CHAPTER 1: Die Risse im heiligen Stein
Part 1
Mein älterer Bruder Friedrich, der Hohepriester unseres Abteikults, ließ mich in den Kerker werfen, weil ich die feinen Risse unter dem Drachenthron bemerkt hatte.
“Du bist nur ein kleiner Kehrjunge”, schrie er vor dem gesamten Konvent auf dem Drachentor-Platz, während die Erde unter seinen Füßen bereits leise grollte.
Er weigerte sich zu glauben, dass das Silberne Horn des Drachenkönigs keine heilige Reliquie war, sondern der Verschluss einer einstürzenden Druckkaverne.
Doch als das steinerne Tor schließlich brach, war ich der Einzige, der den verhängnisvollen Brief in den Händen hielt.
—
Der Morgen auf dem Drachentor-Platz begann wie jeder andere Tag für Lukas. Er zog den schweren Besen über die alten, abgetretenen Steinplatten, die seit Jahrhunderten den Boden des heiligen Ortes bildeten. Staub wirbelte auf und setzte sich auf sein grobes Ordensgewand.
Die Sonne schien bereits über die umliegenden Harzberge und warf lange Schatten über das massive, in den Fels gehauene Drachentor, dessen uralte Rune geheimnisvoll im frühen Licht glänzte. Es war ein Ort voller Andacht und Ehrfurcht, der Mittelpunkt der Bruderschaft vom Weißen Drachen.
Während er in den Ecken kehrte, bemerkte Lukas einen feinen Riss, der sich wie ein dünner Spinnenfaden durch das harte Basaltgestein zog. Zuerst dachte er, es sei nur eine gewöhnliche Alterserscheinung. Doch als er genauer hinsah, erkannte er, dass der Riss nicht allein war.
Ein zweiter, dickerer Riss verlief von einer Säule weg, tiefer in den Platz hinein. Er führte direkt zu den Fundamenten, auf denen der Drachenthron thronte, ein gewaltiger, aus dunklem Stein gehauener Sitz für den Hohepriester.
Lukas bückte sich, um die Spalten genauer zu betrachten. Er berührte die rauen Kanten. War das neu? Er konnte sich nicht erinnern, sie gestern gesehen zu haben.
Plötzlich spürte er ein leichtes Vibrieren unter seinen Stiefeln. Ein tiefes, leises Grollen, das eher ein Gefühl als ein Geräusch war, drang aus dem Untergrund. Es war das dumpfe Rollen, das er oft in den alten Minenstollen außerhalb der Abtei gehört hatte, wenn sich die Erde bewegte.
Ein kühler Schauer lief ihm über den Rücken. Die Bruderschaft sprach oft von den alten Höhlen und Kavernen unter dem Kloster, wo der „Schlafende Drache“ ruhen sollte. Doch was, wenn es kein Drache war, sondern etwas viel Gefährlicheres?
Er lauschte intensiver. Das Grollen schwoll an, wurde rhythmischer. Dazu kam ein leises Zischen, als ob Luft oder Dampf durch enge Ritzen gepresst würde. Es klang mechanisch, wie eine uralte Maschine, die langsam zum Leben erwachte, oder eher, die unter enormem Druck stand.
Die Geschichten der Ältesten von den „Dampfkavernen“ unter dem Kloster, von denen das heilige Wasser in den Brunnen stieg, schossen ihm durch den Kopf. Doch dieses Geräusch klang nicht nach Segen. Es klang nach Gefahr.
Lukas’ Herz pochte schneller. Ihm wurde klar, dass diese Risse und das Geräusch kein Zufall waren. Er blickte zum Drachenthron. Könnte der legendäre Thron selbst auf etwas wackeligem Grund stehen?
Sein Blick schweifte über den Platz. Zahlreiche Gläubige versammelten sich bereits für das Morgengebet, ihre Stimmen murmelten leise, friedliche Gebete. Zwischen ihnen sah er Friedrich, seinen älteren Bruder, in seinem prunkvollen Gewand.
Friedrich stand auf einer erhöhten Plattform vor dem Drachentor, umringt von den ehrwürdigen Mitgliedern des Konvents. Er war gerade dabei, die morgendliche Litanei zu sprechen, seine Stimme hallte über den Platz. Sein Gesicht war ernst und stolz, wie es sich für einen angehenden Hohepriester gehörte.
