CHAPTER 1: Das Siegel des Blutes.
Part 1
Jeden Winter muss der Regent unseres Bergdals vor der versammelten Dorfgemeinschaft den Namen des verhasstesten Bürgers verkünden.
Dieses Jahr trat mein eigener Bruder Friedrich vor die 300 Versammelten und schrie meinen Namen in die eisige Nacht.
Er warf mir ein 18 Jahre altes, vergilbtes Dekret vor die Füße, das die Niederbrennung des Nachbardorfes Erlenberg befahl — unterzeichnet mit meinem eigenen Wappensiegel.
Die Wut der Dorfbewohner entflammte sofort, und der vermummte Scharfrichter Jakob trat mit erhobenem Richtschwert vor.
Doch als ich dem Henker in die Augen blickte, legte er seine goldene Maske ab und enthüllte ein Brandmal, das mein gesamtes Leben auf eine Lüge stützte.
Mein Name. Margarethe von Kronberg.
Er hallte in der schneeverwehten Luft, riss durch das Gemurmel der 300 Menschen, die sich auf dem Dorfplatz versammelt hatten.
Der Geruch von Kiefernholz und feuchter Erde, vermischt mit dem beißenden Rauch der Fackeln, stieg mir in die Nase.
Es war die Sonnenwende, und der Brauch verlangte, dass der Regent des Tales den verhasstesten Bürger nannte.
Doch ich war die Regentin.
Friedrichs Stimme war scharf, erfüllt von einer altbekannten Verachtung, die er sonst hinter einem dünnen Lächeln verbarg.
“Margarethe von Kronberg!”
Die Menge verstummte. Dann, ein tiefes, unheilvolles Raunen.
Er trat einen Schritt vor, hob eine vergilbte Pergamentrolle in die Höhe, als wäre es ein Kriegsbeil.
Sein Blick traf den meinen, und ein triumphierendes Grinsen breitete sich auf seinen Lippen aus.
“Seht selbst”, rief er, seine Stimme überschlug sich vor künstlicher Empörung.
Die Rolle flatterte durch die eisige Luft und landete mit einem leisen Knistern direkt vor meinen Stiefeln im Schnee.
Meine Augen waren auf das Dokument geheftet.
Es war alt, zerfranst an den Rändern, doch die Schrift war noch deutlich zu lesen.
Ein Dekret. Ein Befehl zur Niederbrennung von Erlenberg.
Mein Herz setzte einen Schlag aus.
Ich beugte mich langsam, die Kälte des Schnees zog an meinen Knien. Die Fackeln tanzten, warfen lange, zuckende Schatten auf die Gesichter der Dorfbewohner.
Einige von ihnen hielten ihre Kinder fest an sich gedrückt. Ihre Augen waren weit aufgerissen, voller Misstrauen und Angst.
Meine Finger zitterten leicht, als ich das schwere Pergament aufhob.
Der Wachssiegel am unteren Rand war unverkennbar. Mein Siegel.
Das Wappen der Kronbergs, in rotem Wachs gedrückt, unversehrt.
Ich spürte, wie der kalte Schweiß über meinen Rücken lief.
Das konnte nicht sein.
Ich las die Worte, Zeile für Zeile, während das Raunen der Menge anschwoll.
“Im Namen des Tales Kronberg wird befohlen, das Dorf Erlenberg…”
Mein Blick huschte über die Zahlen: “…43 Seelen, die des Hochverrats bezichtigt…”
Ein Stich fuhr mir durch die Brust. 43 Tote.
Meine Lippen formten die Worte stumm mit. Die Erinnerung an jene Nacht vor 18 Jahren war eine leere Hülle, ein verschwommener Fiebertraum.
Ich war damals in St. Blasien gewesen, im Kloster, schwer an der Winterpest erkrankt.
Monate hatte ich dort gelegen, am Rande des Todes, umgeben von den Gebeten der Nonnen.
Das hatte ich immer geglaubt. Das hatte man mir erzählt.
Ich hob den Blick zu Friedrich. Sein Gesicht war eine Fratze aus Hass und Vergnügen.
“Sie bestreitet es, natürlich!”, rief er. “Doch das Siegel der Kronbergs lügt nicht!”
Ein wütendes Brüllen brach aus der Menge hervor.
“Blut für Blut!”, schrie jemand von hinten.
“Gerechtigkeit für Erlenberg!”
Der Sprecher des Bauernrats, Gottfried Vogl, ein kleiner Mann mit struppigem Bart, trat nervös vor.
“Margarethe…”, stammelte er, seine Stimme unsicher. Er war sonst so laut.
Doch seine Augen waren auf das Dekret in meiner Hand gerichtet, und er wich zurück, als hätte er ein Ungeheuer gesehen.
Ich suchte nach dem Hauptmann der Talwache, Karl Falkenstein.
Er stand am Rande des Platzes, seine Hand am Schwertgriff. Sein Gesicht war ernst, doch ich sah die Unentschlossenheit in seinen Augen.
Er versuchte, die Kontrolle zu behalten, doch der Mob war bereits entfesselt.
“Sie hat es getan!”, rief Friedrich. “Sie befahl das Feuer! Damit niemand von ihrer wahren Herkunft erfahren konnte!”
Ein Name blitzte in meinem Kopf auf. Ein Name, den ich seit Jahren verdrängt hatte.
Erlenberg.
Ich erinnerte mich an die Geschichten, an die verbrannten Ruinen, die man vom Pass aus sehen konnte. An das Schweigen, das über diesem Ort lag.
Meine Augen fixierten das Datum am unteren Rand des Dekrets.
Ein Datum, das in den Annalen des Klosters St. Blasien den Höhepunkt meiner Fieberkrise markierte.
Der Tag, an dem die Nonnen für meine Seele gebetet hatten, überzeugt, dass ich die Nacht nicht überleben würde.
Es war der 17. November. Vor 18 Jahren.
An diesem Tag konnte ich unmöglich in Erlenberg gewesen sein, geschweige denn ein solches Dekret unterzeichnet haben.
Ich hatte kaum einen klaren Gedanken fassen können, lag zwischen Leben und Tod.
Das Siegel war echt. Mein Siegel.
Aber das Datum…
Ein dunkler Schatten fiel über mich. Ich hob den Kopf.
Der Scharfrichter Jakob.
Er war aus der Menge getreten, sein Mantel aus schwerem, schwarzem Tuch, das ihn noch imposanter wirken ließ.
Seine goldene Maske verbarg jedes menschliche Gefühl, machte ihn zu einem Boten des Todes.
In seiner rechten Hand hielt er das Richtschwert. Die Klinge war blank, geschliffen, und reflektierte das Fackellicht in einem unheilvollen Glanz.
Jakob Lindemann. Der Außenseiter, der immer nur beobachtete.
Nun stand er vor mir, das Schwert hoch erhoben.
