„Lass die Waffe fallen, Alex, oder das Mädchen stirbt, bevor die ersten Polizisten den Wald erreichen“, sagte die Stimme aus dem Schatten des Bunkers. Ich hielt den Atem an, während der Rotpunktlas…

CHAPTER 1: Das Phantom aus dem Bunker

Part 1

„Lass die Waffe fallen, Alex, oder das Mädchen stirbt, bevor die ersten Polizisten den Wald erreichen“, sagte die Stimme aus dem Schatten des Bunkers. Ich hielt den Atem an, während der Rotpunktlaser meiner MP5 auf die Stirn der Entführerin gerichtet war. Es war dieselbe raue, sanfte Stimme, die ich seit genau fünf Jahren nicht mehr gehört hatte – seit der Nacht, als ich im Krankenhaus von Stuttgart eine verbrannte Leiche als meine Ehefrau Elena identifizieren musste. Clara Veith, die 22-jährige Tochter des Atomphysikers, kauerte gefesselt auf dem Betonboden, doch mein Blick blieb an den bekannten grünen Augen der Toten haften. Elena lebte nicht nur, sie war der Kopf der Operation, für die mein halbes KSK-Team vor drei Stunden getötet worden war.

Der kalte Gestank von feuchtem Beton und altem Schmieröl lag schwer in der Luft des unterirdischen Kontrollraums.

Eine einzelne Leuchtstoffröhre flackerte an der Decke des verlassenen NATO-Bunkers nahe Mechernich. Sie warf lange, unruhige Schatten über die rostigen Schaltschränke.

Ich senkte die Mündung meiner MP5 um keinen einzigen Millimeter.

„Elena?“, entwich es mir.

Meine Stimme klang fremd in der kühlen Stille der Eifel.

Die Frau im dunklen Einsatzkampfanzug lächelte nicht. Ihre Lippen bildeten eine schmale, blasse Linie.

„Der Name gehört einer Toten, Alex. Und du solltest wissen, wie man Tote ruhen lässt.“

Hinter mir hörte ich das schwere Atmen meiner beiden verbliebenen KSK-Kameraden. Oberfeldwebel Weber und Stabsgefreiter Meier deckten den rückwärtigen Gang ab.

Vor drei Stunden hatten wir vier Männer bei der Annäherung an das Waldstück verloren. Wir hatten mit professionellen osteuropäischen Söldnern gerechnet, nicht mit einem Phantombild aus meiner eigenen Vergangenheit.

Clara Veith wimmerte leise auf dem Boden.

Kabelbinder schnitten tief in ihre Handgelenke. An ihrer Schläfe brannte ein frischer, blutiger Kratzer.

„Ich habe deinen Ehering fünf Jahre lang im Schrank aufbewahrt“, sagte ich. Ich trat einen kleinen Schritt nach vorne. „Ich habe neben einem leeren Grab gestanden.“

„Du hast genau das getan, was man von dir erwartet hat“, erwiderte Elena ohne ein Zucken in den Augen. „Du warst ein gehorsamer Hauptmann.“

Sie hielt eine schwarze SIG Sauer P226 in der rechten Hand, gerichtet auf die Stirn der 22-jährigen Studentin.

In ihrer linken Hand blitzte ein flaches, graues Plastikgehäuse mit einem roten Druckknopf auf.

„Mach keinen Fehler, Alex“, sagte sie leise.

„Lass das Mädchen gehen, Elena. Es ist vorbei.“

„Es hat noch gar nicht angefangen.“

Elena drückte den roten Knopf auf dem Plastikgehäuse.

Kein Geräusch im Raum. Nur ein trockenes, elektronisches Piepen.

Eine halbe Sekunde später erschütterte ein dumpfer, ohrenbetäubender Schlag das gesamte Bunkerfundament.

Der Druckstoß riss Staub und Putz von den Wänden.

Direkt hinter mir ertönte das metallische Kreischen kollabierender Stahlträger, gefolgt vom krachenden Geräusch von brechendem Stahlbeton.

Eine massive Staubwolke schoss aus dem Zugangstunnel in den Kontrollraum.

Ein Schrei wurde sofort von der Explosion verschluckt. Dann folgte das dumpfe Aufschlagen von tonnenschweren Betonplatten.