Lukas wusste, dass Friedrich von der Bedeutung des Drachentors und der Prophezeiungen des Drachenkönigs besessen war. Jede Störung, jede Abweichung wurde als Zeichen des Unglaubens gewertet. Aber dies war keine Abweichung – das war real.
Er musste ihn warnen. Trotz der Angst vor Friedrichs Zorn und der öffentlichen Demütigung, die ihn erwarten könnte, setzte er seinen Besen beiseite. Die Sicherheit der Brüder stand auf dem Spiel.
Er schob sich vorsichtig durch die betenden Gläubigen, seine Augen fest auf seinen Bruder gerichtet. Die Menschen beachteten den kleinen Kehrjungen kaum.
Friedrich beendete gerade einen feierlichen Segensspruch. Er hob die Hände, seine Augen waren zum Himmel gerichtet.
Lukas nutzte den kurzen Moment der Stille.
“Friedrich!”, rief er, seine Stimme war dünn und unsicher.
Sein Bruder senkte die Hände und blickte irritiert in die Menge. Die Köpfe der Gläubigen drehten sich um. Ein Raunen ging durch die Reihen.
“Bruder, der Platz…”, Lukas versuchte, näher heranzukommen. “Es gibt Risse… unter dem Thron. Und Geräusche. Ich glaube, die Kaverne…”
Friedrichs Augen verengten sich. Sein stolzes Gesicht nahm einen Ausdruck des Unglaubens an, dann der Wut. Er warf einen Blick auf die Gläubigen, deren Gesichter Neugier und leise Verwirrung zeigten.
“Was ist das für ein Unsinn, Lukas?”, zischte Friedrich, doch seine Stimme trug weit über den Platz. “Risse? Geräusche? Das sind Lügen, die aus einem ungläubigen Geist stammen!”
“Nein, Bruder”, beteuerte Lukas. “Es ist die Druckkaverne! Es zischt und grollt. Es ist keine göttliche Botschaft, es ist…”
“Schweigt!”, unterbrach Friedrich ihn scharf. Seine Stimme bebte vor Zorn. “Ihr werdet die heilige Versammlung nicht mit euren kindischen Fantasien stören!”
Er trat einen Schritt vor, seine Augen waren hart und kalt.
“Diese Geräusche, dieser leichte Erdstoß, ist der Atem des Drachenkönigs selbst!”, rief Friedrich in die Menge, seine Stimme übertönte nun jedes Murmeln. “Er prüft unseren Glauben! Und wer Zweifel sät, ist ein Werkzeug des Bösen!”
Die Menge blickte von Friedrich zu Lukas und wieder zurück. Angst breitete sich in ihren Augen aus.
“Aber Bruder, die Gefahr ist real!”, versuchte Lukas verzweifelt. “Das Silberne Horn ist kein heiliges Symbol, es ist ein Verschluss! Es könnte alles zusammenbrechen!”
In diesem Moment explodierte Friedrich. Sein Gesicht lief rot an.
“Genug!”, brüllte er, so laut, dass es von den Felswänden des Tals zurückhallte.
“Ihr bezichtigt das Silberne Horn, unser heiligstes Symbol, der Lüge? Ihr verhöhnt die Prophezeiung und den Drachenkönig selbst?”
Er zeigte mit ausgestrecktem Finger auf Lukas.
“Dieser Kehrjunge versucht, unseren Glauben zu erschüttern! Er ist ein Blasphemiker, der die Harmonie dieses heiligen Ortes stört und den Zorn des Drachenkönigs auf uns ziehen will!”
Ein kollektives erschrockenes Gaspen ging durch die Reihen der Gläubigen. Einige zogen sich von Lukas zurück. Niemand wagte es, den Hohepriester-Anwärter in Frage zu stellen.
“Ordensgarde!”, rief Friedrich.
Zwei kräftige Wachen in den schweren, schwarzen Rüstungen der Bruderschaft traten aus der Menge hervor. Ihre Gesichter waren ausdruckslos.
“Führt diesen Störenfried fort!”, befahl Friedrich, sein Atem ging schnell. “Werft ihn in den Unterzellenturm! Dort soll er über seine Sünden nachdenken, bis der Drachenkönig über ihn geurteilt hat!”
Die Gardisten packten Lukas grob an den Armen. Ihre Griffe waren fest und schmerzhaft. Er versuchte sich zu wehren, doch er war nur ein fünfzehnjähriger Junge gegen zwei ausgewachsene Männer.