Part 2
Jakob hob das Schwert nicht zum Schlag. Stattdessen senkte er es langsam, die Spitze bohrte sich in den weichen Schnee vor meinen Füßen. Die Menge hielt den Atem an. Ein leises Knirschen war zu hören, als er seine behandschuhte Hand zur goldenen Maske führte. Meine Augen weiteten sich. Das Metall glänzte im Fackelschein, als er sie vorsichtig anhob.
Unter der Maske kam nicht das Gesicht eines Fremden zum Vorschein, sondern ein junger Mann mit ernsten Zügen und tief liegenden Augen. Doch es war nicht sein Gesicht, das mich frösteln ließ. Auf seiner linken Schläfe, direkt über dem Auge, zeigte sich eine Narbe. Ein verblasstes, aber unverkennbares Brandmal. Es war das Wappen der Kronbergs. Genau dasselbe Wappen, das mein Siegel zierte – nur spiegelverkehrt.
Die Menge murmelte verwirrt. Was hatte das zu bedeuten? Jakob blickte direkt zu Friedrich. Seine Stimme war tief und klang wie Geröll, das einen Abhang hinabrollte. „Das Siegel auf dem Dekret ist falsch“, sagte er. „Es wurde nicht von der Regentin persönlich gedrückt. Das zeigt diese Narbe.“
Ein Raunen ging durch die Reihen. Friedrichs triumphierendes Grinsen verschwand. Seine Augen verengten sich zu Schlitzen, und eine dunkle Röte stieg ihm ins Gesicht. Er hatte nicht damit gerechnet. Das hatte ich auch nicht.
Doch noch bevor die Dorfbewohner die volle Tragweite von Jakobs Worten verstehen konnten, holte Friedrich tief Luft. „Ein billiger Trick!“, brüllte er, seine Stimme überschlug sich vor Wut. Er riss eine weitere Pergamentrolle aus seinem Mantel, viel kleiner als die erste, fest zusammengerollt.
„Sie wollen Beweise? Hier ist der wahre Beweis!“, rief er und wedelte damit in der Luft herum. „Die wahre Lüge dieses Tales! Die Wahrheit über die Regentin von Kronberg!“
Er entrollte das Pergament hastig. Es war eine alte Geburtsurkunde, die Schrift verblasst, aber lesbar. Er rammte einen Finger auf eine Zeile. „Dies ist keine Kronberg!“, schrie er, sein Blick traf meinen, brennend vor Genugtuung. „Diese Frau, die sich als Regentin ausgibt, ist ein Findelkind! Aus Erlenberg! Eine Bauernmagd!“
Kapitel 2: Die Schriften des Chronisten
Die eisige Luft schnitt in mein Gesicht, als Friedrich das gefälschte Pergament hochhielt. Meine eigene Geburtsurkunde, die mich zur Erlenbergerin stempelte. Das Dorf murmelte, die Wut kochte in ihren Augen.
Ich spürte Jakobs Hand auf meinem Arm. Seine tiefe Stimme zischte mir zu: „Wir brauchen Beweise, Eure Hoheit. Jetzt.“
Ich nickte stumm. Die Nacht brach herein, und der erste Schnee setzte ein, als Jakob und ich uns in die alte Bibliothek des Schlossmeisters Severin schlichen.
Ein Geruch von altem Papier und feuchtem Holz hing in der stickigen Luft. Severin, ein kleiner, ängstlicher Mann, saß kauernd an seinem Pult.
Seine Augen huschten nervös zwischen uns und dem Fenster hin und her.
„Severin, wir müssen die alten Akten durchsehen“, befahl ich. „Jene, die den Erlenberg-Brand betreffen.“
Er zögerte, seine Finger zitterten an einem dicken Folianten.
„Der Lord … er hat alle Unterlagen über jene Nacht gesammelt“, sagte er leise. „Die Berichte der Wachen, die Zeugenaussagen…“
Jakob begann, die staubigen Regale zu durchsuchen. Ich selbst zog eine vergilbte Ledermappe hervor, die unter einem Stapel Rechnungen verborgen war.
Darin lagen zwölf kleine, glänzende Silbermünzen. Nicht die üblichen Kronberger Thaler.
Sie trugen das Wappen von Erlenberg und waren genau an dem Tag geprägt worden, an dem das Dorf in Flammen aufging.
Ich hielt sie Severin unter die Nase.
„Woher stammen diese, Severin?“, fragte ich scharf. „Sie wurden vor dem Brand geprägt.“
Er schluckte hart. Sein Blick glitt zum Fenster. Draußen peitschte der Wind bereits die ersten, dichten Schneeflocken gegen die Scheibe. Der Himmel war dunkel wie Blei.
„Friedrich war letzte Woche hier“, flüsterte er plötzlich. Seine Stimme war kaum zu hören.
„Er hat mehrere Pergamente aus dem Archiv geholt. Die alten Aufzeichnungen des Rates. Er sagte, er müsse sie ‚bereinigen‘.“
Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken. Was genau hatte mein Bruder „bereinigt“?
Jakob trat zu Severin. „Was für Pergamente, Severin? Was stand darin?“
Severin zitterte. „Über die Ursache des Brandes. Und über…“ Er brach ab, die Augen weit aufgerissen.
In diesem Moment zerriss ein peitschender Windstoß die Stille. Ein eisiger Hauch fuhr durch die Ritzen des alten Schlosses. Der Sturm, der das Tal nun endgültig einzuschließen begann.
Kapitel 3: Das Gift im Brunnen
Der Morgen brach grau und eisig an. Ich hatte kaum geschlafen, die Worte Severins hallten in meinem Kopf wider. Was für eine Wahrheit hatte Friedrich aus den alten Pergamenten getilgt?
Ein lautes Klopfen riss mich aus meinen Gedanken. Hauptmann Karl stand vor meiner Tür, sein Gesicht war bleich.
„Eure Hoheit“, keuchte er. „Ich habe schreckliche Nachrichten.“
Sein Atem bildete kleine Wolken in der kalten Luft. Er trat ein, die Schultern zuckten.
„Drei der Dorfbrunnen sind vergiftet worden“, sagte er. „Die Bauern klagen über schwere Magenkrämpfe. Die Heilerin sagt, es ist Pflanzengift.“
Ein Stich fuhr mir ins Herz. Wer würde so etwas tun?
„Friedrich hat die Bauern bereits versammelt“, fuhr Karl fort, seine Stimme sank zum Flüstern. „Er beschuldigt Eure Anhänger. Sagt, ihr wolltet das Dorf aushungern, um die Krone zu sichern.“
Ich stürmte auf den Burghof. Achtzig Bauern standen dicht gedrängt, ihre Gesichter von Wut und Angst verzerrt. Friedrich stand auf einer verrosteten Kanone und brüllte zu ihnen herab.