Der komplette Zugangsgang brach in sich zusammen.

Vierzig Tonnnen Schutt und Gestein stürzten exakt an der Stelle ein, an der Weber und Meier gestanden hatten.

Der Gang war vollständig versiegelt. Keine Stimmen mehr. Keine Bewegung.

Der Raum hüllte sich in grauen Nebel aus Zementstaub.

Ich wirbelte herum, doch da war nur noch eine undurchdringliche Wand aus Trümmern und abgetrennten Reปรaderkabeln.

„Weber! Meier!“, schrie ich gegen den Lärm der nachfallenden Steine an.

Keine Antwort.

Nur das Zischen einer geborstenen Druckluftleitung durchschnitt die Stille.

„Sie sind tot, Alex“, sagte Elenas Stimme aus dem Staub. „Genau wie der Rest deiner Einheit, wenn du nicht sofort aufhörest zu denken wie ein Soldat.“

Ich drehte mich langsam zurück. Der Laser meiner Waffe zitterte jetzt leicht auf ihrer Brust.

„Du hast deine eigenen Kameraden ermordet?“, fragte ich.

„Es waren Vance’ Männer“, antwortete sie eiskalt. „Er hat sie dir mitgegeben, damit niemand diesen Bunker lebend verlässt. Weder das Mädchen, noch du, noch ich.“

Ein rotes LED-Display an der Hauptkonsole hinter Elena sprang an.

Die Ziffern leuchteten im Nebel auf: 00:60.

Die Zahlen begannen sofort rückwärts zu laufen.

00:59.

00:58.

Clara Veith schrie auf und versuchte, sich auf dem Boden zurückzuziehen, doch ihre Fesseln hielten sie fest.

„Was ist das?“, rief ich.

„Das ist das Ende dieser Station“, sagte Elena. Sie trat einen Schritt näher an die Konsole heran. „In fünfzig Sekunden wird die Thermit-Ladung im Untergeschoss gezündet. Der gesamte Komplex schmilzt auf zweitausend Grad Celsius ab.“

„Du verrätst alles, wofür wir gestanden haben!“, schrie ich sie an.

Elena trat einen Schritt auf mich zu, bis die Mündung meiner MP5 fast ihre Brustplatte berührte.

Sie sah mir direkt in die Augen. Kein Anzeichen von Zögern. Kein Anzeichen der Frau, die ich einst geliebt hatte.

„Du weißt nicht einmal, wofür du seit zehn Jahren kämpfst, Alexander“, sagte sie leise. „Gib mir das Freischaltmodul deiner Weste.“

„Niemals.“

„Wenn du mir den Koderiegel nicht gibst, stirbt dieses Mädchen genau hier auf dem Beton. Und du wirst nie erfahren, wer deine Frau wirklich getötet hat.“

00:42.

00:41.

Die rote Anzeige warf ein blutiges Licht auf das Gesicht der Studentin, die mich mit aufgerissenen Augen ansah.

Elenas Finger spannte den Hahn der SIG Sauer.

Part 2

00:39.

00:38.

„Vance hat meine Existenz gelöscht, Alex“, sagte Elena. Ihre Stimme blieb eiskalt. „Vor fünf Jahren. Es ging um Millionen aus dem Verteidigungsministerium. Er hat meinen Tod inszeniert, um eine Spurenkette zu unterbrechen. Und dich hat er als Sündenbock benutzt.“

Ich starrte sie an. „Oberst Vance? Das ist absurd.“

„Er hat euch alle benutzt“, zischte sie. „Gib mir das Modul. Wenn du es mir gibst, bleibt das Mädchen am Leben. Du hast zwanzig Sekunden.“

00:22.

00:21.

Clara Veith sah mich mit nackter Todesangst an. Ich blickte auf den Timer an der Wand, dann auf das Freischaltmodul an meiner Koppel.

Mit einer schnellen Bewegung klinkte ich den schwarzen Koderiegel aus und warf ihn Elena vor die Füße.

Sie fing ihn mühelos auf. Ein schmales Lächeln stieg in ihren Augen auf.

„Lauf, Alex. Bevor die Eifel brennt.“

00:05.

