CHAPTER 1: Der Geruch von kaltem Fett und Holz
Part 1
“Schrubb die Dielen in der Küche und zeig dich heute Abend nicht, Katharina,” sagte Mark und warf meiner Schwester den feuchten Putzlappen ins Gesicht.
“Ich nehme Saskia mit zum Jubiläumsball der Holz-Genossenschaft, weil sie weiß, wie man sich neben einem künftigen Teilhaber benimmt.”
Seine Mutter Helga nickte spöttisch und stellte die Teller vom Abendessen polternd auf den Küchentisch, ohne Katharina auch nur eines Blickes zu würdigen.
Mark prahlte damit, dass er heute Abend die geheimnisvolle Hauptinvestorin der Schwarzwald-Holzholding treffen würde, um sich die Verkaufsrechte unseres Familienbetriebs zu sichern.
Ich stand mit 15 Jahren stumm in der Türrahmen-Ecke der Gaststube und ballte die Fäuste in den Taschen meiner Jacke.
Sie ahnten nicht, wer die Verträge der Holding in Wahrheit unterzeichnet hatte.
Der feuchte Lappen traf Katharinas Wange mit einem leisen Geräusch. Tropfen von Spülwasser spritzten auf ihren schon durchtränkten Schürzenstoff. Sie zuckte zusammen, sagte aber kein Wort.
Ihr Blick war leer, starr auf die dreckigen Dielen gerichtet, die sie schon den ganzen Nachmittag scheuerte. Ich sah die Röte auf ihrer Haut, dort wo der Lappen sie getroffen hatte.
Helga Lindner stapelte die Teller weiter. Das Porzellan klirrte laut. Sie schien die Szene zu genießen, ein leises, befriedigtes Schnauben entwich ihr, während sie Marks Worte genüsslich verarbeitete.
“Du hast gehört, Katharina”, sagte Helga, ihre Stimme klang süßlich-falsch. “Die Arbeit ruft.”
Mark zog sich seinen Jackettkragen zurecht. Er ignorierte Katharina völlig, als wäre sie ein Möbelstück. Seine Blicke galten nur seinem makellosen Hemd, das er für den Abend sorgfältig ausgewählt hatte.
Ich spürte, wie der Zorn in mir hochkochte. Meine Hände zitterten leicht in meinen Jackentaschen. Ich wollte etwas sagen, etwas tun, aber die Worte blieben mir im Hals stecken, wie so oft.
Katharina beugte sich wieder über den Putzlappen. Das Geräusch des Schrubbens hallte durch die kühle, nach altem Frittierfett und Holz riechende Küche des Gasthofs ‘Zum Hirsch’. Es war ein dumpfes, unablässiges Geräusch, das ihren Schmerz zu überdecken schien.
Ich wartete, bis Mark und Helga endlich die Küche verließen. Ihre Stimmen verklangen im Flur, Mark lachte noch einmal laut. Die Haustür schlug ins Schloss.
Endlich war Stille. Nur noch Katharinas gleichmäßiges Schrubben.
Sie sah nicht auf, als ich an ihr vorbeiging. Ihr Rücken war gekrümmt, ihre Schultern sackten nach unten. Das Bild brannte sich in mein Gedächtnis ein.
Ich schlich mich in Marks alte Werkstatt. Sie war nur ein paar Schritte von der Küche entfernt, über einen kleinen Hinterhof zu erreichen, ein Ort, den er seit Monaten kaum noch betrat.
Ein modriger Geruch nach feuchtem Holz und abgestandenem Bier hing in der Luft. Überall lagen Werkzeuge herum, die er nicht mehr brauchte, alte Späne vom letzten Sägevorgang klebten am Boden.
Auf seiner Werkbank lag ein altes Tablet. Es war eines seiner ersten Modelle, ein klobiges Teil, das er vor Jahren ausrangiert hatte, als er sich ein neueres zulegte. Ich erinnerte mich noch gut daran, wie er immer damit hantierte.
