„Dein Bruder liegt unter den Dielen von Schloss Eichenthal, und du wirst der Nächste sein.“

CHAPTER 1: Das Schweigen von Schloss Eichenthal

Part 1

„Dein Bruder liegt unter den Dielen von Schloss Eichenthal, und du wirst der Nächste sein.“

Als der stille Antiquitätenrestaurator Lukas Lindner am 14. Oktober um 22:15 Uhr diesen anonymen Anruf erhielt, war sein älterer Bruder Thomas bereits seit genau 72 Stunden spurlos verschwunden.

Die Polizei stufte den Fall rasch als freiwilliges Abtauchen ein, da Thomas’ Ehefrau Clara tränenüberströmt aussagte, er habe wegen Schulden von 180.000 Euro fluchtartig das Land verlassen.

Doch auf den Überwachungskameras des historischen Anwesens war zu sehen, wie Clara in jener Regennacht als Letzte gemeinsam mit Thomas das Kellergewölbe betrat – und allein wieder herauskam.

Was niemand ahnte: Der wahre Drahtzieher war ihr gemeinsamer Arbeitgeber, und im Schatten der alten Schlossspiegel wachte eine düstere Macht, die kein menschliches Gericht je begreifen würde.

Der Hörer glitt Lukas aus der erstarrten Hand und prallte mit einem dumpfen Klacken auf den Holzboden seines kleinen Ateliers. Der schrille Piepton des Freizeichens füllte den Raum, aber Lukas hörte ihn kaum. Seine eigenen Ohren rauschten zu laut.

„Dein Bruder liegt unter den Dielen…“

Die Worte hallten in seinem Kopf, kalt und metallisch, wie der Klang einer geöffneten Gruft.

Thomas. Unter den Dielen. Von Schloss Eichenthal.

Lukas’ Blick wanderte zu dem alten Ölgemälde, das er gerade restaurierte. Ein düsteres Porträt einer Dame aus dem 18. Jahrhundert, ihre Augen starrten mit undurchdringlicher Melancholie aus dem Rahmen.

Das Schloss war der Ort ihrer gemeinsamen Arbeit, ihr zweites Zuhause. Für Lukas ein Paradies aus alten Hölzern und verstaubten Stoffen. Für Thomas ein Hort der Geheimnisse, die er zu oft zu ergründen versuchte.

Die polizeilichen Ermittlungen waren seit dem Anruf der Polizei, die Thomas’ Verschwinden als „gewöhnlichen Fall“ abgetan hatte, zu einem quälenden Stillstand gekommen. Nur Clara hatte geweint, und ihr Weinen hatte die offizielle Version untermauert: Thomas sei geflohen.

Aber Lukas hatte Clara gekannt, seit sie ein schüchternes Mädchen war, das Thomas aus der Dorfdisco mitgebracht hatte. Er spürte die Lüge in ihren Augen, selbst durch ihre Tränen hindurch.

Er wusste, dass Thomas niemals einfach so verschwinden würde. Nicht ohne ein Wort. Nicht ohne einen Abschiedsbrief, der seiner geliebten Clara oder ihm selbst Trost spenden könnte.

Lukas griff nach seiner alten Lederjacke. Er musste zurück ins Schloss. Es gab keine andere Möglichkeit.

Die regennasse Straße spiegelte die spärlichen Lichter der Vorstadt wider, als er mit seinem klapprigen Mercedes durch die Nacht fuhr. Jeder Schlag der Scheibenwischer synchronisierte sich mit dem pochenden Schmerz in seiner Brust.

Als er das eiserne Tor von Schloss Eichenthal erreichte, war es bereits weit nach Mitternacht. Massive, schmiedeeiserne Flügel, gekrönt von zackigen Speeren, die in den dunklen Himmel ragten.

Er parkte am Rand des Kieswegs, direkt neben dem kleinen Wachhäuschen, in dem seit Jahrzehnten der alte Herr Schmidt seine Nächte verbrachte. Das Licht war schwach, ein schläfriges, gelbliches Glimmen.

Lukas klopfte.

Es dauerte eine We Ewigkeit, bis die kleine Luke aufschwang und das zerknitterte Gesicht des Wachmanns zum Vorschein kam. Herr Schmidt trug seine übliche karierte Schirmmütze tief in die Stirn gezogen.

„Lindner? Was machen Sie denn um diese Zeit hier?“, brummte er und rieb sich die Augen.

„Ich muss in die Überwachungszentrale, Herr Schmidt.“ Lukas versuchte, seine Stimme ruhig zu halten. „Die Aufnahmen vom 11. Oktober. Ich brauche sie.“

Herr Schmidt schnaubte.