“Aber Friedrich…”, flehte Lukas, als er von der Plattform weggezerrt wurde. “Es ist nicht der Drache! Es ist die Erde! Wir müssen den Platz evakuieren!”
Friedrich wandte ihm den Rücken zu, seine Haltung war steif.
Die Wachen schleiften Lukas über den Platz. Er stolperte über die unebenen Steine. Das Grollen unter seinen Füßen war nun deutlicher zu spüren, ein warnendes, unheilvolles Vibrieren. Es wurde lauter, als ob es Lukas’ Worte bestätigen wollte.
Doch niemand schien es zu bemerken, oder niemand wagte es, es zu kommentieren. Die Gläubigen starrten stumm, ihre Augen voller Furcht und Ratlosigkeit.
Sie schleiften ihn durch die engen Gänge des Klosters, vorbei an uralten Wandteppichen und Statuen, deren steinerne Augen ihn anzustarren schienen. Jeder Schritt drückte ihn tiefer in die Verzweiflung.
Der Unterzellenturm war ein alter, feuchter Steinturm am Rande des Klosterkomplexes, dessen Kerker kaum Tageslicht sahen. Eine schwere Holztür mit verrosteten Eisenbeschlägen knarrte, als sie geöffnet wurde.
Ein Gestank nach Moder und feuchtem Stein schlug Lukas entgegen. Eine kleine Zelle, kaum größer als ein Abstellraum, wurde vor ihm enthüllt. Kein Fenster, nur eine kleine, vergitterte Öffnung nahe der Decke, durch die ein winziger Lichtstrahl fiel.
Die Wachen stießen ihn unsanft hinein. Er fiel auf den kalten, nackten Steinboden.
Die schwere Tür schwang mit einem markerschütternden Knall zu. Das Geräusch des vorfallenden Riegels hallte in der Dunkelheit nach, und ich war allein.
Part 2
Die feuchte Kälte kroch in meine Glieder. Ich saß auf dem harten Steinboden und starrte ins Nichts. Das dumpfe Grollen von unter dem Platz schien selbst hierher, in diese kalte Zelle, zu dringen. Hatte es denn niemand gehört? Niemand außer mir?
Ein leises Räuspern durchbrach die Stille. Mein Herz machte einen Sprung. Ich hielt den Atem an. War das eine Wache? Oder…
“Junge”, flüsterte eine raue Stimme aus der Dunkelheit. Ich zuckte zusammen. “Bist du der, den sie Lukas nannten? Der Kehrjunge?”
Ich drückte mich gegen die Wand. “Wer ist da?”
“Seid ruhig”, sagte die Stimme. Es kam aus einer Ecke meiner Zelle, die ich für leer gehalten hatte. Langsam, als sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnten, konnte ich eine Gestalt erkennen. Ein Mann, älter als Friedrich, mit einem dichten Bart und wachen Augen. Er trug schlichte Reisekleidung.
“Ich bin Gottfried von Bingen”, fuhr er fort, seine Stimme war jetzt etwas lauter. “Reisender Chronist. Und ich habe zufällig eure… Auseinandersetzung mit dem Hohepriester gehört.”
Er räusperte sich wieder. “Sie haben mich hierhergeworfen, weil ich die Besitzurkunden des Klosters einsehen wollte. Sie nennen es Blasphemie, ich nenne es Betrug.” Er deutete mit dem Kopf nach oben. “Aber wir haben keine Zeit. Ich habe einen Weg gefunden.”
Er zeigte auf ein schmales, mit einem Gitter versehenes Loch hoch oben in der Wand. Ein alter Lüftungsschacht. “Man kommt gerade so hindurch. Ich habe schon ein paar lose Steine herausgebrochen.”
Mein Blick wanderte zu dem engen Loch, dann zurück zu ihm. Fliehen? Aber wohin? Und die Warnung?
“Das ist Wahnsinn”, murmelte ich.
Gottfried schüttelte den Kopf. “Wahnsinn ist es, hier zu bleiben und auf den Himmel zu warten. Euer Bruder ist verblendet, Junge. Ich habe die Gerüchte über diese Kaverne schon lange gehört. Dieses ‘Silberne Horn’…” Er spuckte das Wort mit Verachtung aus.