Der Bildschirm war von einer dicken Staubschicht überzogen. Ich nahm es vorsichtig in die Hand. Das kalte Metall fühlte sich fremd an. Ein leises Geräusch, als ich den Staub wegwischte.
Ich drückte den Einschaltknopf. Nichts.
Ich probierte es noch einmal, hielt den Knopf länger gedrückt. Das Display blieb schwarz. Ein Stich der Enttäuschung durchfuhr mich. Sollte das alles umsonst sein?
Dann, nach einer Ewigkeit, flackerte ein schwaches Licht auf. Das alte Tablet erwachte langsam zum Leben. Das Startlogo erschien, dann der Anmeldebildschirm.
Ich kannte Marks Muster. Er war zu faul für komplizierte Passwörter. Ein einfaches Wischmuster, das ich ihm früher oft über die Schulter gesehen hatte. Es war eine Art Z, zweimal durchgestrichen.
Der Bildschirm entsperrte sich. Ich sah mich um. Keiner da. Nur das leise Surren des Tablets und das ferne Geräusch von Katharinas Putzlappen.
Ich wusste, wonach ich suchte. Mark war ein geübter Schwätzer, aber ein schlechter digitaler Aufräumer. Er löschte nie etwas richtig.
Ich tippte auf das WhatsApp-Icon. Es war noch da, obwohl es schon lange nicht mehr aktualisiert worden war. Ich hoffte, dass der Verlauf nicht zu alt war.
Der Chatverlauf öffnete sich. Namen, die ich kannte, Namen, die ich nicht kannte. Ich scrollte nach unten, suchte nach auffälligen Gesprächen, nach Hinweisen.
Ich sah Nachrichten von Saskia, viele Herzchen und Kuss-Emojis. Typisch Mark.
Aber dann fand ich etwas anderes. Ein Chat mit einem Kontakt namens “Bau AG Schwarzwald”. Der Name ließ mich sofort aufhorchen. Was hatte Mark mit einer Baufirma zu tun?
Ich tippte darauf. Die Nachrichten waren alt, aber nicht gelöscht. Es ging um Preise, um Grundstücke, um Termine. Und um unseren Gasthof.
Ich scrollte weiter, meine Finger zitterten jetzt richtig. Dann sah ich ein PDF-Dokument. Es war als “Vertrag_Hirsch_Verkauf.pdf” benannt.
Mein Herz setzte einen Schlag aus. Ich tippte darauf, öffnete die Datei. Ein offiziell aussehendes Dokument füllte den Bildschirm.
“Kaufvertrag über das Grundstück, Flurnummer 147, Gemarkung Triberg, einschließlich des Gasthofs ‘Zum Hirsch’ und der angrenzenden Holzverarbeitungsanlage ‘Weber & Co. Holzverarbeitung KG’.”
Mein Atem stockte. Die Summe stand in dicken schwarzen Lettern darunter: 85.000 €. Für unser gesamtes Anwesen, das ein Vielfaches wert war.
Ich sah eine Unterschrift unter dem Dokument. Katharina Lindner.
Part 2
Mein Herz hämmerte gegen meine Rippen. Katharina? Meine Schwester? Hatte sie das wirklich unterschrieben? Für so wenig Geld? Mein Kopf raste, versuchte, einen Sinn darin zu finden. Das gesamte Anwesen, unser Gasthof, die Sägemühle, der Hof – alles für lumpige 85.000 Euro. Das war ein Witz. Ein schlechter Witz.
Ich scrollte weiter nach oben im Chatverlauf, meine Finger zitterten. Ich musste mehr herausfinden. Da waren noch andere Nachrichten, die ich übersehen hatte, weiter oben in der Konversation zwischen Mark und diesem „Bau AG Schwarzwald“-Kontakt.
“Deal ist fix?”, schrieb Mark. “Wie sieht es mit den 45.000 € Provision aus, wenn der Verkauf über die Bühne geht? Brauche das Geld bis Ende des Monats.”