Bevor ich reagieren konnte, zog Elena eine silberne Blendgranate vom Gürtel und ließ sie auf den Betonboden fallen.

Ein greller, weißer Blitz fraß die Dunkelheit. Ein ohrenbetäubender Knall raubte mir auf einen Schlag Sicht und Gehör.

Ich tastete im Blindflug über den staubigen Boden, bis meine Hände Claras Jacke erfassten. Ich riss die Studentin hoch und schleifte sie mit aller Kraft in Richtung des schmalen Lüftungsschachts an der Rückwand.

Hinter uns explodierte die Hauptladung.

Eine gewaltige Hitzewelle schoss durch den Kontrollraum. Der Druck riss die Bunkerwände auseinander, während das Thermit den Betonsockel bei zweitausend Grad verflüssigte.

Ich drückte Clara durch das rostige Eisengitter des Schachts und kroch hinterher, während das Metall über uns glühend rot anlief.

Knapp zwei Minuten später brachen wir keuchend aus dem Auslassgitter ins feuchte Unterholz des Eifelwaldes.

Der Boden bebte noch immer unter den tiefen Detonationen im Untergrund. Grauer Rauch stieg zwischen den Bäumen auf.

Ich zog Clara hinter einen dichten Fichtenstamm und griff nach meiner Waffe.

Doch bevor ich durchladen konnte, flammten im dichten Nebel des Waldes ein Dutzend helle Gefechtslichter auf.

Männer in dunkler Ausrüstung traten aus dem Dickicht. Sie trugen Sturmhauben und schwere ballistische Schutzschilde.

Auf ihren Westen leuchteten die gelben Buchstaben: BKA.

Der Einsatzleiter an der Spitze richtete den Rotpunktlaser seiner Maschinenpistole direkt auf meine Brust.

„Alexander Berg! Waffen fallen lassen! Befehl der Führung: Schießbefehl freigegeben, keine Gefangenen!“

KAPITEL 2: Die Chiffre im Blut

Der gestohlene Geländewagen schlug hart auf dem matschigen Waldweg auf. Äste rissen an den Außenspiegeln, als ich den Wagen ohne Scheinwerfer durch die dichten Fichtenwälder der Nordeifel trieb.

Neben mir auf dem Beifahrersitz zitterte Clara Veith. Das 22-jährige Mädchen presste die gefesselten Handgelenke gegen ihre Brust. Ihre Brille war an einem Glas gesprungen.

“Wo bringen Sie mich hin?”, fragte sie mit brüchiger Stimme.

“Weg von hier. Richtung Bonn”, antwortete ich. Ich schaltete den Gang hoch. “Ihr Vater hat Forschungen über eine EMP-Waffe angestellt. Wo sind die Daten gespeichert? Auf einem USB-Stick? Auf einem Server?”

Clara schüttelte langsam den Kopf. Eine Träne lief über ihre Wange und hinterließ eine helle Spur auf der schmutzigen Haut.

“Es gibt keinen Stick”, flüsterte sie. “Mein Vater hat die Daten im Labor der RWTH Aachen synthetisiert. Der Entschlüsselungscode existiert nur in meiner DNS.”

Ich trat so fest auf die Bremse, dass die Reifen im Schlamm blockierten. Der Motor starbe ab.

“Was haben Sie gesagt?”, fragte ich.

“Mein Vater hat die Basenpaare meiner DNS verändert”, sagte Clara. Sie blickte auf ihre zitternden Hände. “Der mathematische Schlüssel für die Überlastung der Frequenz ist in meinem Blut eingebrannt.”

Ich zog mein Diensthandy aus der taktischen Weste und schaltete es ein. Das Display leuchtete im dunklen Fahrzeuginnenraum auf.

Drei Sekunden später piepte das Gerät ununterbrochen. Eine Eil-Fahndung der Bundespolizei erschien auf dem Bildschirm.

“Alexander Berg. Ex-Hauptmann KSK. Dringend tatverdächtig wegen zweifachen Mordes an KSK-Kameraden und Entführung der Studentin Clara Veith. Lösegeldforderung: 5 Millionen Euro. Schießbefehl erteilt.”