„Die Polizei war schon hier. Und die Herrin Clara. Die sagten, der Thomas sei abgehauen. Was wollen Sie da noch sehen?“

„Das ist mir egal, was die gesagt haben“, erwiderte Lukas, seine Geduld am Ende. „Mein Bruder ist verschwunden. Ich habe das Recht, die Aufnahmen zu sehen. Ich bin Angestellter von Herrn Weiss und habe hier Zutritt.“

Eine lange, unangenehme Stille breitete sich aus. Der Regen trommelte sanft auf das Dach des Wachhäuschens.

Herr Schmidt zögerte, musterte ihn von oben bis unten. Er wusste, dass Lukas keine leeren Worte sprach. Er war zwar der stille Restaurator, aber hinter seiner ruhigen Fassade steckte ein stoischer Wille, wenn es um seine Familie ging.

Schließlich seufzte der Wachmann und öffnete die Tür.

„Na gut. Aber rühren Sie nichts an. Und machen Sie keinen Ärger.“

Lukas folgte ihm durch eine Reihe düsterer Korridore, die er normalerweise tagsüber nur in hell beleuchtetem Zustand kannte. Jetzt, in der Nacht, mit nur Notbeleuchtung, wirkten die schweren Tapeten und vergoldeten Rahmen bedrohlich.

Sie erreichten den kleinen Raum, in dem eine Wand aus Monitoren flimmerte. Staubige Technik aus den frühen 2000er-Jahren.

Herr Schmidt setzte sich vor ein Bedienpult und tippte mühsam mit einem einzelnen Finger auf die Tasten.

„11. Oktober, die Nacht, als er verschwand“, murmelte Lukas. „Das Kellergewölbe. Kamera 7.“

Das Bild auf einem der Monitore wechselte zu einer grobkörnigen Schwarz-Weiß-Ansicht des langen Steinkorridors, der zum Gewölbe führte. Die Auflösung war schlecht, alles verschwommen und voller digitalem Rauschen.

Herr Schmidt spulte vor, erst langsam, dann schneller. Lukas beugte sich vor, die Augen auf den Bildschirm fixiert.

Plötzlich hielt Herr Schmidt an.

„Da!“, sagte Lukas und deutete auf die Uhrzeit am unteren Rand des Bildschirms: 23:47 Uhr.

Eine Gestalt betrat den Korridor. Thomas. Er sah müde aus, aber nicht panisch. Er trug seinen braunen Wintermantel. Hinter ihm schob sich Clara ins Bild, ihr Regencape eng um sie geschlungen, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen.

Sie sprachen miteinander, die Lippen bewegten sich, aber es gab keinen Ton. Lukas spürte einen Stich in der Brust. Was hatten sie besprochen?

Die beiden verschwanden aus dem Bild, in Richtung des Gewölbes.

Herr Schmidt spulte weiter. Eine Minute. Zwei Minuten. Fünf. Die Bilder des leeren Korridors zogen sich in die Länge.

Lukas’ Herz begann schneller zu schlagen.

„Weiter“, flüsterte er.

Zehn Minuten. Fünfzehn.

Dann, um 00:13 Uhr, bewegte sich die Gestalt wieder. Clara. Allein.

Ihre Kapuze war immer noch tief ins Gesicht gezogen, doch Lukas sah, wie sie kurz innehielt. Ihre Schultern zuckten. Ein leises Geräusch, das er durch die Lautsprecher des Monitors kaum wahrnahm, klang wie ein metallisches Klicken.

War es die schwere Eichentür, die ins Schloss fiel?

Clara blickte sich nicht um. Sie ging schnellen Schrittes zurück, fast rennend, und verschwand wieder aus dem Bild.

Allein.

Thomas war nicht bei ihr.

Lukas sackte auf den Stuhl. Seine Hände ballten sich zu Fäusten. Das Alibi. Die Tränen. Alles eine Farce.

„Sehen Sie?“, fragte Herr Schmidt mit leiser Stimme. Er verstand jetzt.

Lukas schüttelte nur den Kopf. Ein kalter Zorn überflutete ihn, verdrängte die Trauer. Er stand auf, ohne ein Wort.

„Ich muss jetzt ins Gewölbe“, sagte er. Es war keine Frage.

Herr Schmidt protestierte nicht. Er überreichte Lukas den massiven Eisenschlüsselbund, der an seiner Gürtelschnalle klimperte.

„Passen Sie auf sich auf, Herr Lindner“, sagte der Wachmann. Seine Stimme war plötzlich ernst, besorgt.

Lukas nickte knapp.

Er eilte durch die dunklen Gänge, die Schlüssel in seiner Hand klirrten im Takt seiner Schritte. Der Weg zum Kellergewölbe war lang und führte in die tiefsten Katakomben des Schlosses. Hier unten war es feucht und roch nach feuchter Erde und Verfall.

Die schwere Eichentür des Gewölbes stand tatsächlich offen, als ob sie in Eile verlassen worden wäre. Lukas trat ein.