45.000 Euro. Provision.
Das stand da. Schwarz auf Weiß. Mark verkaufte unser Zuhause, unsere Existenz, unseren Familienbetrieb für 85.000 Euro und steckte davon fast die Hälfte als geheime Provision ein. Für ihn war es ein Geschäft, ein billiger Handel mit unserer Familie. Es war kein Fehler, kein Versehen. Es war ein kalkulierter Betrug. Ein Verrat, der mich bis ins Mark erschütterte.
Mir wurde heiß und kalt zugleich. Die Wut kochte in mir hoch, aber es war auch eine kalte, klare Entschlossenheit, die mich durchfuhr. Das konnte nicht sein. Das durfte nicht sein.
Ich hörte Geräusche vom Vorderhaus. Ein Auto fuhr vor, dann Marks lautes Lachen. Saskias glucksende Antwort, die wie Musik in seinen Ohren klang. Sie mussten gerade das Vorderhaus verlassen, bereit für den Jubiläumsball, wo Mark sich als künftiger Teilhaber aufspielen wollte. Seine Stimme klang leicht und sorglos, als hätte er nicht gerade das Fundament unserer Existenz verkauft und uns alle betrogen.
Sie stiegen in den Wagen. Der Motor heulte kurz auf, dann rollte das Auto vom Hof. Die Stille kehrte zurück, nur unterbrochen vom leisen Surren des Tablets in meinen Händen.
Ich sah das Display an. Die Zahlen, die Namen, Marks dreiste Forderung nach seiner Provision. Es war alles so deutlich. So abscheulich. Ein Schlag in Katharinas Gesicht.
Die Wut in mir verwandelte sich in einen eisernen Willen.
Ich musste Katharina die Wahrheit zeigen. Über diesen Betrug, über seine dreckigen Geschäfte. Sie musste wissen, wer die Holz-Holding wirklich besaß.
Kapitel 2: Die Neugier der Zeitung
Ein hartes Klopfen hallte durch die dunkle Flur der Hintertür.
Ich ließ das alte Werkstatt-Tablet in meine Jackentasche gleiten und schob den hölzernen Riegel zur Seite.
Draußen stand eine Frau mit einem durchnässten Trenchcoat und einer schweren Ledertasche unter dem Arm.
“Bist du der Junge von den Webers?”, fragte sie und strich sich eine feuchte Haarlocke aus dem Gesicht. “Ich bin Greta Fuchs von der *Badischen Zeitung*.”
Ich nickte langsam und blieb im Türrahmen stehen.
“Ich suche eigentlich nicht nach Gaststätten-Geschichten”, sagte sie und blickte an mir vorbei in den düsteren Flur. “Es geht um die alten Forstkarten aus dem Gemeindearchiv. Jahrgang 1988.”
“Wir haben hier keine Akten”, antwortete ich leise.
“Herr Breuer hat mir gesagt, dass dein Schwager Mark Lindner sich die Unterlagen gestern abgeholt hat”, meinte Greta und trat einen Schritt näher. “Zusammen mit einem gewissen Bauunternehmer Berger.”
Mein Herz schlug schneller. Der Name Berger war genau der Name, der in den gelöschten WhatsApp-Nachrichten auf dem Tablet aufgetaucht war.
“Mark ist nicht hier”, sagte ich. “Er ist mit Saskia Berger unterwegs.”
Greta zog eine Augenbraue hoch.
“Saskia Berger?”, fragte sie nach. “Die Nichte des Bauunternehmers?”
Sie griff in ihre Tasche und holte ein kleines Notizbuch heraus.
“Dein Schwager versucht gerade, Baugrundstücke im Sperrgebiet freizugeben”, sagte Greta leise. “Und der alte Gemeindearchivar hilft ihm offenbar dabei.”
Kapitel 3: Der ahnungslose Archivar
Ich ging die steile Kirchstraße hinauf, wo die Straßenlaternen nur gelbliche Flecken auf das feuchte Kopfsteinpflaster warfen.