Die Unterschrift unter der Fahndung stammte von Oberst Marcus Vance. Meinem ehemaligen Vorgesetzten.

Ich nahm das Magazin meiner MP5 heraus und zählte die Patronen. Es waren genau 14 Schuss. Kein Geld, keine Verstärkung, und das ganze Land jagte mich.

“Er hat mich zum Staatsfeind erklärt”, flüsterte ich.

Aus den Bäumen oberhalb des Weges stieg ein Schwarm Krähen auf. Das Geräusch von schlagenden Flügeln füllte die Stille.

KAPITEL 3: Das Versteck an der Rheinpromenade

Die Bootshalle bei Bonn-Bad Godesberg roch nach altem Motorenöl, nasser Eiche und Flusswasser. Ich stützte Clara, als wir durch das morsche Holzttor traten.

Der dunkle Bau gehörte Tim Richter. Tim war mein Stellvertreter im KSK gewesen, bevor er nach einem Oberschenkeldurchschuss ausgemustert worden war.

Licht fiel durch die Ritzen der Dachplatten. Ein Schatten bewegte sich am Ende des Stegs.

Tim trat aus der Dunkelheit. Er trug einen grauen Pullover, und an seiner linken Hand führte er seinen Schäferhund an der Leine. Seine Hand lag nicht am Holster.

“Du bist im Fernsehen, Alex”, sagte Tim. Seine Stimme klang ruhig. “Ganz Deutschland sucht dich.”

“Vance stellt mir die Morde im Bunker nach”, sagte ich und trat einen Schritt vor. “Elena lebt, Tim. Ich habe sie gesehen.”

Tim blieb stehen. Der Schäferhund knurrte leise, entspannte sich aber, als Tim ihm über den Kopf strich.

“Ich weiß”, sagte Tim. “Vance hat eine private Söldnereinheit engagiert. Sie nennen sich ‘ProTek’. Acht Mann, militärisch ausgebildet. Sie haben Befehl, dich und das Mädchen zu exekutieren, bevor das BKA dich findet.”

“Warum halfst du mir damals nicht?”, fragte ich.

“Weil ich es nicht wusste”, antwortete Tim. Er zog einen gebügelten Zettel aus der Hosentasche und reichte ihn mir. “Das ist die Adresse von Erich Kranz. Er lebt zurückgezogen in Pulheim. Er war BND-Archivar bis 1999. Er hat Akten, die Vance nie vernichten konnte.”

Ich nahm den Zettel entgegen. In diesem Moment erstarrte der Schäferhund. Seine Ohren stellten sich auf.

Ein dumpfer Knall erschütterte die Holzwand der Bootshalle. Splitter flogen durch die Luft.

Der Schäferhund sackte ohne einen Laut zusammen. Blut sickerte aus einer Wunde in seiner Brust in die Holzplanken.

“Scharfschütze!”, schrie Tim und warf sich auf den Boden. “Großkaliber von der anderen Rheinseite!”

Ein zweiter Schuss durchschlug das Dach. Metall splitterte.

Ich packte Clara am Kragen ihrer Jacke und riss sie hinter einen gestapelten Berg aus alten Holzbooten.

KAPITEL 4: Der Schattenarchivar von Pulheim

Wir schwammen durch das eiskalte Wasser des Rheins, während die Schüsse hinter uns im Holz der Bootshalle einschlugen. Am Tagesanbruch erreichten wir das Backsteinhaus am Stadtrand von Pulheim.

Der Vorgarten war verwildert. Die Rolläden an den Fenstern waren vollständig heruntergelassen.

Ich klopfte dreimal kurz und zweimal lang gegen die schwere Eichentür. Nichts passierte.

“Erich Kranz!”, rief ich durch den Türschlitz. “Ich komme wegen Nachtschatten!”

Das Geräusch von drei mechanischen Schlössern erklang. Die Tür öffnete sich einen Spalt breit. Ein alter Mann mit schütterem grauem Haar und einer dicken Hornbrille blickte uns entgegen.

Erich Kranz sah auf meine durchnässte Uniform, dann auf das zitternde Mädchen neben mir.

“Nachtschatten ist seit fünf Jahren tot”, sagte Kranz mit rauer Stimme.