“Es ist kein heiliges Relikt. Das ist ein alter Mechanismus, mein Junge. Ein Druckventil aus der Zeit der ersten Bergleute, die hier nach Silber gruben. Es regelt den Dampf aus der Kaverne. Und wenn es bricht, dann bricht alles.”
Er kletterte bereits leise und geschickt zur Öffnung hinauf. “Folgt mir”, sagte er eindringlich.
Ich zögerte nicht länger. Das Grollen wurde wieder lauter, diesmal näher. Ich spürte, wie der Stein unter meinen Fingerspitzen leicht vibrierte. Mit neuer Hoffnung in den Augen kletterte ich hinter Gottfried her in den engen Schacht.
Kapitel 2: Die gefälschten Pergamente des Notars
Der kalte Nachtwind strömte durch den schmalen Auslass des Lüftungsschachts. Gottfried zog mich am Ärmel weiter in den finsteren Gang des Skriptoriums.
Der Geruch von altem Pergament, Kerzenwachs und getrockneter Tinte schlug uns entgegen. Auf den Eichentischen lagen aufgeschlagene Bücher und schweres Werkzeug.
“Wir müssen die Messprotokolle der Unterwelt-Kaverne finden”, flüsterte Gottfried und schob einen Stapel beschriebener Häute zur Seite. “Wenn das Horn eine Druckklappe ist, muss es Aufzeichnungen geben.”
Ich trat an den massiven Schreibpult von Notar Heinrich Kranz. Meine Finger zitterten, als ich die unterste Schublade aufbrach.
Darin lag eine Ledermappe mit dem offiziellen Siegel des Ordens. Gottfried hielt eine kleine Öllampe über das Pergament.
“Das ist die Handschrift des Notars”, flüsterte ich und deutete auf die geschwungene Tinte. “Aber sieh dir die Zahlen an.”
Gottfried beugte sich näher heran. Ein feines Messer schabte vorsichtig über die Oberfläche des Dokuments.
Unter den frischen Angaben über “stabilen Druck” und “heilige Ruhe” kamen ältere, auskratzte Ziffern zum Vorschein.
Die ursprünglichen Messungen zeigten einen exponentiellen Anstieg des geothermalen Drucks seit fünf Jahren. Notar Kranz hatte jedes einzelne Protokoll systematisch gefälscht.
“Er hat die Warnungen verheimlicht”, sagte Gottfried leise. “Der Boden unter dem Drachentor ist seit Jahren baufällig. Jemand hat ihn dafür bezahlt, die Wahrheit zu begraben.”
Plötzlich knarrte die schwere Eichentür am Ende des Raumes. Schritte näherten sich aus dem Gang.
Kapitel 3: Das Gold für den Ordensvogt
Gottfried blies die Öllampe mit einem kurzen Atemzug aus. Wir drückten uns hinter die schweren Buchregale in den Schatten.
Durch den Türspalt drang der Schein einer Fackel. Mein Bruder Friedrich trat in das Skriptorium, gefolgt von Vogt Ulrich, dem Kommandanten der Garde.
Friedrichs Gesicht war bleich. Seine Hände umklammerten das silberne Ordenskreuz auf seiner Brust so fest, dass seine Knöchel weiß hervortraten.
“Der Kehrjunge ist aus dem Unterzellenturm entkommen”, sagte Friedrich mit scharfer, überschlagender Stimme. “Zusammen mit diesem herumschnüffelnden Chronisten.”
Vogt Ulrich verschränkte die Arme über seinem Lederpanzer und lachte rau.
“Euer Bruder ist fünfzehn Jahre alt, Anwärter. Sollen meine Männer wegen eines Ausreißers das ganze Kloster auf den Kopf stellen?”
Friedrich griff unter seinen weiten Mantelsaum. Er zog einen schweren Lederbeutel hervor und warf ihn auf den Eichentisch. Das Metall klirrte laut.
“Darin sind dreihundert Silbermünzen aus der Hauptkasse des Tempels”, sagte Friedrich kalt. “Nehmt den Fremden fest. Bringt meinen Bruder zurück in die Zelle.”
Vogt Ulrich wog den Beutel in der Hand. Ein breites Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus.
“Und was ist mit dem Ritual auf dem Platz?” fragte der Vogt.
“Wir ziehen das Ritual vor”, erklärte Friedrich fest. “Heute Abend wird das Silberne Horn geblasen. Die Höhlengeister werden schweigen, und der Konvent wird sehen, wer der wahre Hohepriester ist.”