Die Luft war eisig. Die wenigen Glühbirnen an der Decke tauchten den großen Raum in ein spärliches, geisterhaftes Licht. Reihen von alten Truhen, verstaubten Möbeln und kunstvoll geschnitzten Holzkisten säumten die Wände. Dies war das Lager für die wertvollsten Antiquitäten, die auf Restaurierung warteten.

Er ging langsam, Schritt für Schritt, durch den Raum. Seine Augen suchten jeden Winkel ab. Er versuchte, Claras Schritte nachzuvollziehen.

Was hatte sie hier getan? Wohin hatte sie Thomas gebracht?

In einer hinteren Ecke, halb verborgen hinter einem Stapel von zerschlissenen Gobelins, fiel ihm etwas auf. Eine Unregelmäßigkeit in der Steinmauer.

Der Mörtel war an einer Stelle heller, neuer als der umgebende Stein. Eine kaum sichtbare Fuge verlief senkrecht von oben nach unten.

Er strich mit den Fingern über die kalte Oberfläche. Unter seiner Hand spürte er einen feinen Grat. Er drückte. Nichts. Er suchte nach einem Hebel, einem Mechanismus.

Sein Blick fiel auf einen losen Stein, der sich leicht von der Wand abhob, direkt über der Fuge. Er schob ihn beiseite.

Dahinter lag eine kleine, rostbraune Metallplatte mit einer winzigen Kerbe. Lukas führte einen seiner Schlüssel hinein und drehte vorsichtig.

Ein leises Klicken.

Mit einem tiefen, mahlenden Geräusch begann sich ein Abschnitt der Mauer langsam nach innen zu schwenken. Ein dunkler Spalt offenbarte sich, dahinter nur tiefschwarze Leere. Die Luft, die ihm entgegenströmte, war noch kälter als die des Gewölbes, ein Hauch, der nach Erde, Metall und etwas anderem roch – etwas Scharfem, Unbekanntem.

Lukas starrte in die Dunkelheit. Er hatte dieses Gewölbe Dutzende Male betreten, aber diese Tür hatte er noch nie zuvor bemerkt.

Part 2

Lukas zögerte einen Moment, dann drückte er sich durch den schmalen Spalt. Er trat in einen kleinen, runden Raum.

Die Luft war hier noch kälter, erfüllt von einem metallischen Geruch, der sich mit dem modrigen Duft des Gewölbes mischte. Sein Handylicht zitterte in seiner Hand und tanzte über die Wände.

Was er sah, ließ ihn stocken. Der Raum war nicht aus Stein, wie das Gewölbe, sondern schien von dunkel glänzendem, fast schwarzem Material ausgekleidet. Überall hingen oder standen Spiegel. Groß und massiv, aus einer Art poliertem Obsidian, so dunkel, dass sie das Licht förmlich verschluckten.

Es waren keine normalen Spiegel.

Als Lukas seinen Blick in den nächsten Spiegel warf, erwartete er, sein eigenes blasses Gesicht und den dahinterliegenden Raum zu sehen. Stattdessen zeigte die Oberfläche etwas völlig anderes: eine weite, neblige Landschaft, in der knorrige Bäume ihre Schatten auf ein schlammiges Ufer warfen. Ein anderer Spiegel zeigte eine endlose, leere Halle mit Säulen, die ins Nichts ragten.

Nichts von dem, was er sah, entsprach der physikalischen Realität. Die Spiegelbilder waren verzerrt, fremd und seltsam lebendig. Sie zeigten Orte, die nicht existieren konnten, nicht hier, nicht jetzt.

Er spürte, wie sich die Nackenhaare sträubten. Ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken. Was war das für ein Ort?

Sein Blick fiel auf den Boden, direkt unter einem der größten Obsidianspiegel. Dort lag etwas. Ein kleines, abgenutztes Notizbuch mit einem dunkelgrünen Ledereinband.

Thomas’ Notizbuch. Unverkennbar.

Es war aufgeschlagen, die Seiten waren nass und zerfleddert. Lukas bückte sich, seine Finger zitterten, als er es vorsichtig aufhob. Ein Geruch von Eisen und Verfall strömte ihm entgegen, als er die feuchten Seiten vorsichtig umblättern wollte.

In diesem Moment drang ein tiefes Knirschen und Ächzen von hinten an sein Ohr. Der Mechanismus der Geheimtür, die er gerade durchschritten hatte, gab ein metallisches Geräusch von sich.

Lukas wirbelte herum, doch es war zu spät. Mit einem lauten, dumpfen Schlag fiel der schwere Steinabschnitt zurück in seine Verankerung.

Die absolute Schwärze verschluckte das spärliche Licht des Gewölbes. Er war gefangen.