„Sie wollen euch vernichten!“, schrie er. „Sie wollen euch euer Wasser nehmen! Lasst nicht zu, dass diese Hexe uns alle ins Verderben stürzt!“
Die Menge begann zu johlen. Sie hoben Fackeln und Heugabeln.
„Stürmt die Burg!“, rief jemand.
„Nehmt euch, was euch zusteht!“
Ich blickte zu Jakob, der unauffällig am Rande stand. Er deutete auf den Brunnen im Burghof, jenen, der noch nicht versiegelt war.
Ich eilte dorthin. Jakob kniete bereits am eisigen Rand.
In seiner Hand hielt er ein kleines, zerrissenes Stück Stoff. Ein dunkelblauer Samt, fein gewebt. Es war vom Mantel meines Bruders.
„Er war hier“, sagte Jakob leise. Seine Augen waren scharf. „Gerade vor Sonnenaufgang.“
Die Bauern näherten sich bereits dem großen Burgtor. Ihre Rufe wurden lauter, ihre Fackeln tanzten gefährlich in der eisigen Morgendämmerung.
Kapitel 4: Die Erpressung des Rats
Die Wachen des Hauptmanns Karl konnten die aufgebrachte Menge gerade noch vom Sturm auf die Burg abhalten. Aber die Stimmung war gekippt. Friedrichs Lügen hatten gefruchtet.
Am Mittag berief Friedrich den Bauernrat ein. Ich musste anwesend sein, als die Regentin.
Der Ratssaal war kalt. Fünf alte Männer saßen an einem langen Holztisch, ihre Gesichter waren verhärmt. Gottfried Vogl, der Sprecher, starrte auf seine Hände.
Friedrich stand am Kopf des Tisches, sein Blick kalt und hochmütig.
„Die Hoheit hat das Tal ins Verderben geführt“, sagte er, seine Stimme dröhnte. „Vergiftete Brunnen, gestohlene Vorräte.“
Ich wollte widersprechen, doch er hob die Hand.
„Ich fordere die sofortige Enteignung aller Güter von Margarethe von Kronberg“, erklärte er. „Und ihre sofortige Inhaftierung.“
Die Ratsmitglieder tauschten nervöse Blicke.
„Dies ist gegen das Gesetz, Herr Friedrich“, wagte einer der Ältesten.
Friedrich lächelte, ein hässliches, zynisches Zucken um seine Lippen.
„Ach ja?“, sagte er. „Ich habe gehört, eure Getreidespeicher sind prall gefüllt, Ratsherr Huber. Vielleicht sollte die Talwache sie vorsorglich pfänden, um die Versorgung des Dorfes zu sichern.“
Hubers Gesicht wurde aschfahl. Er hatte drei Kinder zu ernähren.
„Und die Holzrechte, Ratsherr Schmidt?“, fuhr Friedrich fort. „Dieser Winter wird lang. Ein Unfall könnte euch teuer zu stehen kommen.“
Die Drohungen lagen wie ein Schatten über dem Tisch. Keiner der Männer wagte mehr zu sprechen. Ihre Augen waren voller Angst.
Friedrich legte einen vorbereiteten Haftbefehl auf den Tisch. Er war bereits mit meinem Namen versehen.
„Unterschreibt“, befahl er Vogl. „Oder eure Familien werden hungern. Dieser Winter ist lang.“
Gottfried Vogls Hand zitterte, als er die Feder nahm. Seine Augen trafen meine, voller Verzweiflung. Dann setzte er seine Unterschrift unter das Dokument.
„Es tut mir leid, Eure Hoheit“, flüsterte er, aber seine Stimme war kaum zu hören.
Zwei Wachen traten vor. Ihre Hände packten meine Arme.
Kapitel 5: Das Mal der Gezeichneten
Sie führten mich durch die eisigen Korridore hinab in die Schandzelle unter der Burg. Ein kalter, modriger Geruch empfing mich. Die Eisenstange, die als Bett diente, war von Raureif überzogen.
Die Tür knallte zu. Ich war allein in der Dunkelheit.
Stunden später hörte ich Schritte. Der Riegel klickte.
Jakob trat ein, eine Laterne in der Hand. Ihr flackerndes Licht tanzte über die feuchten Steinwände.
„Ihr müsst hier raus“, sagte er leise. „Friedrich wird euch nicht am Leben lassen.“
Ich nickte. Ich wusste es.
„Die Beweise, Jakob“, sagte ich. „Wir brauchen etwas, das ihn überführt. Mehr als nur Vermutungen.“
Jakob setzte sich mir gegenüber auf den kalten Boden. Die Flamme seiner Laterne warf lange Schatten auf sein Gesicht.
Dann zog er sein Hemd herunter. Auf seiner linken Schulter sah ich es.
Ein eingebranntes Wappensymbol. Eine stilisierte Krone mit einem durchbrochenen Kreis darunter. Es war alt, die Narbe tief und deutlich.
Ich erstarrte. Mein Herz begann wild zu klopfen.
Ich reichte unter meinen Rock und zog eine kleine, hölzerne Schatulle hervor, die ich seit Kindertagen verborgen hielt. Meine Mutter hatte sie mir gegeben.
Ich öffnete sie. Auf der Innenseite des Deckels, in das weiche Holz geschnitzt, war dasselbe Symbol. Exakt die gleiche Krone mit dem durchbrochenen Kreis.
Jakobs Augen weiteten sich. Er sah von seinem Brandmal zur Schatulle.
„Das… das ist das Zeichen der alten Schulzenfamilie von Erlenberg“, flüsterte er. Seine Stimme war plötzlich anders. Voller Schock, voller Erkennen.
Ich blickte ihn an, ein Kloß in meinem Hals.
„Meine Mutter sagte, es sei das Wappen meiner Vorfahren“, sagte ich. „Aber wir sind doch Kronbergs.“
Jakob schüttelte den Kopf. Ein leises Geräusch wie ein Seufzer kam über seine Lippen.
In diesem Moment begriff ich. Nicht nur ich war ein Findelkind aus Erlenberg. Unsere Schicksale waren in jener Brandsnacht unwiderruflich miteinander verwoben.
Kapitel 6: Die Beichte der Hebamme
Der Gedanke, dass das Symbol Jakobs und meiner Schatulle uns verband, ließ mir keine Ruhe. Ich musste die Wahrheit erfahren.
Jakob hatte mir einen versteckten Geheimgang gezeigt, der aus der Schandzelle führte. Ein dunkler, feuchter Tunnel, der mich direkt hinter die Mauern des Schlosses spuckte.
Ich rannte durch den peitschenden Schnee, meine dünne Kleidung bot kaum Schutz vor der Kälte. Mein Ziel: die kleine Hütte der Hebamme Agnes Gruber, tief im Wald.
Die 74-jährige Agnes saß am Kamin, als ich hereinstürzte. Ihr altes Gesicht war von tiefen Falten durchzogen, aber ihre Augen waren klar.