Das kleine Haus von Herr Breuer lag versteckt hinter zwei mächtigen Tannen.
Durch das niedrige Fenster des Wohnzimmers sah ich zwei Gestalten am Esstisch sitzen.
Ich schlich an den Maschendrahtzaun heran und drückte mich in den Schatten der Hecke.
Mark saß am Tisch und schob dem pensionierten Archivar ein mehrseitiges Dokument hin.
“Herr Breuer, es ist alles mit der Familie abgesprochen”, hörte ich Marks Stimme durch das gekippte Fenster. “Katharina ist gesundheitlich nicht mehr in der Lage, Entscheidungen zu treffen.”
Der alte Mann rieb sich mit zitternder Hand über die Stirn und setzte seine Brille auf.
“Aber das Grundbuch auf den Namen Weber besteht seit 1954”, murmelte Breuer unsicher.
“Katharina hat zugestimmt”, barg Mark mit ruhiger, druckvoller Stimme. “Sie will den Betrieb abgeben. Wir brauchen nur Ihre Bestätigung, dass die Altlasten im Flurbuch nicht mehr rechtskräftig sind.”
Mark reichte ihm einen schweren Füllhalter.
Ich sah, wie Herr Breuer zögerte, die Lippen aufeinanderpresste und schließlich seinen Namen unter das Papier setzte.
Mark lächelte, zog das Blatt sofort an sich und faltete es zusammen.
Katharina wusste von alledem nicht das Geringste.
Kapitel 4: Das Erbe der Großmutter
Ich lief zurück zum Gasthof ‘Zum Hirsch’ und stieg die knarrende Holztreppe in den ersten Stock hinauf.
Im hinteren Zimmer brannte kein Licht.
Katharina saß auf einem einfachen Holzstuhl am Bett von Großmutter Martha, deren atemloser Schlaf das einzige Geräusch im Raum war.
“Mark ist beim Archivar gewesen”, flüsterte ich und trat an ihre Seite.
Katharina blickte nicht auf. “Ich weiß, was er vorhat, Lukas.”
Ich zog das Werkstatt-Tablet aus der Jacke und hielt es ihr hin.
“Er verkauft den Hof für 85.000 Euro unter dem Verkehrswert”, sagte ich. “Er kassiert 45.000 Euro Provision von Berger.”
Katharina blickte auf das Display. Ihre Augen blieben trocken, aber ihre Kiefermuskeln spannten sich an.
Sie stand auf, ging zum Bett der Großmutter und griff ohne ein Wort unter die schwere Daunenmatratze.
Sie zog eine verblichene, grüne Ledermappe hervor.
“Mark glaubt, er hat mich mit der Vollmacht in der Hand”, sagte Katharina leise.
Sie öffnete die Mappe und zeigte mir ein Dokument mit dem Siegel der Kreissparkasse Triberg.
“Ich habe vor drei Monaten das alte Erbe von Opa freigegeben”, flüsterte sie. “Ich halte 62 Prozent der Stimmrechte an der Schwarzwald-Holzholding. Nicht Mark. Und nicht die Genossenschaft.”
Kapitel 5: Gefälschte Bücher
Ein Geräusch aus dem Erdgeschoss ließ uns aufhorchen.
Ich schlich die Treppe hinab und blickte durch den Spalt der Büro-Schiebetür.
Helga Lindner stand am Schreibtisch. Die Mutter von Mark hatte ihre Handtasche auf den Stuhl gestellt.
Sie zog dicke, graue Ordner aus dem Regalfach mit der Aufschrift *2023*.
Mit schnellen Handgriffen riss sie die Kassenbücher heraus und stopfte sie in einen blauen Altpapiersack unter dem Tisch.
Dann nahm sie einen vorgefertigten Ordner aus ihrer Tasche und stellte ihn an dieselbe Stelle.
Ich beobachtete, wie sie einen Stempel auf ein weißes Blatt drückte.
Auf dem Briefkopf stand eine Summe in roter Schrift: *142.000 Euro Restschuld*.