Kapitel 2: Die Narben der Vergangenheit

Ein leises Klingen riss mich aus der Versteinung. Eine Frau trat aus dem dunklen Korridor hinter den Säulen hervor. She trug einen durchnässten Trenchcoat und hielt ein schweres, geschütztes Tablet in den Händen.

“Ich bin Saskia Richter,” sagte sie mit ruhiger, festgeschriebener Stimme. “Freie Journalistin. Und wenn du wissen willst, was wirklich mit Thomas passiert ist, solltest du das hier lesen.”

Sie hielt mir den Bildschirm entgegen. Es waren wiederhergestellte Chatverläufe aus einem Cloud-Backup von Thomas’ Telefon.

“Arthur Weiss hat ihn hergelockt,” flüsterte ich und starrte auf die Nachrichten vom 11. Oktober.

“Wertermittlung im Spiegelraum,” las Saskia vor. “Weiss hat Thomas um Punkt 21:00 Uhr zur Krypta bestellt. Er versprach ihm die Löschung angeblicher Firmenschulden, wenn er ein ‘besonderes Relikt’ schätzt.”

Ich scrollte weiter nach unten. Die Nachrichten zeigten auch Abfänge zwischen Weiss und Claras Telefon.

Weiss hatte Clara nicht als Komplizin engagiert. Er hatte sie erpresst.

“Clara ist nicht die Täterin,” sagte ich, während sich mein Magen verkrampfte. “Sie wurde benutzt.”

“Sie hatte Todesangst,” nickte Saskia. “Aber das schützt sie nicht vor dem, was Weiss als Nächstes plant.”

Plötzlich flackerte das Licht an der Decke des Korridors. Ein kalter Zug fuhr durch das alte Mauerwerk, obwohl draußen kein Wind ging.

Saskia blickte zur Treppe hinauf. “Wir müssen hier raus. Weiss hat überall Sensoren.”

Als wir das Schlossgelände verließen, sah ich im Rückspiegel meines Wagens die Silhouette von Arthur Weiss an einem der oberen Schlossfenster stehen. Er hielt ein Glas Wein in der Hand und sah uns stumm nach.

Kapitel 3: Kampagne des Schmutzes

Am nächsten Morgen brüllten mir die Schlagzeilen der regionalen Zeitungen entgegen.

“Okkulter Wahn auf Schloss Eichenthal: Restaurator beschädigt historisches Erbe,” titelte das Lokalblatt.

Ein gefälschter Polizeibericht behauptete, ich sei wegen einer schweren mentalen Störung in der Krypta aufgefallen. Fotos von mir, verwackelt und im Scheinwerferlicht, fluteten das Internet.

Um 09:30 Uhr rief mich mein Auftraggeber aus der Altstadt-Werkstatt an.

“Lukas, komm gar nicht erst wieder,” sagte er trocken. “Der Vorstand hat deine Kündigung bereits unterschrieben. Herr Weiss hat uns über deine… Zustand informiert.”

“Das ist eine Lüge!” rief ich in den Hörer. “Weiss vertuscht das Verschwinden meines Bruders!”

“Such dir professionelle Hilfe, Lukas,” antwortete er und legte auf.

Innerhalb von sechs Stunden war mein Ruf vernichtet.

Nachbarn wichen mir im Treppenhaus aus. Vor meiner Haustür standen zwei Reporter mit Mikrofonen, die mir schamlose Fragen über Thomas’ angeblichen Selbstmord schrien.

Saskia stieß am Nachmittag zu mir, während ich die Vorhänge meiner Wohnung zugezogen hielt.

“Er schneidet dir die Luft ab,” sagte sie und legte einen Ordner auf den Tisch. “Er will, dass niemand dir glaubt, wenn du die Wahrheit sagst.”

“Es funktioniert,” flüsterte ich und starrte auf meine zitternden Hände.

“Noch nicht,” erwiderte sie hart. “Denn er hat einen Fehler gemacht.”

Kapitel 4: Schatten der Unterwelt

Saskia schlug den Ordner auf. Zum Vorschein kamen gefälschte Grundbuchauszüge und dubiose Schuldscheine.

“Arthur Weiss ist nicht der reiche Mäzen, für den ihn alle halten,” sagte sie. “Er ist pleite. Und zwar seit fast zwei Jahren.”

“Woher hat er dann das Geld für die Schlossrestaurierung?” fragte ich.

“Vom ‘Kollektiv’,” antwortete Saskia leise. “Einem Syndikat des organisierten Verbrechens aus Frankfurt. Geführt von einem Mann namens Viktor Vogel.”

Sie schob ein Foto über den Tisch. Es zeigte einen älteren Mann im maßgeschneiderten Mantel mit eiskalten, grauen Augen.