„Ich habe euch erwartet, Kind“, sagte sie, ohne aufzusehen. „Der Sturm bringt alte Geister.“
Ich sank vor ihr auf den Schemel. „Agnes, ich muss die Wahrheit über Erlenberg wissen. Über jene Nacht vor 18 Jahren. Was geschah wirklich?“
Agnes seufzte tief. „Es ist eine Last, die ich zu lange getragen habe.“
Sie reichte mir einen Becher heißen Kräutertee. Ihre Stimme wurde leise, kaum hörbar über dem Knistern des Feuers.
„In jener Nacht, als Erlenberg brannte, war ich dort“, begann sie. „Um ein Kind zur Welt zu bringen. Es war die Tochter des Schulzen, Jakobs Familie.“
Ein Schauder lief mir über den Rücken.
„Sie war kräftig, voller Leben“, fuhr Agnes fort. „Doch dann brachen die Flammen aus. Panik. Rauch. Ich habe versucht, das Kind zu retten.“
Sie schloss die Augen. „Im Chaos habe ich noch ein weiteres Neugeborenes gefunden. Ein kleines, schwaches Wesen. Es war die Tochter des Lords von Kronberg. Sie lag leblos da.“
Mein Atem stockte.
„Die echte Kronberg-Tochter starb in meinen Armen“, sagte Agnes. „Aber ich habe… ich habe sie vertauscht. Ich habe das Erlenberger Kind, das so stark war, an ihren Platz gelegt.“
Mein Kopf dröhnte. Ich war das Kind aus Erlenberg. Das Findelkind, dessen Identität Friedrich mir unter die Nase gerieben hatte, war meine wahre Herkunft.
„Das tote Kronberg-Kind wurde als eure Schwester beerdigt“, flüsterte Agnes. „Und ihr… ihr wurdet zur Regentin erzogen.“
Ein bitterer Geschmack breitete sich in meinem Mund aus. All die Jahre eine Lüge. Eine Vertauschung, die mein ganzes Leben verändert hatte.
„Das Wappen auf eurer Schatulle, es ist das Zeichen eurer leiblichen Mutter“, fügte Agnes hinzu. „Sie war eine starke Frau. Und sie hat euch in den Flammen verloren. Oder… geglaubt verloren zu haben.“
Meine Welt stand Kopf. Ich war nicht nur das Opfer von Friedrichs Gier. Ich war die gestohlene Prinzessin eines brennenden Dorfes.
Kapitel 7: Die Eisblockade
Die Wahrheit, die Agnes Gruber mir offenbart hatte, war ein Stich ins Herz. Ich war nicht die, die ich zu sein glaubte. Die Last der Lüge, die ich unbewusst getragen hatte, war erdrückend.
Ich kehrte zur Burg zurück. Der Schneesturm hatte sich zu einem wahren Unwetter entwickelt. Die Sicht war kaum einen Meter weit.
Im Burghof herrschte panische Aufregung. Hauptmann Karl rannte hin und her, sein Gesicht war tiefer denn je von Sorge zerfurcht.
„Eure Hoheit!“, rief er, als er mich sah. „Friedrich… er hat die Passstraße blockiert!“
Mein Herz sank.
„Er hat Felsbrocken und Eisstämme von den Hängen gestürzt“, erklärte Karl. „Die einzige Verbindung nach außen ist abgeschnitten.“
Ich spürte die Kälte nicht mehr. Nur noch eine wachsende Wut.
„Es sitzen 150 Dorfbewohner fest“, fuhr Karl fort. „Ohne Nachschub, ohne Möglichkeit zur Flucht.“
Friedrich stand wieder einmal auf der Kanzel, seine Stimme wurde vom Wind getragen.
„Margarethe hat die Vorräte verbrannt!“, rief er. „Sie will das Tal vernichten! Sie hat die Straßen blockiert, damit keiner entkommen kann!“
Die Menge johle. Diesmal aber nicht nur wütend, sondern hysterisch. Kinder weinten, Frauen schrien. Männer ballten die Fäuste.
Ein Bauer stolperte durch den Schnee und fiel hin. Seine Frau kniete neben ihm, ihre Hände beteten verzweifelt.
„Meine Kinder hungern!“, schrie eine andere Frau. „Sie haben Fieber!“
Friedrich hatte seine Falle perfekt gestellt. Ich konnte mich nicht verteidigen. Jedes meiner Worte wäre nur ein weiterer Beweis für seine Lügen gewesen.
Ich sah Jakob in der Menge. Sein Blick war ernst. Er wusste, was das bedeutete.
Eingeschlossen. Ohne Ausweg. Im Griff eines Mannes, der vor nichts zurückschreckte.
Kapitel 8: Das versunkene Amulett
Die Blockade der Passstraße und die hysterische Stimmung im Dorf schnürten mir die Kehle zu. Friedrich hatte das Tal in einen eisigen Käfig verwandelt.
Jakob zog mich beiseite. „Ich muss etwas suchen“, sagte er. „Im Schlossteich.“
Der Schlossteich war zugefroren, eine dicke Eisschicht bedeckte ihn. Jakob besorgte sich eine schwere Axt von einem der Wachen.
Ich sah ihm zu, wie er begann, ein Loch in das Eis zu schlagen. Jeden Schlag begleitete ein markerschütterndes Knacken.
Die Kälte war unerbittlich, der Wind peitschte uns ins Gesicht. Jakob schlug unermüdlich zu, bis ein großes Stück Eis nachgab und im dunklen Wasser versank.
Er zog einen langen Seil und eine kleine Hacke aus seinem Beutel. „Ich war schon als Kind oft hier“, erklärte er. „Mein Vater hat mir von einer Truhe erzählt, die der alte Lord dort versenkt hat. Vor vielen Jahren.“
Dann sprang er in das eiskalte Wasser.
Ich stand am Rand, mein Herz schlug vor Angst. Der Gedanke, in diesem eisigen Grab zu versinken, war entsetzlich.
Minuten verstrichen. Ich sah nur Jakobs zitternde Hand am Seil. Der Wind wurde stärker, der Schnee tanzte wie kleine Teufel um uns herum.
Plötzlich spürte ich einen Ruck. Jakob zog sich mit letzter Kraft hoch.
In seiner Hand hielt er eine kleine, eiserne Kassette. Sie war verrostet, aber unversehrt.
Seine Zähne klapperten. „Ich… ich habe sie gefunden.“
Wir brachen die Kassette mit Gewalt auf. Innen, in Wachstuch gehüllt, lag ein kleines Buch. Das Tagebuch des alten Lords von Kronberg, Friedrichs und meiner angeblichen Vaters.
Die Einträge waren in einer feinen, eleganten Schrift verfasst. Jakob entzündete eine kleine Kerze, um das Licht des Sturms zu trotzen.
