser bis zu den Knöcheln.
Kommissarin Lemaire blieb völlig ruhig. Sie griff in ihre Innentasche und zog ein versiegeltes Dokument mit dem Stempel des Amtsgerichts Dresden heraus.
„Das wird Ihnen oben im Gerichtssaal auch nichts mehr nützen, Veyne!“, rief Lemaire nach oben.
Sie hielt die Grundakte 4022 in das bläuliche Kristalllicht.
„Das Amtsgericht Dresden hat heute Morgen um 08:00 Uhr die historische Besitzurkunde bestätigt“, sagte die Kommissarin so laut, dass es von den Wänden widerhallte. „68 Prozent der gesamten Harzer Waldgebiete und alle unterirdischen Bunkersysteme gehören rechtskräftig Lyra Vale von Tannenberg.“
Aeric starrte das Papier an. „Das… das kann nicht sein. Veyne hatte die Grundbücher gelöscht!“
„Er hat eine Fälschung im Stadtarchiv deponiert“, entgegnete Lemaire eiskalt. „Die Originalakte lag seit 1918 im Tresor der Landesbank Dresden.“
Veyne und Aeric besaßen nicht einmal einen Quadratmeter des Burggeländes. Sämtliche von ihnen unterzeichneten Verträge waren rechtlich vollkommen wertlos.
Aeric begann panisch zu schreien. Seine Notfall-Kreditkarten und Schein-Vollmachten waren wertloses Papier.
Das Wasser stieg unaufhaltsam weiter. Es reichte uns bereits bis zu den Knien.
Veyne lachte oben auf der Empore wahnsinnig auf. „Wenn die Burg nicht mir gehört, gehört sie niemandem! Die Talsperre wird diesen Schacht in fünf Minuten vollständig fluten!“
Er schlug die Eisentür zur Oberfläche hinter sich zu und verriegelte sie von außen.
KAPITEL 8: Die Erpressung des Energienetzes
Lemaire wischte mit dem Daumen über den Bildschirmsensor eines beschlagnahmten Laptops, den Marcus Veyne fallen gelassen hatte.
„Hier ist der eigentliche Plan“, sagte sie und zeigte mir den Bildschirm.
Auf dem Monitor lief ein automatisches Skript. Veyne wollte nicht nur das Bunkergelände verkaufen. Er wollte die Kristall-Garde als biologisch-mechanischen Impulsgeber nutzen.
Über die Quarzadern im Granitgestein wollte er eine Hochfrequenz-Resonanz auslösen, die das gesamte regionale Strom- und Wassernetz von Sachsen-Anhalt lahmgelegt hätte.
Sein Lösegeldforderungsschreiben an die Landesregierung lag bereits im Entwurfsordner: Exakt 50 Millionen Euro.
Zusätzlich hatte er bereits 4,8 Millionen Euro an Stiftungsgeldern über Scheinfirmen abgezweigt.
„Der Kerl ist irre“, flüsterte einer der LKA-Beamten, während das Wasser bereits seine Hüfte erreichte.
Aeric watete panisch durch die Fluten auf das Kontrollpult zu. Er nahm einen schweren Eisenbolzen vom Boden auf und schlug wild auf die feinen Messing-Schaltkreise ein.
„Stopp das Wasser! Stopp es sofort!“, kreischte Aeric hysterisch.
Durch seine fehlerhafte Eingabe löste er das Sicherheitssystem der Alarmstufe Vier aus.
Zwei schwere Stahlgitter schossen automatisch aus der Decke herunter und sperrten Aeric direkt in der Ecke von Schacht 2 ein.
Das Wasser stieg weiter. Uns blieben weniger als zwei Minuten, bevor die Halle vollständig unter der Wasseroberfläche verschwand.
KAPITEL 9: Die Stunde der Stimmfrequenz
Der Pegel stieg um 1,5 Meter pro Minute. Die Sanitäter der Polizei versuchten verzweifelt, die sieben Schlaf-Kapseln der Ratsmitglieder höher zu verankern.
Aeric schlug von innen gegen das Stahlgitter. „Holt mich hier raus! Ich passe mich an! Ich erzähle euch alles über Veyne!“
Niemand antwortete ihm.
Ich trat vor die zentrale Quarz-Säule im Mittelpunkt des Raumes. Das eisige Bergwasser reichte mir bereits bis zur Brust.
Otto Kraus sah mich an und nickte mir ruhig zu. Er vertraute darauf, dass das Blut der Tannenbergs nicht lügt.
Ich erinnerte mich an die alten Verse, die mein Großvater Friedrich von Tannenberg mir als kleines Kind am Kaminfeuer vorgesagt hatte.
Ich schloss die Augen und sprach mit fester, ruhiger Stimme auf Deutsch die alte Losung der Familie:
„Der Granit steht fest, das Wasser weicht, wenn die Stimme des Hauses die Tiefe erreicht.“
Meine Stimmfrequenz traf genau den Resonanzton der Quarzadern in den Wänden.