“Sie stand vor vier Stunden vor mir”, erwiderte ich. “Und sie trägt die Pistole, die der BND ihr 1998 ausgestellt hat.”

Kranz trat zur Seite und winkte uns herein. Der Flur roch nach abgestandenem Kaffee und altem Papier.

Er führte uns in den Keller. Die Wände waren lückenlos mit stählernen Aktenregalen verstellt. In der Mitte des Raums stand ein massiver Panzerschrank.

Kranz drehte am Zahlenkombinationsschloss. Die Schwere Stahltür schwang auf. Er zog einen vergilbten Schnellhefter heraus.

“Elena Berg hieß ursprünglich Vancea”, sagte Kranz und schlug die Akte auf. “Sie war die Tochter eines Hauptmanns der DDR-Staatssicherheit. Oberst Vance hat sie 1998 rekrutiert, um dein KSK-Team zu überwachen. Du warst nie ihr Ehemann, Alex. Du warst ihr Auftrag.”

Ich starrte auf das Schwarz-Weiß-Foto einer jungen Elena in der Akte. Daneben klebte ein Auszug aus einem Gerichtsmedizinischen Bericht.

“Und die Leiche im Krankenhaus Stuttgart?”, fragte ich. My Stimme war rau.

“Gefälscht”, sagte Kranz. “Die Gerichtsmedizinerin Dr. Sabine Arndt hat den Obduktionsbericht unterschrieben. Nicht weil sie bestochen wurde. Vance hat am Tag vor dem Unfall ihren achtjährigen Sohn entführt.”

Clara stieß einen kurzen Atemzug aus. “Der Junge… lebt er noch?”

“Er ist jetzt 13”, sagte Kranz leise. “Und er wird immer noch festgehalten.”

KAPITEL 5: Blut im Kölner Hafen

Der Kölner Rheinhafen lag im grauen Nieselregen. Lagerhallen aus Wellblech reihten sich aneinander, dazwischen rosteten alte Verladekräne.

Kranz hatte mir die Koordinaten des Hafendepots Nr. 14 gegeben. Ich hockte hinter einem Stapel Euro-Paletten und beobachtete den Eingang.

Zwei bewaffnete Männer in schwarzen Geländejacken standen an der Laderampe. Auf ihren Ärmeln pragte das Logo von “ProTek”.

Ich zog das Kampfmesser aus meiner Weste und überprüfte die verbliebenen Patronen in der MP5. Zwölf Schuss.

Ich schlich um die Rückseite der Halle. Ein verrostetes Belüftungsgitter ließ sich ohne großes Geräusch heraushebeln. Ich zwängte mich hindurch.

Im Inneren der Halle roch es nach nasser Kohle. In der Mitte des Raumes saß ein Junge auf einem Holzstuhl. Seine Handgelenke waren mit Kabelbindern an die Armlehnen gefesselt.

Zwei weitere Söldner saßen an einem Klapptisch und spielten Karten. Ihre Sturmgewehre lehnten an der Wand.

Ich ließ mich lautlos vom Querträger herab.

Drei schnelle Schritte. Das Messer traf den ersten Söldner an der Halsschlagader, bevor er aufstehen konnte. Der zweite Griff nach seiner Waffe, doch ich schlug ihm die Kante meiner MP5 gegen den Kehlkopf.

Er sackte lautlos zusammen.

Ich rannte zum Stuhl und schnitt die Kabelbinder des Jungen durch.

“Bist du der Sohn von Frau Dr. Arndt?”, flüsterte ich.

Der Junge nickte hektisch. Seine Lippen waren trocken und aufgesprungen.

Neben dem Klapptisch lag der Rucksack eines Söldners. Ein Satellitentelefon blinkte grün auf. Ich hob es auf und drückte die Wiedergabetaste der letzten Sprachnachricht.

Elenas Stimme füllte den Raum.

“Der Impulsreaktor im Forschungszentrum Jülich ist vorbereitet. In 18 Stunden überlasten wir die Netzfrequenz. Alle digitalen Datenbanken des BND, des BKA und der Ministerien werden unwiederbringlich gelöscht.”