“Weiss schuldet Vogel exakt 4,5 Millionen Euro,” erklärte Saskia. “Die Rückzahlungsfrist ist vor drei Tagen abgelaufen. Genau an dem Tag, an dem Thomas verschwand.”

Ich sah das Datum auf den Dokumenten an. Der Zusammenhang war glasklar.

“Saskia, du glaubst, es geht hier um Geldwäsche,” sagte ich leise. “Aber was ich in diesem Gewölbe gesehen habe… die Räume im Spiegel…”

“Ich bin Journalistin, Lukas. Ich halte mich an Zahlen,” sagte sie bestimmt.

“Die Zahlen erklären aber nicht, warum mein Bruder im Spiegel verschwunden ist,” entgegnete ich.

Saskia schwieg für einen Moment. Dann reichte sie mir ein weiteres Blatt.

“Dann schau dir das an. Kroll hat da seine Finger im Spiel.”

Kapitel 5: Das Siegel des Notars

Das Büro von Dr. Heinrich Kroll roch nach altem Tee und teurem Zigarrenrauch. Der korrupte Notar saß hinter einem schweren Eichentisch und versuchte vergeblich, seine zitternden Hände zu verbergen.

Saskia warf die Unterlagen direkt auf seine Schreibtischunterlage.

“Lebensversicherung über 2,2 Millionen Euro,” sagte Saskia eiskalt. “Ausgestellt auf Thomas Lindner. Begünstigter: Arthur Weiss. Unterschrieben vor vier Wochen.”

Kroll lief weiß wie die Wand an. Er griff nach seinem Glas Wasser, ließ es jedoch fallen. Das Glas zerbrach klirrend auf dem Parkett.

“Das… das ist eine betriebliche Absicherung gewesen,” stammelte Kroll.

“Thomas hat diese Unterschrift nie geleistet,” fuhr ich ihn an und trat einen Schritt näher. “Sie haben seine Unterschrift gefälscht!”

“Sie verstehen das nicht!” rief Kroll plötzlich mit überschlagender Stimme. “Weiss steht unter dem Einfluss von Kräftern… er hört Dinge! Er befahl mir, es zu tun!”

“Welche Dinge?” fragte ich.

“Die Stimme im Spiegel!” schrie Kroll und verdeckte sein Gesicht mit den Händen. “Weiss sagte, das Glas fordere ein Leben, um die Schulden zu tilgen! Wenn ich nicht unterschrieben hätte, wäre ich der Nächste gewesen!”

Saskia blickte mich entsetzt an. Zum ersten Mal schwand der Unglaube aus ihren Augen.

Kroll kauerte auf seinem Stuhl, ein gebrochener Mann.

“Wo ist die Originalurkunde?” verlangte Saskia zu wissen.

“Bei Weiss,” flüsterte Kroll. “In der Glaskassette im Museumsbereich.”

Kapitel 6: Nachrichten aus dem Nichts

Wir verließen das Notariat in völligem Schweigen. Draußen hatte die Nacht eingesetzt, und ein kalter Nieselregen legte sich über die Stadt.

Ich saß auf dem Beifahrersitz von Saskias Wagen, als mein Mobiltelefon in der Jackentasche vibrierte.

Es war punkt 00:00 Uhr.

Das Display leuchtete auf. Das Herz blieb mir stehen.

Auf dem Bildschirm stand der Name meines vermissten Bruders: *Thomas*.

Ich riss das Telefon hoch. Die Nachricht war kurz:

*Er hat mich dem Glas gegeben. Krypta. Sektor C. Bring das Licht.*

“Saskia, sieh dir das an!” rief ich und hielt ihr das Display hin.

Sie starrte auf die Nummer. “Das ist unmöglich. Das Netz für dieses Telefon ist seit 72 Stunden tot.”

“Er ist dort unten,” sagte ich mit zitternder Stimme. “Er lebt noch. Oder etwas benutzt sein Telefon.”

“Das könnte eine Falle von Weiss sein,” warnte sie.

“Mir egal,” sagte ich fest. “Ich gehe zurück ins Schloss.”

Saskia sah mich lange an. Dann startete sie den Motor. “Ich komme mit. Aber wir gehen nicht unvorbereitet.”

Kapitel 7: Claras Tränen

Bevor wir zum Schloss fuhren, hielten wir an Claras kleiner Wohnung am Stadtrand. Sie öffnete die Tür nur einen Spalt breit. Ihre Augen waren rot umrandet, ihr Haar völlig verfilzt.

Als sie mich sah, brach sie in stumme Tränen aus.

“Lukas… es tut mir so leid,” schluchzte sie und ließ uns herein.

Die Wohnung war verwüstet. Kisten lagen umgestürzt am Boden, als hätte jemand hektisch nach etwas gesucht.