Ein tiefes, harmonisches Summen durchdrang die gesamte Halle. Die Kristallschichten fingen an, in einem strahlenden, reinweißen Licht zu leuchten.
Die 312 Mechanik-Einheiten der Kristall-Legion hoben gleichzeitig ihre Arme.
In perfekter Synchronisation griffen sie nach den manuellen Druckventilen an den Seitenwänden. Mit gewaltiger Kraft drehten sie die festgerosteten Gewinde um 180 Grad nach rechts.
Vier riesige Notablassschächte tief im Granitgestein öffneten sich mit einem dumpfen Dröhnen.
Die gewaltigen Wassermassen strömten mit rasender Geschwindigkeit nach unten ab und wurden gefahrlos in die tiefen Schichten des Altbergbaus abgeleitet.
Innerhalb von dreißig Sekunden war die Halle vollkommen trocken.
Das automatische Abwehrsystem verriegelte die Außentüren und sperrte Kanzler Veyne direkt im oberen Kontrollraum ein.
KAPITEL 10: Die Bilanz des Kanzlers
Um genau 06:30 Uhr morgens war das gesamte Burggelände von Spezialeinheiten der Polizei und des LKA Sachsen umstellt.
Kanzler Dr. Valerius Veyne wurde von zwei LKA-Beamten in Handschellen aus dem Kontrollraum geführt. Sein teurer Maßanzug war dreckig, sein Gesicht völlig verzerrt vor Wut.
Kommissarin Lemaire trat vor ihn und hielt ihm einen Gerichtsbeschluss vor die Nase.
„Die Staatsanwaltschaft Dresden hat Ihre Schweizer Tarnkonten mit sofortiger Wirkung eingefroren“, sagte sie eiskalt. „Exakt 18,4 Millionen Euro wurden sichergestellt.“
Veyne starrte stumm auf das Papier.
„Ihnen und Ihrem Sohn Marcus drohen mindestens fünfzehn Jahre Haft“, fuhr Lemaire fort. „Wegen siebenfachen Mordversuchs, Hochverrats, Urkundenfälschung und der Vorbereitung einer Erpressung der kritischen Infrastruktur.“
Aeric wurde von zwei Polizisten aus dem Schacht gezogen. Seine durchweichte Kleidung hing schlaff an ihm herunter.
Das Amtsgericht hatte bereits die Zwangsversteigerung seines gesamten Restvermögens über 1,2 Millionen Euro angeordnet, um die Schäden an der Burg zu decken.
Sämtliche Adels- und Unbedenklichkeitsbescheinigungen wurden ihm noch vor Ort rechtskräftig aberkannt.
Er sah mich an, als er zu den Streifenwagen gebracht wurde, aber ich wandte mich ab. Er war nur ein Schatten der Lüge gewesen, die diesen Berg jahrelang überschattet hatte.
KAPITEL 11: Die Hüterin von Burg Falkenstein
Um 11:00 Uhr morgens erstrahlte der schneebedeckte Hof der Burg Falkenstein in der winterlichen Morgensonne.
Aus dem Universitätsklinikum Dresden kam die erlösende Nachricht: Die sieben Ratsmitglieder waren aus dem künstlichen Koma erwacht und wiesen keinerlei bleibende Schäden auf.
Kommissarin Lemaire trat zu mir an die große Steinmauer des Innenhofs.
„Die Landesregierung bietet Ihnen den Sitz im regionalen Sicherheitsrat an, Frau von Tannenberg“, sagte sie leise. „Sie könnten die politische Führung im Harz übernehmen.“
Ich sah über die verschneiten Kronen des Harzer Waldes hinunter ins Tal.
„Nein“, antwortete ich ruhig. „Die Politik überlasse ich denjenigen, die Gesetze schreiben. Meine Aufgabe liegt hier.“
Neben mir tauchte der weiße Silberwolf Fenris lautlos aus dem Schatten des Burgbrunnens auf. Er legte seinen schweren Kopf an meine Hand.
Otto Kraus trat zu uns. Er lächelte zum ersten Mal seit vielen Jahren und salutierte leise vor dem alten Wappen über dem Burgtor. Seine alte Schuld gegenüber meiner Familie war getilgt.
Ich ging zurück in die unterirdische Halle und trat an das zentrale Kontrollpult.
Mit einer letzten Drehung des Messingrades deaktivierte ich die Aktivierungsfrequenz der Kristall-Legion. Die 312 Einheiten senkten die Köpfe und kehrten in ihren jahrzehntelangen Schlaf zurück.
Ein schwerer Granitblock schob sich langsam über den Schachteingang und versiegelte das Geheimnis der Burg dauerhaft vor gierigen Augen.
Ich bin nicht die Herrscherin dieser Ländereien. Ich bin nur die Hüterin der Wahrheit, die tief unter diesen Felsen ruht.
Wer Ketten aus Lüge und Verrat schmiedet, wird am Ende erleben, wie der Granit selbst sein Urteil spricht.

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