Er wandte sich ab und verließ den Raum. Vogt Ulrich steckte den Beutel ein und folgte ihm.
Kapitel 4: Das Versteck im Untergrund
Wir warteten, bis die Schritte der Gardisten im Korridor verhallt waren.
“Wir haben keine Zeit mehr”, flüsterte Gottfried und drückte mir eine eiserne Brechstange in die Hand. “Du kennst die Schächte besser als jeder andere.”
Ich nickte. Als Kehrjunge hatte ich jeden Winkel der Abtei gesäubert.
Wir schlichen durch die Küche im Erdgeschoss. Marta, die alte Küchenmagd, stand am Herd und rührte in einem Kessel. Als sie uns sah, ließ sie ihren Holzlöffel fallen.
“Lukas!”, zischte sie vorsichtig. “Die Garde sucht das ganze Anwesen ab.”
“Marta, schließ die Tür hinter uns”, sagte ich kurz.
Ich zog die schwere Holzklappe des alten Entwässerungskanals auf und stieg in die Finsternis hinab. Gottfried folgte mir schweigend.
Der Gestank von Faulgasen und kochendem Schwefelwasser schlug mir entgegen. Die Wände aus Naturstein waren drückend heiß.
Nach zwanzig Metern im Kriechgang erreichten wir die gewölbte Kaverne direkt unter dem Drachentor-Platz.
Über unseren Köpfen dröhnte ein tiefes, unheimliches Vibrationen.
Ich trat an das gewaltige Eisenfundament des Drachenthrons. Die massiven Haltebolzen waren verrostet und verbogen. Das mechanische Druckventil neben der Hauptstütze war mit Meißelspuren übersät.
Jemand hatte den Sperrriegel gewaltsam verbogen, sodass der heiße Dampf nicht mehr kontrolliert entweichen konnte.
Direkt neben dem beschädigten Ventil lag eine kleine, feuchtigkeitsgeschützte Lederschatulle auf einem Steinvorsprung.
Kapitel 5: Die Maske des blinden Priors
Ich griff nach der Schatulle und wischte den Schwefelstaub vom Deckel.
Darin lagen nicht etwa Münzen oder Siegelringe, sondern drei handgeschriebene Briefe mit dem persönlichen Wachsstempel von Prior Ignaz.
Gottfried kniete sich neben mich und entfaltete das oberste Blatt. Seine Augen überflogen die engen Zeilen.
“Das darf nicht wahr sein”, flüsterte der Chronist.
Prior Ignaz, der seit zehn Jahren als erblindeter, heiliger Greis des Ordens galt und auf die Hilfe anderer angewiesen schien, hatte diese Zeilen selbst verfasst.
In den Briefen wies er Notar Kranz an, die Messberichte der Kaverne zu fälschen.
Noch schlimmer: Der Prior beschrieb detailliert, wie er das Druckventil im Untergrund eigenhändig mit einem Hammer beschädigte.
Sein Plan war kaltblütig kalkuliert. Der Drachentor-Platz sollte exakt während des Rituals meines Bruders einstürzen.
Friedrich sollte als Hochstapler und Blasphemiker vor allen Gläubigen im Dampf umkommen oder beschuldigt werden.
Der Prior gedachte, die Katastrophe zu überleben, die Notlage zu nutzen und die wertvollen Ländereien des Ordens im Tal an weltliche Investoren zu verkaufen.
“Er ist gar nicht blind”, sagte ich leise. Die Wut stieg in mir auf. “Er benutzt Friedrichs Stolz, um uns alle zu vernichten.”
Ein plötzlicher Knall dröhnte durch den Entwässerungskanal.
Kapitel 6: Die Jagd durch die Abtei
Schwere Stiefel trampelten auf dem Gitterost über uns.
“Sie sind hier unten!”, brüllte eine Stimme. Vogt Ulrichs Männer hatten den Schacht gefunden.
“Lauf, Lukas!”, rief Gottfried und stieß mich zurück in den schmalen Lüftungsgang. “Nimm die Dokumente! Du musst zu Friedrich!”
Ehe ich etwas erwidern konnte, versperrte ein gewaltiger Wachexekutor den Hauptausgang der Kaverne. Gottfried warf sich dem Mann entgegen, um mir Zeit zu verschaffen.
Ich zwängte mich durch das enge Steinloch hinter der Ofenwand der Abteiküche.