“Du wusstest es,” sagte ich ruhig, obwohl in mir ein Sturm tobte. “Du hast der Polizei erzählt, er sei wegen 180.000 Euro Schulden geflohen.”

“Weiss drohte mir!” schrie Clara verzweifelt. “Er sagte, er würde meinen Kindern etwas antun! Er zwang mich, mit Thomas in den Keller zu gehen!”

“Was ist da unten passiert, Clara?” fragte Saskia sanft.

Clara zitterte am ganzen Körper. She sank auf die Knie.

“Weiss hat ein Wort gesprochen… ein altes Wort,” flüsterte sie. “Thomas stand vor dem großen Obsidian-Spiegel. Er schaute hinein… und dann griff seine eigene Reflexion nach seinen Handgelenken.”

Sie vergrub das Gesicht in den Händen.

“Er hat geschrien, Lukas. Er hat meinen Namen gerufen. Und Weiss versiegelte die Tür von außen mit dem Riegel. Ich dachte, es sei ein Trick… ein böser Zaubertrick! Aber er kam nie wieder heraus!”

Ich schloss die Augen. Der Schmerz war wie ein Stich mitten ins Herz.

“Er ist immer noch dort drin,” sagte ich leise.

Kapitel 8: Kälte hinter dem Glas

Wir schlichen uns durch den alten Dienstboteneingang in das Kellergewölbe von Schloss Eichenthal. Die Dunkelheit hier unten war dicker, fast greifbar.

Als wir die Schwelle zum Gewölbe der Obsidian-Spiegel überschritten, fiel die Temperatur schlagartig ab.

Saskia keuchte auf. Unser Atem bildete dichte weiße Wolken im Schein unserer Taschenlampen.

Ich blickte auf mein Thermometer an der Uhr: -12°C.

“Das ist physikalisch unmöglich,” flüsterte Saskia. “Wir haben Oktober.”

Auf dem Boden hatte sich eine dünne Eisschicht gebildet. Vor uns ragte der riesige, geschwärzte Obsidian-Spiegel auf. Seine Oberfläche war spiegelglatt, doch die Reflexion zeigt nicht uns, sondern einen endlosen, verfallenen Korridor.

Plötzlich ertönte ein dumpfes Geräusch.

*Patsch.*

Ein nasser, blutiger Handabdruck erschien an der *Innenseite* der Glasscheibe.

Dann noch einer.

“Lukas…” raunte eine Stimme. Sie kam nicht aus dem Raum. Sie kam direkt aus der Tiefe des Glases. Es war Thomas’ Stimme.

“Thomas!” schrie ich und rannte auf den Spiegel zu.

Saskia hielt mich am Ärmel zurück. “Lukas, nein! Fass es nicht an!”

Hinter dem Glas formte sich im Schatten die dunkle Kontur einer Gestalt. Sie schlug verzweifelt gegen die Barriere, doch das Glas gab nicht nach.

Kapitel 9: Die Verwüstung

Wir mussten fliehen, als die Alarmanlage des Schlosses plötzlich losheulte. Weiss hatte bemerkt, dass wir im Gebäude waren.

Am nächsten Morgen stand ich vor den Trümmern meiner Existenz.

Aufgehetzt von Weiss’ Medienkampagne hatte ein Mob meine Restaurierungswerkstatt verwüstet. Die Schaufensterscheiben waren eingeschlagen, meine wertvollsten Werkzeuge zerschmettert.

An der Wand prangte in roter Farbe das Wort: *MÖRDER*.

Ich stand inmitten der Scherben und fühlte nichts mehr. Die Taubheit hatte von mir Besitz ergriffen.

Saskia trat neben mich. Sie trug eine Schnittwunde an der Wange, hielt aber ihr Laptop fest umschlungen.

“Sie haben dir alles genommen,” sagte sie leise.

“Sammle die Unterlagen über Weiss und das Syndikat,” antwortete ich ohne Emotionen. “Wir spielen dieses Spiel nicht mehr nach den Regeln der Presse.”

“Was hast du vor?”

“Wenn die Polizei Weiss nicht anfasst, weil er sie bezahlt,” sagte ich und sah sie an, “dann geben wir die Beweise den Einzigen, die keinen Notar und kein Gericht brauchen.”

Saskia verstand sofort. “Viktor Vogel.”

Kapitel 10: Ein tödlicher Pakt

Zwei Stunden später trafen wir uns mit einem Mittelsmann auf einem verlassenen Industriegelände am Rande von Frankfurt.

Saskia übergab einen verschlüsselten USB-Stick und die gefälschten Dokumente von Kroll.

“Herr Vogel wird diese Information sehr schätzen,” sagte der Mann im dunklen Anzug mit kalter Lächeln. “Herr Weiss hat behauptet, das Geld liege auf einem Treuhandkonto. Jetzt sehen wir, dass er versucht hat, sich über eine gefälschte Lebensversicherung abzusetzen.”