Die ersten Seiten sprachen von der Schönheit des Tals. Dann wurde der Ton düsterer.
Ich las. Mit jeder Zeile wuchs mein Entsetzen.
Der Lord hatte Friedrich bereits als Kind als „verdorben“ und „grausam“ beschrieben. Er hatte Zeugen erwähnt, die Friedrich beim Töten von Tieren und heimlichen Diebstählen beobachtet hatten.
Der entscheidende Eintrag: „Mein Sohn Friedrich ist ein Teufel in Menschengestalt. Er wird niemals erben. Ich werde das Testament ändern, um ihn von der Thronfolge auszuschließen.“
Das Tagebuch war der Beweis. Friedrichs Gier hatte eine lange Geschichte. Und der Brand in Erlenberg…
Kapitel 9: Der Wandel des Hauptmanns
Das Tagebuch des alten Lords war ein Blitzschlag in der Dunkelheit. Es bewies, dass Friedrich schon immer nach Macht dürstete und bereit war, alles zu tun, um sie zu erlangen.
Ich musste Hauptmann Karl überzeugen. Er war pflichtbewusst, aber auch zerrissen zwischen seinen Eiden und Friedrichs Druck.
Ich fand ihn im Wachturm. Der Sturm heulte um die Zinnen, der Turm bebte unter den Böen.
Karl blickte auf das Tal hinaus, sein Gesicht war ausgemergelt.
„Hauptmann Karl“, sagte ich, meine Stimme war fest. „Ich habe euch etwas zu zeigen.“
Ich legte das Tagebuch auf den Tisch. Karl las die Einträge, seine Augen huschten über die Seiten. Mit jeder Zeile versteifte sich sein Körper.
„Der Lord wollte ihn enterben“, murmelte er. „Er wusste es.“
Ich legte ein weiteres Dokument auf den Tisch. Es war einer der gefälschten Befehle, die Friedrich mit Karls gefälschter Unterschrift ausgestellt hatte. Der Befehl zur Vergiftung der Brunnen.
Karls Blick fiel darauf. Er nahm das Pergament in die Hand, seine Finger fuhren über die Unterschrift.
„Das… das ist nicht meine Schrift“, sagte er, seine Stimme war ein Flüstern. „Aber es sieht… täuschend echt aus.“
Ich sah ihm direkt in die Augen. „Friedrich plant nicht nur meine Hinrichtung. Er braucht einen Sündenbock für Erlenberg. Jemanden, den er für all seine Verbrechen verantwortlich machen kann.“
Karl zuckte zusammen. Sein Blick fiel auf das Tagebuch, dann auf den gefälschten Befehl. Ein Schock überzog sein Gesicht.
„Ihr wolltet mich nach eurer Hinrichtung hängen lassen“, sagte er, seine Stimme war kalt vor Entsetzen. „Als derjenige, der Erlenberg in Brand steckte. Der die Brunnen vergiftet hat.“
Die Erkenntnis traf ihn wie ein Hammerschlag. Er hatte Friedrich blind vertraut, war seiner Pflicht gefolgt. Nun sah er die ganze Tiefe des Verrats.
Karl blickte mich an, seine Augen waren hart und entschlossen.
„Eure Hoheit“, sagte er, und seine Stimme war nun voller Treue. „Ich schwöre euch die Treue. Was auch immer Friedrich plant, ich bin an eurer Seite.“
Ich wusste, dieser Schwur war echt. Karls Pflichtgefühl hatte sich auf die wahre Gerechtigkeit verlagert.
Kapitel 10: Der tote Chronist
Mit Hauptmann Karl an meiner Seite spürte ich einen Funken Hoffnung. Wir hatten einen Verbündeten, der die Wahrheit kannte.
„Wir müssen Severin schützen“, sagte ich zu Karl. „Er weiß zu viel. Friedrich wird ihn zum Schweigen bringen wollen.“
Wir eilten zur Bibliothek. Der Sturm hatte sich noch verstärkt, der Wind brüllte durch die Gänge.
Als wir die Tür zur Bibliothek öffneten, schlug uns ein eisiger Luftzug entgegen. Die Kerze, die Severin immer brannte, war erloschen.
Er saß an seinem Pult, den Kopf auf eine offene Chronik gesunken. Seine Hände waren starr verkrampft.
„Severin!“, rief ich, ein kalter Schauer lief mir über den Rücken.
Ich rüttelte an seiner Schulter, doch er rührte sich nicht. Seine Haut war eiskalt.
Er war tot.
In seinen starren Fingern hielt er etwas zerknittertes. Ich zog es vorsichtig hervor. Es war eine Quittung.
Mein Blick huschte über die Zeilen. „Ausgestellt von Friedrich von Kronberg… an einen Söldnerführer… 500 Silberthaler… für Dienste in den Grenzdörfern.“
Karl stieß einen entsetzten Laut aus.
Friedrich hatte Söldner angeheuert. Und Severin hatte den Beweis dafür in der Hand.
In diesem Moment hörten wir Schritte auf dem Gang. Dann die schwere Eichentür, die knarrend aufging.
Friedrich stand im Rahmen, umgeben von zehn seiner Wachen. Ein Triumphlächeln zierte seine Lippen.
„Ich sehe, ihr habt den Verräter gefunden“, sagte er, sein Blick fiel auf Severins leblosen Körper. „Schade. Er hatte noch ein paar interessante Geschichten zu erzählen.“
Seine Augen trafen meine. „Und ihr, meine liebe Schwester. Ihr seid nun allein. Mit einem toten Chronisten und einem Hauptmann, der seine Pflicht vergessen hat.“
Er hob eine Hand. „Nehmt sie fest! Beide!“
Die Wachen traten vor, ihre Waffen gezückt. Ich spürte, wie Jakobs Warnung in meinen Ohren hallte: „Friedrich wird euch nicht am Leben lassen.“
Kapitel 11: Die Enteignung der Silbermine
Friedrichs Wachen stürmten auf uns zu. Doch in diesem Moment hörten wir ein Geräusch. Ein lauter Knall, gefolgt von beißendem Rauch, der durch die Bibliothek zog.
„Stallbrand!“, rief jemand von draußen.
Jakob war es gewesen. Er hatte einen Rauchbrand im Stall gelegt, um uns abzulenken.
Im entstehenden Chaos drängten wir uns an den Wachen vorbei und flohen. Durch verwinkelte Gänge, hinab in die tiefsten Katakomben des Schlosses.
Der Geruch von Rauch und das Heulen des Sturms folgten uns.
„Wir müssen in die Minen“, sagte Jakob, als wir einen versteckten Zugang erreichten. „Dort seid ihr sicher. Und ich weiß, wo Friedrich seine wär’s vergraben hat.“
Wir folgten einem schmalen Pfad hinab in die ewige Dunkelheit der alten Silbermine. Das Echo unserer Schritte hallte in den Stollen wider.