KAPITEL 6: Das Erbe der Stasi

Die Raststätte an der Autobahn 4 war fast leer. Regen klatschte gegen die Panoramafenster des Schnellrestaurants.

Dr. Sabine Arndt saß am hinteren Tisch. Die Gerichtsmedizinerin trug einen dunklen Regenmantel. Ihre Hände zitterten so stark, dass der Kaffee in ihrer Tasse schwappte.

Als ihr Sohn durch die Tür trat, stieß sie einen Schrei aus und stürzte auf ihn zu. Sie schloss den Jungen in die Arme und sank auf die Knie.

Ich trat an den Tisch und legte eine schwarze Aktenmappe vor sie auf die Tischplatte.

“Die echten Autopsieunterlagen von vor fünf Jahren”, sagte ich. “Ich brauche die Gewebeproben.”

Dr. Arndt blickte zu mir auf. Ihre Augen waren rot gerändert.

“Elena hat den Autounfall selbst inszeniert”, sagte die Ärztin mit brüchiger Stimme. “Sie wollte aus Vances Erpressungsnetz aussteigen. Sie wollte mit dir fliehen, Alex.”

“Warum hat sie es nicht getan?”, fragte ich.

“Vance hat ihr Versteck gefunden”, antwortete Dr. Arndt. “Er hat ihren Vater vor ihren Augen erschossen. Danach… war sie nicht mehr dieselbe. Sie wollte keine Rettung mehr. Sie wollte Zerstörung.”

Clara Veith trat an den Tisch und schlug den Ausdruck des Satellitentelefons auf. Die technischen Baupläne des Reaktors Jülich waren darauf abgebildet.

Claras Finger fuhr über die mathematischen Formeln am Rand des Plans.

“Das ist die Frequenz der Reaktorabschirmung”, sagte Clara. Ihre Stimme wurde fest. “Mein Vater hat die Fusionsformel entwickelt. Die Frequenz, die in meiner DNS gespeichert ist, kann den Schutzmantel des Reaktors mit einem einzigen Impuls neutralisieren.”

Ich sah auf die Uhr an meinem Handgelenk. Es war 16:40 Uhr.

“Sie braucht dich lebend”, sagte ich zu Clara. “Damit sie den Reaktor zünden kann.”

KAPITEL 7: Hinterhalt auf der Autobahn 4

Der schwarze Mittelklassewagen, den Kranz besorgt hatte, schoss mit 180 km/h über die A4 Richtung Düren. Die Scheibenwischer arbeiteten auf höchster Stufe gegen den Starkregen.

Kranz saß auf dem Rücksitz und hielt ein altes BND-Funkgerät auf den Knien. Clara saß neben ihm und starrte aus dem Fenster.

Plötzlich tauchten im Rückspiegel drei schwarze Geländewagen ohne Kennzeichen auf.

“ProTek!”, rief Kranz.

Der erste Geländewagen rammte unsere Stoßstange von hinten. Das Heck des Wagens brach aus. Ich riss das Lenkrad herum und fing das Fahrzeug millimeterweit vor der Leitplanke ab.

Ein zweiter Geländewagen schob sich neben uns. Das Beifahrerfenster fuhr herunter, und der Lauf eines Sturmgewehrs wurde sichtbar.

Kugeln durchschlugen die Beifahrertür. Glassplitter flogen durch den Innenraum. Clara schrie auf und duckte sich in den Fußraum.

Voraus lag eine Baustelle. Die Fahrbahn verengte sich auf eine Spur.

Ich trat voll auf die Bremse. Der Geländewagen neben uns schoss vorbei, krachte in die Plastikabsperrungen und überschlug sich zweimal, bevor er explodierte.

Doch der drittes Wagen rammte uns seitlich. Unser Fahrzeug überschlug sich, rutschte auf dem Dach über den Asphalt und kam im Graben zum Stehen.

Ich spürte das warme Blut, das von meiner Stirn tropfte. Ich löste den Sicherheitsgurt und trat die Fahrertür auf.

Ein Mann in schwarzer Kampfausrüstung trat an das Wrack heran. Es war Viktor Markov, der Söldnerführer. Er hob seine Pistole und richtete sie auf meinen Kopf.