Helga strich ihr Kleid glatt und lächelte vor sich hin.
Sie hatte die Buchhaltung so präpariert, dass Katharina als alleinige Schuldnerin einer erfundenen Pleite dastand.
Wenn die Dorfgenossenschaft diese Zahlen morgen zu Gesicht bekam, wäre Katharinas Ruf im Tal für immer ruiniert.
Ich zog mich lautlos in den dunklen Flur zurück.
Kapitel 6: Der falsche Glanz
Vor dem Eingang des Parkhotels Triberg glänzte der frisch polierte schwarze Wagen von Mark.
Saskia Berger stand im Vorraum und strich über ihr rotes Abendkleid.
“Wann unterschreibst du endlich die Verträge?”, fragte Saskia und sah auf ihre Armbanduhr. “Mein Onkel wartet nicht ewig.”
“Der Vertrag ist so gut wie durch”, sagte Mark und klopfte auf seine Innentasche. “Der Hof gehört morgen der Baugruppe. Wir ziehen nach Freiburg.”
Er schob die Glastür auf und winkte den Kellner an der Hotelbar herbei.
“Eine Flasche Champagner”, ordnete Mark an und zog seine schwarze Kreditkarte aus der Geldbörse.
Der Kellner tippte den Betrag in das Lesegerät und reichte es Mark.
Mark schob die Karte ein und wartete.
Ein schriller Piepton ertönte. Das Display blinkte rot auf.
*Zahlung verweigert – Konto gesperrt.*
“Versuchen Sie es noch einmal”, sagte Mark hastig, während ihm der Schweiß auf die Stirn trat.
“Die Karte ist gesperrt, Herr Lindner”, sagte der Kellner ruhig.
Saskia trat einen Schritt zurück und sah ihn von der Seite an.
Katharina hatte am Morgen die Konten der Holzverarbeitung ruhend stellen lassen.
Kapitel 7: Ein Bündnis im Hinterhof
Ich traf Greta Fuchs hinter der alten Sägemühle an der Gutach.
Der Regen hatte nachgelassen, aber der Wind blies die Kälte des Waldes durch die Balken.
Ich legte das Werkstatt-Tablet auf einen leeren Holzstapel.
“Hier sind alle Chatverläufe zwischen Mark und Bauunternehmer Berger”, sagte ich.
Greta beugte sich über den Bildschirm und tippte auf die Chat-Protokolle.
“45.000 Euro Bar-Provision bei Vertragsabschluss”, las sie laut vor. “Und eine Baugenehmigung für die obere Wiese.”
Sie sah mich an.
“Das ist versuchter Betrug an den Miterben”, sagte Greta. “Wenn ich das in die Zeitung bringe, ist der Deal platzt.”
“Nein”, sagte ich fest. “Keine Zeitung. Das Dorf würde Katharina erst recht als Opfer hinstellen.”
Greta schwieg eine Sekunde und nickte dann langsam.
“Was willst du stattdessen?”, fragte sie.
“Wir müssen den Archivar dazu bringen, seine Unterschrift zurückzuziehen”, sagte ich. “Noch heute Abend.”
Kapitel 8: Der Rückzieher des Archivars
Zehn Minuten später standen Greta und ich wieder in der Kirchstraße im Wohnzimmer von Herr Breuer.
Greta legte ihren Presseausweis und den Ausdruck des WhatsApp-Chats auf den Tisch.
“Herr Breuer”, sagte Greta mit harter Stimme. “Sie haben heute eine Bestätigung über die Löschung von Flurstück 142 unterschrieben.”
Der alte Mann blickte erschrocken zwischen uns beiden hin und her.
“Herr Lindner sagte mir, die Erben seien sich einig…”, stammelte Breuer.
“Der Käufer ist der Onkel von Marks Geliebter”, sagte ich direkt. “Und Katharina weiß von nichts.”
Breuers Hände fingen an zu zittern. Seine Kaffeetasse klapperte auf dem Unterteller.