Es war kalt und feucht. Überall tropfte Wasser von den Wänden.
Jakob führte uns tief in das Labyrinth der Mine. Wir gingen Minuten, die sich wie Stunden anfühlten.
Plötzlich blieben wir stehen. Vor uns lag ein verborgener Stollen, dessen Eingang notdürftig mit Brettern vernagelt war.
Jakob riss die Bretter mit einem eisernen Hebel ab.
Was wir dahinter fanden, ließ uns den Atem stocken.
Vierzig große Holzkisten stapelten sich an den Wollen. Sie waren schwer, viel zu schwer.
Wir brachen eine auf. Darin lagen, dicht an dicht, reinste Silberbarren. Das schimmernde Metall reflektierte das schwache Licht unserer Fackeln.
„Der gesamte Ertrag der letzten fünf Jahre“, flüsterte Jakob. „Friedrich hat ihn beiseitegeschafft. Während das Dorf hungerte und fror.“
Mein Magen zog sich zusammen. Zehntausende, vielleicht Hunderttausende Silberthaler, die Friedrich heimlich gehortet hatte.
Das Dorf hungerte, die Brunnen waren vergiftet, die Straßen blockiert. Und mein Bruder saß auf einem Berg von Reichtum, der Kronberg gehörte.
Diese Silberbarren waren der ultimative Beweis seiner Gier. Der Beweis, dass er nicht nur nach der Herrschaft trachtete, sondern das Tal systematisch ausplünderte.
Kapitel 12: Die Stimme aus der Schlucht
Die Silberbarren glänzten im schwachen Fackellicht. Ein Schatz, der dem Dorf gestohlen und für Friedrichs dunkle Machenschaften beiseitegeschafft worden war.
„Er hat uns alle betrogen“, flüsterte Hauptmann Karl, sein Gesicht war eine Maske aus Abscheu.
Wir konnten das Silber nicht zurücklassen. Es war der Schlüssel zu Friedrichs Untergang.
Doch die Zeit drängte. Wir mussten einen Weg finden, um das Dorf zu erreichen und die Wahrheit zu enthüllen.
Plötzlich durchfuhr ein unheimliches Heulen die Schlucht des Erlenbergs. Es war ein tiefes, klagendes Geräusch, das in den Felsen widerhallte und uns bis ins Mark erschütterte.
Ich spürte, wie mir das Blut in den Adern gefror.
„Die Geister von Erlenberg“, flüsterte Jakob. „Sie sind erwacht.“
Die abergläubischen Dorfbewohner glaubten, es sei die Rache der 43 Toten, die in jener Brandsnacht ums Leben gekommen waren. Ein Zeichen der Verzweiflung, das den Untergang des Tals verkündete.
Ich schüttelte den Kopf. Das Heulen war zu stark, zu real.
Der Schneesturm draußen hatte sich zu einer Naturgewalt entwickelt. Er deckte die Dächer der Häuser ab, riss Bäume entwurzelt und ließ die Kälte auf eisige minus 20 Grad sinken.
Das Heulen wurde lauter, ein markerschütternder Schrei, der durch die engen Schluchten peitschte. Es war nicht das Echo von Stimmen.
Es war der Wind. Der Jahrhundertsturm, der sich über dem Tal zusammenbraute. Seine Wucht war unvorstellbar.
Die Mine bebte unter den Vibrationen. Felsbrocken lösten sich von den Wänden und stürzten krachend in die Tiefe.
„Der Sturm ist zu mächtig“, rief Karl über das Heulen hinweg. „Er wird uns alle begraben!“
Die Geräusche waren nicht übersinnlich. Sie waren die pure, entfesselte Gewalt der Natur. Und sie würde nicht nur Friedrich, sondern das gesamte Tal in ihren eisigen Griff nehmen.
Kapitel 13: Die Ultimatum-Nacht
Das Heulen des Sturms war nicht das Wehklagen der Toten, sondern die brutale Gewalt der Natur. Doch für die verängstigten Dorfbewohner war es ein Omen.
Wir konnten nicht im Stollen bleiben. Das Dach der Mine begann zu ächzen und zu knarren.
Wir schleppten so viele Silberbarren wie möglich mit uns, um sie als Beweis zu haben. Schwer bepackt bahnten wir uns einen Weg zurück zum Schloss.
Die Nachricht, die uns dort erwartete, war verheerender als jeder Sturm.
Friedrich hatte die Dorfbevölkerung erneut auf dem Marktplatz versammelt. Das Feuer brannte lichterloh, seine Flammen tanzten im eisigen Wind.
Gottfried Vogl, der Sprecher des Bauernrats, stand vor Friedrich. Seine Hände waren zum Flehen erhoben.
„Herr Friedrich“, sagte Vogl, seine Stimme war vom Wind zerzaust. „Bitte, lasst Gnade walten. Die Kinder hungern. Der Sturm ist zu stark.“
Friedrichs Gesicht war hart. Er genoss seine Macht.
„Die Hoheit ist nicht bereit, Buße zu tun“, rief er über das Toben des Windes hinweg. „Sie hat das Tal verraten, die Vorräte versteckt.“
Er hob eine Fackel. Ihr Licht spiegelte sich in seinen kalten Augen.
„Wenn Margarethe nicht bis zum Morgen im Hexenturm an den Pranger gestellt wird“, brüllte er, „dann lasse ich alle Korntresore verbrennen!“
Ein kollektiver Aufschrei ging durch die Menge. Die letzten Vorräte, die die Hungersnot noch aufhalten konnten.
Vogl trat näher an Friedrich heran. „Ihr könnt das nicht tun! Das ist Wahnsinn!“
Friedrich zögerte nicht. Er nickte seinen Wachen zu.
Zwei kräftige Männer packten Gottfried Vogl und schlugen ihn brutal zu Boden. Er blieb regungslos liegen, sein Kopf auf dem gefrorenen Schnee.
Die Dorfbewohner verstummten. Der Schock war größer als jede Angst.
Friedrichs Augen wanderten über die verängstigten Gesichter.
„Dies ist euer Ultimatum“, sagte er, seine Stimme war eisig. „Bringt mir die Hexe bis Sonnenaufgang. Oder das Tal wird sterben.“
Ich stand am Rande der Menge, mein Herz zerriss. Ich musste handeln. Jetzt.
Kapitel 14: Das Geständnis des Scharfrichters
Friedrichs Ultimatum hing wie ein Damoklesschwert über dem Tal. Die verängstigten Dorfbewohner würden mich ans Messer liefern, um ihre Kinder zu retten.
Wir hatten keine Zeit mehr.
Jakob zog mich und Karl weg von der Menge, tiefer in den Schutz der Bergkette. Der Wind heulte um uns herum, aber hier, zwischen den Felsen, war es etwas ruhiger.