“Er wird heute Nacht versuchen, das Ritual zu vollenden,” sagte ich. “Er glaubt, wenn er ein zweites Opfer bringt, wird die Macht im Spiegel ihm ewige Jugend und unendlichen Reichtum schenken.”

Der Mann schloss die Autotür.

“Herr Vogel mag keine Okkultisten,” sagte er knapp. “Aber er hasst Leute, die ihn bestehlen, noch viel mehr. Schloss Eichenthal gehört heute Nacht uns.”

Als der Wagen davonfuhr, sah Saskia mich besorgt an.

“Wir haben Monster auf ein anderes Monster hetzt, Lukas.”

“Das ist mir egal,” sagte ich. “Solange Weiss für das bezahlt, was er Thomas angetan hat.”

Kapitel 11: Die Glaskassette

Ich nutzte das Chaos des späten Nachmittags, um noch einmal unbemerkt in den Museumsbereich des Schlosses einzudringen. Ich musste die Glaskassette finden, von der Kroll gesprochen hatte.

Der Raum war dämmrig und roch nach abgestandener Luft. In einer Vitrine in der Mitte des Raumes stand eine Kassette aus dickem, grünlichem Glas, die seit über 200 Jahren versiegelt war.

Die Metallbeschläge waren verrostet und mit antiken Siegeln versehen.

Ich trat an die Vitrine heran und leuchtete mit meiner Lampe hinein.

Mein Herz verpasste einen Schlag.

Inmitten der leeren, Staub bedeckten Glaskassette lag ein einzelner Gegenstand.

Es war ein goldener Ring mit einer kleinen Gravur auf der Innenseite: *Clara & Thomas – 14.10.2018*.

Es war Thomas’ Ehering.

Die Kassette war von außen ungeöffnet. Die Siegel waren unversehrt.

Der übernatürliche Schrecken ließ sich nun nicht mehr leugnen. Der Spiegel hatte nicht nur Thomas’ Körper verschlungen — das Wesen zog seine Habseligkeiten durch die Dimensionen.

Ehe ich den Raum verlassen konnte, spürte ich einen harten Schlag im Nacken.

Alles wurde schwarz.

Kapitel 12: In der Falle des Chefs

Als ich das Bewusstsein wiedererlangte, brannte mein Kopf wie Feuer.

Ich war an einen schweren Stuhl gefesselt. Das kalte Parkett des Gewölbes drückte durch meine Hose.

Vor mir stand Arthur Weiss. Er trug ein langes, dunkles Gewand, seine Augen waren rot umrandet und von dunklen Schatten unterlaufen.

“Du hättest es ruhen lassen sollen, Lukas,” flüsterte Weiss. Seine Stimme klang brüchig, fast wahnsinnig.

Neben ihm ragte der große Obsidian-Spiegel auf. Das Glas schimmerte jetzt in einem unnatürlichen, pulsierenden Violett.

“Du hast meinen Bruder ermordet!” schrie ich und versuchte, mich aus den Stricken zu winden.

“Ich habe ihn dargebracht!” korrigierte mich Weiss hysterisch. “Das Wesen verlängert mein Leben! Es löscht meine Schuld! Aber Thomas war nicht genug… die Einheit verlangt das Blut der gleichen Linie!”

Er zog ein altes, silbernes Zeremonienmesser aus seiner Toga.

“Du bist das zweite Opfer, Lukas. Sobald dein Blut den Sockel berührt, gehört Schloss Eichenthal für immer der Dunkelheit, und meine Schulden bei Vogel sind wertlos!”

Er trat einen Schritt näher und hob das Messer.

Kapitel 13: Die Stunde der Vollstrecker

Bevor Weiss das Messer senken konnte, erschütterte eine gewaltige Explosion die obere Schlosstür.

Schwere Schritte polterten die Steintreppe hinab. Schüsse hallten durch die Korridore.

“Was ist das?!” schrie Weiss und fuhr herum.

Die schwere Eichentür der Krypta wurde aufgesprengt. Trümmer flogen durch den Raum.

Vier bewaffnete Männer in dunkler Einsatzkleidung stürmten hinein, gefolgt von Viktor Vogel. Er trug seinen Maßanzug, ganz ohne Hast, als liefe er durch eine Galerie.

“Guten Abend, Arthur,” sagte Vogel mit ruhiger, eiskalter Stimme. “Du hast mir erzählt, mein Geld sei in Immobilien angelegt.”

Weiss wich zitternd zurück, das Messer fiel ihm aus der Hand. “Viktor… ich… ich kann alles erklären!”

“Du hast Dokumente gefälscht. Du hast das ‘Kollektiv’ belogen,” sagte Vogel und nickte seinen Männern zu. “Keine Polizei. Wir regeln das unter uns.”