Als ich keuchend in die Küche zurückkrabbelte, lag Marta am Boden. Die Stühle waren umgeworfen.
“Garde…”, keuchte sie und hielt sich die Schulter. “Sie sind auf dem Platz… Hunderte Menschen sind angekommen.”
Ich rannte durch die Seitentür des Refektoriums hinaus in den Innenhof.
Überall standen Gläubige aus den umliegenden Harzdörfern. Frauen, Männer und Kinder drängten sich vor der großen Tribüne des Drachentors.
Gardisten mit Holzspeeren riegelten die äußeren Tore ab. Niemand konnte das Gelände mehr verlassen.
Unter den Füßen der Menge vibrierte der gepflasterte Boden bereits wie das Fell einer geschlagenen Trommel.
Kapitel 7: Die Stunde des Silbernen Horns
Friedrich trat auf die obere Stufe des Drachenthrons.
Er trug die schwere, goldgestickte Priesterkasel. Seine Schläfen waren nass von Schweiß, doch seine Haltung war starr.
Neben ihm stand Prior Ignaz. Der alte Mann trug eine weiße Binde über den Augen und stützte sich scheinheilig auf einen geschnitzten Eichenstab.
“Volk des Tempels!”, rief Friedrich. Seine Stimme hallte über den gepflasterten Platz. “Wir vertreiben die Geister der Tiefe!”
Ein leises Zischen drang aus den Fugen zwischen den flachen Steinplatten.
Der Gestank von kochendem Schwefel breitete sich über die Menge aus. Erste Besucher sahen sich verunsichert um.
Notar Heinrich Kranz stand zitternd am Rand der Tribüne und umklammerte seine Pergamentrolle. Seine Lippen bebten.
Friedrich hob das Silberne Horn an seine Lippen. Es war das antik-mechanische Ventil, das tief im Boden verankert war.
Wenn er das Horn drehte und hindurchblies, würde der verbleibende Druck den Riegel endgültig sprengen.
“Friedrich, halt ein!”, schrie ich, während ich mich durch die dichte Menschenmenge drängte.
Vogt Ulrich entdeckte mich sofort und zog sein Schwert.
Kapitel 8: Der Ausbruch der Tiefe
“Haltet den Jungen auf!”, brüllte Vogt Ulrich und deutete mit der Klinge auf mich.
Zwei Gardisten griffen nach meinen Armen. Ich duckte mich ab, trat dem ersten Wächter gegen das Schienbein und riss mich los.
Ich sprang auf die Stufen der Tribüne.
“Friedrich!”, schrie ich aus voller Kehle. “Fass das Horn nicht an! Es ist kein Heiligtum! Es ist der Verschluss der Druckkaverne!”
Friedrich hielt inne. Das Silberne Horn berührte bereits seine Unterlippe.
Er starrte mich mit einer Mischung aus Zorn und Verzweiflung an.
“Du schon wieder, Kehrjunge”, schrie Friedrich zurück. “Du willst mich vor der ganzen Gemeinde lächerlich machen!”
Ich zog das gefaltete Schriftstück des Priors aus meiner Jacke und hielt es hoch.
“Prior Ignaz hat den Riegel beschädigt! Er ist gar nicht blind! Er hat den Notar bezahlt, um die Messungen zu gefälschten!”
Prior Ignaz zuckte unmerklich zusammen. Seine Hände am Eichenstab verkrampften sich.
Friedrich stieß mich voller Wut mit der Schulter zur Seite.
“Lügen!”, raste mein Bruder. “Alles Ketzerei!”
Er drehte das Silberne Horn mit aller Kraft im steinernen Sockel.
In diesem Sekundenbruchteil barst die zentrale Steinplatte direkt vor dem Altar mit einem ohrenbetäubenden Knall entzwei.
Kapitel 9: Wenn das Drachentor fällt
Eine weiße, kochend heiße Dampfsäule schoss zwanzig Meter hoch in den Himmel.
Die Druckwelle riss die vorderen Reihen der Gläubigen zu Boden. Panik brach aus. Hunderte Menschen schrien und rannten zu den engen Ausgängen des Hofes.
Die gewaltige Sandinstatue des Drachenkönigs neigte sich langsam zur Seite.
Mit einem dröhnenden Geräusch stürzte der tonnenschwere Stein auf die Tribüne.
Friedrich versuchte wegrennzulaufen, doch sein Fuß verfing sich im prunkvollen Mantelsaum.