„Wir müssen reden“, sagte Jakob, seine Stimme war von einer neuen Ernsthaftigkeit. „Ich habe euch etwas zu sagen, bevor wir weitergehen.“
Ich sah ihn an. Sein Blick war anders.
„Ich habe euch gesagt, ich sei der Scharfrichter“, begann er. „Ein namenloser Mann, der gekommen ist, um Gerechtigkeit zu suchen.“
Er zog sein Hemd auf. Das Brandmal der Erlenberger Schulzenfamilie zeigte sich wieder auf seiner Schulter.
„Meine Familie“, sagte er. „Sie waren die Schulzen von Erlenberg. In jener Brandsnacht wurden sie ermordet. Ich war sechs Jahre alt. Man glaubte, ich sei tot.“
Ein Schock durchfuhr mich. Der totgeglaubte Sohn. Der Bruder des Kindes, das ich an dessen Stelle gesetzt hatte.
„Ich wurde gerettet, von Händlern, die über den Pass zogen“, fuhr Jakob fort. „Sie haben mich aufgezogen. Aber ich habe nie vergessen. Nie vergessen, wer ich war. Und woher ich kam.“
Er blickte mir direkt in die Augen. „Ich bin vor fünf Jahren zurückgekehrt. Unter dem Mantel des Henkers. Ich wollte den wahren Mörder meiner Familie finden.“
Er hielt inne, sein Blick verlor sich in der Ferne.
„Und ich wusste bis heute nicht, wer die Fackel war. Wer das Feuer gelegt hat. Wer meine Eltern vergiftet hat, *bevor* das Feuer ausbrach.“
„Vergiftet?“, fragte Karl. „Was meint Ihr?“
„Das habe ich in den alten Schriften gefunden, die Friedrich entwendet hat“, sagte Jakob. „Ich habe sie vorhin Severins Schriften verglichen. Die Leute sind nicht nur verbrannt. Sie sind zuvor vergiftet worden. Damit sie nicht fliehen konnten.“
Die Erkenntnis traf mich wie ein Hammerschlag. Ein eiskalter Schauer lief mir über den Rücken.
„Heute Nacht, als ich Friedrichs Mantelstück am Brunnen fand“, fuhr Jakob fort, „da habe ich es gewusst. Die Art, wie er sich bewegt. Die Art, wie er sprach.“
Er blickte mich an, seine Augen waren voller Schmerz.
„Die Fackel, die Erlenberg in Brand steckte“, sagte Jakob leise. „Es war Friedrich.“
Kapitel 15: Der Marsch zum Hexenturm
Die Wahrheit traf mich mit voller Wucht. Friedrich. Mein eigener Bruder. Er war der Mörder meiner leiblichen Familie.
Ich hatte ihn all die Jahre gedeckt, unbewusst eine Lüge aufrechterhalten, um den Frieden im Tal nicht zu stören.
Doch der Frieden war längst zerstört.
„Wir müssen zum Hexenturm“, sagte ich, meine Stimme war fest, ohne Zögern. „Dort werde ich ihn stellen.“
Karl und Jakob blickten mich an.
„Allein?“, fragte Karl ungläubig. „Eure Hoheit, das ist Selbstmord.“
„Das Dorf wird mich ans Messer liefern“, erwiderte ich. „Oder Friedrich wird es verbrennen. Ich habe keine Wahl.“
Der Jahrhundertsturm peitschte mit eisigen Böen über den Pass. Der Wind schnitt wie tausend Klingen in meine Haut.
Ich ging den steilen Pfad zum verlassenen Hexenturm hinauf. Ganz allein. Ohne Wachen, ohne Gefolge.
Der Turm, ein graues Relikt aus einer anderen Zeit, ragte wie ein zahnloser Riese aus dem Schnee. Sein morsches Holz ächzte und knarrte unter der Last des Sturms.
Ich spürte Friedrichs Blicke.
Er stand am Ausguck des Schlosses, eine dunkle Silhouette vor dem tosenden Himmel. Ich wusste, er würde mich verfolgen.
Er sah mich. Ich sah, wie er sich in Bewegung setzte.
Ich stieg die letzten, vereisten Stufen hinauf zum Turm. Jedes Geräusch des Sturms schien seinen Namen zu rufen.
Friedrich kam, besessen von dem Wunsch, mich eigenhändig zu richten.
Ich hörte seine Schritte hinter mir. Das Knirschen des Schnees. Das Geräusch seiner gezückten Klinge.
Dies war der Weg, den ich gehen musste. Der Weg zur Wahrheit.
Kapitel 16: Die Eisfalle
Die letzte Stufe zum Hexenturm war verschneit und eisig. Ich erreichte die schwere Eichentür, die von Jahrhunderten der Witterung gezeichnet war.
Der Wind riss an meinen Kleidern, drohte mich von der Klippe zu fegen.
Ich drückte die Tür auf. Innen war es dunkler, aber der Wind heulte noch immer durch die Ritzen.
Kaum hatte ich einen Fuß in den Turm gesetzt, hörte ich Friedrichs Schritte hinter mir. Er war schneller gewesen, als ich erwartet hatte.
Er stieß die Tür hinter sich zu. Sie schlug mit einem dumpfen Knall ins Schloss. Das Geräusch war endgültig.
Wir befanden uns im obersten Stockwerk des Turms. Dreißig Meter über der steilen Felswand, die zum Abgrund führte.
Der Raum war kalt, kahl und windgepeitscht. Lose Bretter klapperten unter den Füßen.
Friedrich stand mir gegenüber, sein Gesicht war eine Maske aus Hass und Triumph. In seiner Hand glitzerte ein Dolch, sein Schwert ruhte an der Hüfte.
„Du bist eine Narrin, Schwester“, zischte er. „Hier endet deine Herrschaft.“
Ich spürte die eiskalte Luft, die durch die Risse in den Wänden pfiff. Der Sturm brüllte mit einer übersinnlichen Gewalt um den Turm herum.
Plötzlich hörte ich ein Geräusch von draußen. Das Geräusch eines schweren Riegels, der einrastete.
Jakob. Er hatte die Tür von außen verriegelt.
Kein Entkommen mehr. Weder für mich, noch für Friedrich.
Der Hexenturm war unsere Falle geworden. Der Wind heulte jetzt direkt in meine Ohren, wie ein wütender Geist, der auf sein Opfer wartete.
Friedrichs Augen leuchteten im Dämmerlicht. Er war gefangen. Aber das wusste er noch nicht.
Kapitel 17: Der Fluch im Sturm
Der Wind heulte wie ein tobender Dämon um den Hexenturm. Wir standen uns gegenüber, Friedrich und ich, in der kargen Zelle, dreißig Meter über dem Abgrund.