“Auftrag erledigt, Hauptmann”, sagte Markov.

Ein schweres Motorengeräusch dröhnte auf. Ein gepanzertes KSK-Sonderfahrzeug durchbrach die Baustellenabsperrung und rammte Markov direkt ins Gebüsch.

Die Bordkanone des Fahrzeugs eröffnete das Feuer auf die verbliebenen Söldner.

Die Fahrertür des Panzerfahrzeugs öffnete sich. Hauptmann Tim Richter sprang heraus, ein G36 im Anschlag.

“Steigt ein!”, schrie Tim. “Vance hat dem BKA gefälschte Berichte geschickt! Ich habe die Protokolle gesehen – er lügt!”

Ich zog Clara aus dem Wrack. Dann griff ich nach Kranz. Der alte Mann stöhnte laut auf. Seine rechte Schulter war von einer Kugel durchschlagen worden, und dunkles Blut tränkte seinen Mantel.

KAPITEL 8: Die Beichte des Professors

Tim brachte den schwerverletzten Kranz in eine verborgene Sanitätsstation der Bundeswehr bei Nörvenich. Während Tim die Wunde versorgte, nutzten Clara und ich die Dunkelheit, um das Gelände des Forschungszentrums Jülich zu betreten.

Der Zaun des Reaktorkomplexes war an einer Stelle aufgeschnitten worden. Die Sicherheitskameras hingen leblos in ihren Halterungen – die Stromversorgung war bereits gekappt.

Wir schlichen durch den unterirdischen Versorgungstunnel zum Labor für Quantenphysik.

Die Eisentür zum Hauptlabor stand offen. Im Raum brannte nur das Notlicht.

An einem Arbeitsplatz saß Prof. Dr. Ludwig Veith. Seine Haare waren ungekämmt, seine Augen tief eingefallen. Er hielt ein Reagenzglas in der zitternden Hand.

“Clara?”, flüsterte der Professor. Das Glas fiel aus seiner Hand und zerschellte auf dem Linoleumboden.

Clara rannte zu ihrem Vater und umarmte ihn. Der alte Mann weinte hemmschcollections.

“Es tut mir leid”, stammelte Prof. Veith. Er sah mich über Claras Schulter hinweg an. “Ich habe vor zwei Jahren freiwillig mit Elena gearbeitet. Sie hat mir Beweise gebracht… Beweise, dass Vance für den Krebstod meiner Frau verantwortlich war. Vance hat verseuchten Nuklearmüll im Eifel-Gebiet vergraben lassen.”

“Sie wollten Rache?”, fragte ich und trat näher.

“Ich wollte, dass Vance vor Gericht kommt!”, rief der Professor. “Aber Elena… Elena hat sich verändert. Sie will nicht mehr nur Vance vernichten. Sie will den Impuls nutzen, um die gesamten Strom- und Banknetze Mitteleuropas lahmzulegen.”

“Wo ist sie jetzt?”, fragte ich.

“In Reaktorhalle 3”, sagte Prof. Veith. “Sie hat die Sicherheitsstufe 4 aktiviert. Der Countdown läuft bereits.”

KAPITEL 9: Countdown in der Eifel-Station

Es war genau 22:15 Uhr, als ich mich durch die Lüftungsrohre von Reaktorhalle 3 schob. Das Blech war kalt unter meinen Händen.

Durch das Gitter des Schachtes blickte ich hinab auf die zentrale Steuerungskanzel.

Der Raum war von kaltem Neonlicht erhellt. In der Mitte stand der Kernreaktor, umgeben von dicken Bleiglasfenstern.

Elena stand an den Kontrollpulten. Sie trug eine schwarze Taktikweste. Sechs bewaffnete Söldner sicherten die Eingänge der Halle.

Auf den Monitoren über ihrem Kopf lief ein digitaler Countdown in roten Ziffern herunter: **11:30… 11:29… 11:28…**

Zwei Söldner führten Clara Veith in den Raum. Sie schnallten das Mädchen auf einen Stuhl direkt neben dem zentralen Terminal und klebten Bio-Sensoren an ihre Schläfen und Handgelenke.

“Der DNS-Scanner liest die Sequenz ab”, sagte einer der Söldner.