“Ich… ich wusste das nicht”, flüsterte er und stand mühsam auf. “Ich dachte, es geht um die Rettung der Arbeitsplätze.”
Er ging zu einem alten Holzschrank im Flur und holte eine vergilbte Mappe heraus.
“Das hier sind die originalen Katasterauszüge von 1988”, sagte er mit brüchiger Stimme und drückte mir die Papiere in die Hand. “Ich ziehe meine Bestätigung bei der Gemeinde zurück. Sofort morgen Früh.”
Kapitel 9: Der Riegel vor der Tür
Als ich zum Gasthof zurückkehrte, brüllte eine Stimme durch das Parterre.
Ich rannte in den Gang zur Vorratskammer.
Mark stand vor der schweren Eichentür des Lagerraums und schob einen eisernen Riegel vor das Schloss.
“Du bleibst hier drin, bis der Ball vorbei ist!”, schrie Mark gegen das Holz.
Aus dem Inneren hörte ich Katharinas Fäuste gegen die Tür schlagen.
“Mach auf, Mark!”, rief sie.
Mark drehte sich um und hielt Katharinas Mobiltelefon in der Hand.
Er sah mich im Flur stehen und ging mit schnellen Schritten auf mich zu.
“Wenn du deiner Schwester hilfst, fliegst du aus der Lehre im Sägewerk”, zischte Mark und drückte mich gegen die Wand. “Ich unterschreibe heute Abend die Vollmacht im Parkhotel. Und niemanden interessiert, was ein 15-Jähriger denkt.”
Er warf Katharinas Telefon in einen Eimer mit Schmutzwasser und schritt zur Tür hinaus.
Kapitel 10: Der Weg durch das Fenster
Ich wartete, bis Marks Wagen den Innenhof verließ.
Dann lief ich zur alten Scheune und holte die dreiteilige Holzleiter aus dem Schuppen.
Ich stellte sie unter das kleine, vergitterte Fenster der Vorratskammer auf der Rückseite des Hauses.
“Katharina!”, rief ich leise nach oben.
Das Fenster wurde aufgestoßen. Katharinas Gesicht erschien hinter den verstaubten Scheiben.
“Das Gitter ist locker”, sagte sie atemlos. “Halt die Leiter fest!”
Mit einem alten Stemmeisen, das ich ihr durch die Sprossen reichte, drückte sie die verrostete Verankerung aus dem Sandstein.
Das Holz knirschte laut, als sie sich durch die schmale Öffnung zwängte und die Sprossen hinabstieg.
Ihre Hände waren schmutzig, aber ihr Blick war vollkommen ruhig.
“Wo ist Mark?”, fragte sie.
“Er ist unterwegs zum Parkhotel”, sagte ich. “Im oberen Verwaltungsbüro treffen sie sich.”
“Wir gehen nicht in den Ballsaal”, sagte Katharina und strich ihren Mantel glatt. “Wir gehen direkt ins Kontor.”
Kapitel 11: Die geschlossene Gesellschaft
Im Obergeschoss des Parkhotels Triberg war es still.
Untern im Festsaal spielte die Blaskapelle der Genossenschaft, und das Poltern von Holztischen drang schwach durch die Decke.
Mark saß an dem großen Echentisch des Verwaltungsbüros.
Neben ihm saß Saskia Berger, die ungeduldig mit den Fingern auf ihre Handtasche tippte.
Vor ihnen lag der Kaufvertrag über das gesamte Anwesen ‘Zum Hirsch’ inklusive der Sägemühle.
Mark hielt den Füllhalter in der Hand und wandte sich an den Notar des Bauunternehmens.
“Katharina lässt sich entschuldigen”, sagte Mark laut. “Sie hat mir die alleinige Vertretungsvollmacht übertragen.”
Saskia lächelte und tippte Mark auf die Schulter.
“Endlich”, flüsterte sie.
Mark setzte die Feder auf das Papier.
In diesem Moment flog die schwere Doppelaufzugstür des Flurs auf.