Friedrichs Lächeln war wahnsinnig. „Endlich“, brüllte er über das Heulen des Sturms. „Endlich gehört das Tal mir.“
Er stürmte auf mich zu, sein Dolch blitzte in der Dunkelheit. Ich wich aus, spürte den eisigen Windzug, als die Klinge an meiner Wange vorbeizischte.
„Du hast versucht, mich zu täuschen, Schwester“, spottete er. „Mit deinem falschen Titel, deinen falschen Beweisen.“
Er lachte, ein schriller, geisteskranker Laut. „Dachtest du wirklich, du könntest mich aufhalten?“
Er trieb mich gegen die morsche Turmwand. „Du weißt nicht einmal, wer du bist! Ein Findelkind! Ein Abschaum aus Erlenberg!“
„Ich weiß, wer *du* bist“, entgegnete ich, meine Stimme war überraschend ruhig. „Ich weiß, dass du die Brunnen vergiftet hast. Dass du das Silber gestohlen hast.“
Sein Lachen verstummte abrupt. Seine Augen wurden kalt und hart.
„Du hast keine Ahnung“, sagte er, seine Stimme war ein Flüstern des Wahnsinns. „Ich habe dieses Tal schon immer gehasst. Diese alten, dummen Regeln.“
Er trat einen Schritt zurück, seine Brust hob sich. „Erlenberg… das war ein Anfang. Ein kleiner Brand, um die alten Zeugen meiner… ‚Jugendsünden‘ zu beseitigen.“
Seine Augen glänzten. „Ich war zwölf. Und sie wussten, dass ich etwas gestohlen hatte. Ich habe ihnen die Hölle gebracht.“
Die Worte trafen mich wie ein Schlag. Er gab es zu. Ohne Reue, mit Stolz.
„Ich habe das Feuer selbst gelegt“, brüllte er, die Worte wurden vom Sturm fast verschluckt. „Mit meinen eigenen Händen! Und sie konnten nicht fliehen, weil sie schon vergiftet waren!“
Ich blickte ihn an, ohne Furcht. Ich hatte es gewusst.
Ich zog das kleine, eiserne Amulett aus meiner Tasche, das Jakob im Schlossteich gefunden hatte. Es war das echte Wappen der Kronbergs. Das Zeichen der wahren Erbin.
„Ich wusste, wer du warst“, sagte ich, meine Stimme war klar. „Die Falle im Turm. Sie war für dich bestimmt.“
In diesem Moment, als Friedrichs Gesicht sich zu einem verzerrten Schrei des Zorns verformte, zerbarst das morsche Holzdach über uns.
Ein übersinnlicher Kugelblitz fuhr mit ohrenbetäubendem Krachen durch das Eisdach. Splitter und Eisstücke flogen durch die Luft.
Eine gewaltige Sturmböe brach durch die Öffnung, peitschte den Raum mit Eis und Schnee.
Friedrichs Schrei wurde vom Wind verschluckt. Er taumelte, verlor den Halt auf den glatten Brettern.
Die Böe packte ihn, riss ihn mit sich. Ich sah, wie er in die gähnende Klippenschlucht gerissen wurde. Sein Schrei hallte kurz im Sturm wider, dann verstummte er.
Die Dunkelheit verschlang ihn.
Kapitel 18: Das Schweigen der Schlucht
Der Sturm legte sich schlagartig um Punkt Mitternacht. Das Heulen verstummte, die eisigen Böen legten sich, als hätte ein unsichtbarer Schalter umgelegt.
Stille. Eine beängstigende, unwirkliche Stille.
Ich stand allein im schneebedeckten Turmraum, das eiserne Amulett in meiner Hand. Das Loch im Dach klaffte wie eine Wunde zum sternenklaren Himmel.
Wenige Minuten später hörte ich Stimmen. Das Knarren des Riegels, dann ein lauter Schlag.
Jakob und Hauptmann Karl brachen die Turmtür auf. Sie stürmten herein, ihre Gesichter waren von Sorge gezeichnet.
Sie fanden mich allein. Meine Kleidung war von Schnee und Eis bedeckt, aber ich war unversehrt.
„Eure Hoheit!“, rief Karl, seine Stimme war heiser. „Friedrich… wo ist er?“
Ich zeigte zum klaffenden Loch im Dach. „Der Sturm hat ihn geholt.“
Die Wachen begannen sofort, unter an der Klippe zu suchen. Stundenlang durchkämmten sie den tiefen Schnee, riefen seinen Namen in die eisige Nacht.
Doch von Friedrichs Leiche fehlte jede Spur. Der Schnee hatte ihn verschluckt.
Nur sein zerrissener, roter Mantel hing im eisigen Felsgebüsch, flatternd im schwachen Wind. Ein letztes Zeichen seiner Anwesenheit, bevor die Natur ihn endgültig forderte.
Die Dorfbewohner, die sich unter der Klippe versammelt hatten, starrten in die Dunkelheit. Ihre Gesichter waren blass vor Angst und Ungewissheit.
Hat der Sturm ihn getötet? Oder hatte er ihn nur verschlungen, um an einem anderen Ort wieder aufzutauchen? Die Kälte der Wahrheit hing schwer in der Luft.
Die Ungewissheit war seine letzte Strafe.
Kapitel 19: Die Asche von Erlenberg
Im folgenden Monat kehrte eine unruhige Stille über das Tal. Die Vorräte waren gerettet, die Wasserversorgung wiederhergestellt. Der Winter blieb eisig, aber die größte Gefahr war gebannt.
Ich stand in den verschneiten, verbrannten Ruinen des Dorfes Erlenberg. Der Schnee bedeckte die verkohlten Überreste, aber die Narben des Feuers waren immer noch sichtbar.
Das Tal war zur Ruhe gekommen, doch der Bauernrat traute der Stille nicht. Die Erinnerung an Friedrichs Wahnsinn lag noch wie ein Schatten über den Bergen.
Jakob hatte den Henkersmantel abgelegt. Er zog nun als Einsiedler durch die Wälder, sein Gewissen schien leichter, aber seine Augen trugen noch immer die Last der Vergangenheit.
Er hatte seine Familie gerächt. Auf eine Weise, die niemand erwartet hatte.
Manchmal, wenn der Wind des nachts durch die Schlucht pfiff, schworen manche Bauern, Friedrichs Lachen zu hören. Sein Geist, so munkelten sie, wehte noch durch die Berge, gefangen zwischen Himmel und Abgrund.
Ich kniete am alten Dorfbrunnen von Erlenberg. Die Quelle des Lebens, die einst von Gift bedroht war.
Ich legte ein einziges eisernes Amulett in den Schnee. Das Zeichen der Kronbergs, das Zeichen der Erlenberger Schulzen.
Es war ein Abschied von der Lüge, von der Schuld, von der Ungewissheit.
Manche Gräber bleiben offen, weil die Kälte der Wahrheit keinen Stein duldet, der sie verdeckt.
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