“Nein! Halt!” schrie Weiss und wich direkt an den Obsidian-Spiegel zurück. “Ihr versteht nicht, was hier wacht!”

Kapitel 14: Das Urteil des Spiegels

In diesem Moment riss die Luft im Raum entzwei.

Ein schrilles, ohrenbetäubendes Geräusch erfüllte die Krypta. Das Glas des riesigen Obsidian-Spiegels spaltete sich in tausend leuchtende Risse.

Dunkle, rauchähnliche Schemen brachen aus der Scheibe hervor. Sie wucherten wie riesige Arme durch den Raum.

Einer der Männer Vogels feuerte seine Waffe ab, doch die Kugeln flogen wirkungslos durch den Schatten hindurch.

Die Schemen ergriffen Weiss an den Schultern.

“Nein! Lass mich! Ich habe dir den anderen gegeben!” kreischte Weiss, als die Wesenheit ihn langsam vom Boden abhob und gegen die gläserne Wand zog.

Sein Körper begann, sich im Glas zu spiegeln — doch seine Bewegung verlangsamte sich, je tiefer er hineingezogen wurde. Mit einem letzten, schrecklichen Schrei verschwand Arthur Weiss im Dunkel des Obsidian-Spiegels.

Das Glas schloss sich blitzartig hinter ihm. Es war wieder spiegelglatt.

Saskia, die den Männern im Chaos gefolgt war, eilte zu mir und schnitt mit einem Taschenmesser meine Fesseln durch.

Sie hielt einen zerknitterten Brief in der Hand, den sie auf Weiss’ Schreibtisch gefunden hatte. Es war Claras geschriebener Abschiedsbrief.

Ich las die Zeilen im flackernden Licht:

*Thomas wusste von der Macht im Spiegel. Er wollte sie zerstören, um Weiss aufzuhalten. Doch der Preis war sein eigener Körper. Er bleibt für immer gefangen im Zwischenreich, damit die Welt sicher ist.*

Ein tiefer Stöhnen drang noch einmal aus dem Spiegel. Ich wusste, dass mein Bruder nie wieder in diese Welt zurückkehren würde.

Kapitel 15: Beton und Schweigen

Viktor Vogel steckte seine Hände in die Mantel taschen. Er trat an den Spiegel heran, sah hinein und wandte sich dann eiskalt ab.

“Macht das Gewölbe dicht,” befahl er seinen Männern. “Niemand betritt diesen Ort je wieder.”

In den folgenden drei Stunden sahen Saskia und ich tatenlos zu, wie das Syndikat seine Arbeit erledigte.

Ein Betonmischer-LKW fuhr im Schlosshof vor. Tonnen von flüssigem Schnellbeton wurden durch die Schächte direkt in die Krypta gepumpt.

Das gesamte Gewölbe der Obsidian-Spiegel wurde meterhoch aufgefüllt, bis der Raum vollständig versiegelt war.

Sämtliche Unterlagen über Weiss, die gefälschten Versicherungen und die Schuldscheine wurden im Innenhof in einer großen Tonne verbrannt.

Für die Behörden blieb Arthur Weiss spurlos verschwunden — ein weiterer Investor, der sich angeblich ins Ausland abgesetzt hatte, um seinen Gläubigern zu entkommen.

Keine Polizei ermittelte weiter. Das Syndikat hatte die Akte auf seine eigene Weise geschlossen.

Kapitel 16: Am Ufer des Titisees

Ein Jahr war vergangen. Genau 365 Tage seit jener Regennacht, in der mein Leben aus den Fugen geraten war.

Ich saß auf einer Holzbank am Ufer des Titisees im Schwarzwald. Die Abendsonne tauchte das ruhige Wasser in ein tiefes, warmes Orange. Die Luft roch nach Kiefern und frischem Harz.

Neben mir lag Claras letzter Brief. She hatte die Stadt kurz nach jener Nacht verlassen und war mit ihren Kindern untergetaucht, um irgendwo neu anzufangen.

Saskia hatte eine große Buchreihe über Immobilienbetrug veröffentlicht — das Okkulte hatte sie aus ihren Artikeln gestrichen, um ihre Glaubwürdigkeit zu wahren. Wir telefonierten noch einmal im Monat.

Ich nahm ein kleines Foto von Thomas aus meiner Geldbörse und strich vorsichtig über das verblasste Papier.

Die Trauer war nicht kleiner geworden. She hatte nur ihre Form verändert, war zu einem ständigen, leisen Begleiter in meiner Brust geworden.

Ich trat an den Rand des Stegs und blickte hinab ins seichte Wasser.

Der See liegt still vor mir, doch in jedem Spiegelbild suche ich noch immer nach dem Schatten meines Bruders. Manche Türen lassen sich nie wieder schließen.


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