Kapitel 12: Hinter verschlossenen Türen
Katharina trat in den Raum. Ich folgte ihr zwei Schritte dahinter.
Mark starrte sie an, als hätte er ein Gespenst gesehen. Der Füllhalter hielt mitten in der Bewegung inne.
“Was machst du hier?”, herrschte Mark sie an und stand auf. “Das ist eine geschlossene Sitzung!”
Katharina ging langsam auf den Schreibtisch zu und legte die grüne Ledermappe aus dem Versteck der Großmutter direkt auf den Kaufvertrag.
“Der Kaufvertrag ist wertlos, Mark”, sagte Katharina leise. “Ich halte 62 Prozent der Holz-Holding. Du hast keinerlei Stimmrechte.”
Mark lachte kurz auf, aber seine Stimme überschlug sich.
“Du bist verschuldet! Helga hat die Unterlagen der Buchhaltung geprüft! Du stehst mit 142.000 Euro im Kreide!”
Katharina sah ihn kalt an.
“Deine Mutter hat die Buchhaltung gefälscht”, sagte sie. “Aber sie hat einen Fehler gemacht. Die Schuldenübernahme der alten Sägemühle läuft nicht auf das Geschäft. Sie hat die Papiere auf deinen Namen ausgestellt.”
Mark erstarrte.
“Was?”, stammelte er.
“Du haftest persönlich für 95.000 Euro”, sagte Katharina und blickte ihn direkt an. “Privat.”
Saskia Berger trat schlagartig einen Schritt von Mark weg.
“Was redet die da, Mark?”, fragte Saskia mit schriller Stimme. “Du hast gesagt, dir gehört das Anwesen!”
“Saskia, warte…”, versuchte Mark zu erklären.
“Du hast mich belogen!”, schrie Saskia, wandte sich ab und ließ die Tür hinter sich zufallen.
Mark sank auf den Stuhl zurück. Seine Hände zitterten so stark, dass der Füllhalter von der Tischkante rollte und auf dem Teppich landete.
Niemand schrie mehr. Es gab kein Publikum. Nur das Schweigen im Raum.
Kapitel 13: Der Schatten im Dorf
Am nächsten Morgen gab es keine Zeitungsberichte und keine Polizeiautos vor dem ‘Hirschen’.
Die Geschichte verbreitete sich still beim Bäcker in der Hauptstraße.
Herr Breuer hatte dem Gemeindevorstand die korrigierten Unterlagen übergeben, und um acht Uhr morgens wusste das halbe Dorf Bescheid.
Ich stand am Fenster des Gastraums und sah zu, wie Mark zwei Plastiksäcke mit seinen Kleidern in den Kofferraum seines Wagens warf.
Seine Mutter Helga stand an der Tür zur Waschküche und blickte auf den Boden, als die Nachbarin vorbeiging, ohne sie zu grüßen.
Mark stieg ein und ließ den Motor aufheulen.
Keiner wunk ihm hinterher. Es gab keine große Versöhnung, keine Umarmungen und keine Entschuldigungen.
Der Riss in der Familie war nicht verschwunden – er war nur sichtbar geworden.
Kapitel 14: Neun Tage später
Genau 9 Tage später saß ich am späten Nachmittag allein auf der ausgetretenen Holzbank hinter dem Gasthof ‘Zum Hirsch’.
Der Herbstnebel zog wie eine dicke graue Decke durch das Tal von Triberg und kroch die Hänge hinauf.
Katharina war drinnen in der Küche und ging stumm die Rechnungen des Monats durch.
Der Verkauf war verhindert, aber das Geld für die nötigen Reparaturen fehlte noch immer.
Das morsche Holz an den Dachsparren der Sägemühle drohte beim nächsten Schneefall nachzugeben.
Ich zog die Jacke enger um meine Schultern und blickte auf die dunklen Tannen am Hang.
Manchmal gewinnt man einen Krieg im eigenen Haus, nur um festzustellen, dass das Dach trotzdem noch dieselben Löcher hat wie zuvor.
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