Der Sockel der Statue schlug direkt auf seine Beine und klemmte ihn auf den kochend heißen Steinplatten fest.
“Lukas!”, schrie Friedrich. Seine Stimme war kein Priesterbrüllen mehr, sondern der Hilferuf eines verzweifelten Bruders.
Der heisse Dampf brannte auf meiner Haut. Die Luft war kaum mehr zu atmen.
Ich zögerte keinen Augenblick. Ich griff nach einer schweren eisernen Richtstange, die neben dem Altar lag.
Ich rannte mitten in die kochende Dampfwolke hinein, schob die Stange unter den Felsblock und stützte mich mit meinem gesamten Körpergewicht darauf.
Das Eisen schnitt mir in die Handflächen. Ich brüllte vor Anstrengung, bis der Stein sich zwei Zentimeter hob.
“Zieh dein Bein raus!”, schrie ich Friedrich an.
Friedrich zog voller Schmerz sein Bein unter den Trümmern hervor.
Ich ließ die Stange fallen, stützte seinen Arm über meine Schulter und drückte ihm das zerknitterte Dokument des Priors in die linke Hand.
Kapitel 10: Trümmer und Tränen
Wir krochen über die geborstenen Steinplatten hinweg aus der heißen Zone.
Friedrich lag keuchend im Staub des Hofes. Seine Priesterkasel war zerrissen und mit Ruß bedeckt.
Mit zitternden Fingern entfaltete er das Pergament in seiner Hand. Seine Augen überflogen die deutliche Handschrift von Prior Ignaz.
Er sah das Siegel, die Anweisungen an Notar Kranz und die genaue Skizze zur Zerstörung der Ventile.
Am Rand des Trümmerfeldes versuchte Prior Ignaz heimlich zu entkommen. Er hatte die Binde von den Augen gerissen und blickte sich völlig klar mit scharfen Augen nach einem Fluchtweg um.
Einige zurückgebliebene Dorfbewohner versperrten dem Geistlichen den Weg.
“Er… er kann sehen”, murmelte ein alter Bauer entsetzt.
Friedrich starrte den Prior an, dann sah er mich an. Die Tränen wuschen die Rußspuren auf seinen Wangen fort.
Der stolze Anwärter des Abteikults war verschwunden. Vor mir lag nur mein älterer Bruder.
Friedrich fiel auf die Knie. Er zog mich an sich und drückte mich so fest, dass mir der Atem stockte.
“Es tut mir leid, Lukas”, weinte er hemungslos vor den Trümmern des Tempels. “Ich war so blind. Ich wollte ein Priester sein und habe vergessen, wie man ein Bruder ist.”
Er strich mir über den Kopf und vergrub sein Gesicht an meiner Schulter.
Kapitel 11: Der Neuanfang am Klippenrand
Ein Jahr war vergangen.
An meinem sechzehnten Geburtstag saß ich allein auf der hohen Felsklippe oberhalb des Drachenthals.
Die Frühlingssonne wärmte die kühlen Steine. Unter mir lag das Tal in absoluter Stille.
Der Orden vom Weißen Drachen existierte nicht mehr. Nach dem Einsturz der Kaverne hatten sich die Anhänger aufgelöst.
Prior Ignaz und Notar Kranz waren aus dem Harzgebiet geflohen, mittellos und von allen Gemeinschaften verstoßen. Die gefälschten Pachtverträge wurden aufgehoben, und die Bauern des Tals erhielten ihr Land zurück.
Gottfried von Bingen hatte seine Berichte veröffentlicht und war weitergezogen, um andere Missstände im Land aufzudecken.
Ich hörte regelmäßige Hammerschläge aus dem Nachbardorf heraufschallen.
Friedrich hatte das Priestergewand für immer abgelegt. Er arbeitete jetzt als einfacher Zimmermannsgeselle im Dorf. Er trug grobe Leinenkleidung, seine Hände waren voller Hornhaut, aber sein Blick war ruhig geworden.
Jeden Abend aßen wir gemeinsam in unserer kleinen Kate am Waldrand. Kein Kult, keine Prophezeiungen, keine Ränge.
Ich blickte über die grünen Wälder des Harzes bis zum Horizont.
Manchmal muss das heilige Gemäuer unseres Stolzes erst bis auf den Grund einstürzen, bevor zwei Brüder lernen können, auf demselben Fundament zu stehen.
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