Ich sah auf den Kontrollmonitor an der Wand. Neben den Reaktorwerten zeigte die Kamera die Außenüberwachung.

Drei schwarze Hubschrauber ohne Hoheitszeichen landeten auf dem Vorplatz des Forschungszentrums.

Oberst Marcus Vance stieg aus dem vorderen Helikopter. Hinter ihm marschierten acht Männer einer illegalen KSK-Spezialeinheit. Sie trugen Schweres Gerät – darunter zwei thermobarische Sprengsätze.

“Vance sichert das Gelände nicht”, flüsterte ich zu mir selbst. “Er will die ganze Anlage samt Beweisen und Zeugen eingeebnet sehen.”

Ich zog die MP5 nach vorne. Neun Schuss im Magazin.

Auf dem Display lief die Zeit unerbittlich weiter: **08:15… 08:14…**

KAPITEL 10: Das Finale im Reaktorraum

Ich trat das Belüftungsgitter aus der Verankerung und sprang vier Meter tief auf die obere Galerie der Reaktorhalle.

Noch im Flug feuerte ich zwei Schüsse ab. Zwei Söldner an der Tür sackten zusammen.

Ich rollte mich ab, zog die Pistole eines Gefallenen und schoss den dritten Söldner nieder. Die verbliebenen drei Männer erwiderten das Feuer, doch ich erreichte die Abdeckung der Steuerungskanzel.

Elena drehte sich langsam um. In ihrer Hand hielt sie das Freischaltmodul.

Ich trat hinter der Säule hervor und richtete die Waffe auf ihre Stirn.

“Es ist vorbei, Elena”, sagte ich. Meine Hand zitterte nicht.

Sie sah mich an. In ihren grünen Augen lag keine Kälte mehr, sondern eine unendliche Müdigkeit.

“Es war nie vorbei, Alex”, flüsterte sie.

Bevor ich antworten konnte, bersteten die Panzerglasfenster der Halle.

Oberst Marcus Vance trat durch die Trümmer, gefolgt von vier schwerbewaffneten Männern. Seine Dienstpistole war entsichert.

“Sehr eindrucksvoll, Hauptmann Berg”, sagte Vance. Ein kaltschnäuziges Lächeln lag auf seinen Lippen. “Aber die Geschichte endet hier. Die 3,4 Millionen Euro aus dem Nukleardeal liegen bereits sicher auf Konten in Liechtenstein. Sie beide sterben heute als Terroristen.”

Vance hob die Waffe und zielte auf meine Brust. Er drückte ab.

In Bruchteilen einer Sekunde warf sich Elena vor mich.

Der Schuss traf sie mitten in den Oberkörper. Sie sackte gegen meine Brust.

Ich fing sie auf, während ich mit der rechten Hand die Pistole hob und zwei schnelle Schüsse auf Vances Begleiter abgab. Tim Richter stürmte in diesem Moment durch den Seiteneingang und eröffnete das Feuer auf die restlichen Söldner.

Ich hielt Elena im Arm. Blut lief aus ihrem Mundwinkel.

Mit zitternder Hand streifte sie ein rotes Biometrie-Armband von ihrem Handgelenk und drückte es in meine Hand.

“Stopp ihn…”, flüsterte sie. “Ich… ich wollte dich nie…”

Ihre Augen wurden starr.

Ein Brüllen entfuhr meiner Kehle. Ich schüttelte den Körper meiner Frau ab, wich einem Schuss von Vance aus und schlug ihm mit der blossen Faust ins Gesicht.

Vance taumelte rückwärts. Ich setzte nach, griff seinen Arm und drehte ihn herum. Mit aller Kraft drückte ich den Oberst gegen den offen liegenden Hochspannungsleiter der Hauptschalttafel.

Ein blaues Licht blitzte auf. Ein elektrisches Dröhnen erfüllte die Halle. Vance verkrampfte sich, schrie auf und brach reglos zusammen.

Ich rannte zum Terminal, presste Elenas Biometrie-Armband auf den Scanner und drückte den Notausschalter.

Der Countdown stoppte bei **00:03**.

Die Reaktorhalle versank in absoluter Stille.

KAPITEL 11: Die Abrechnung von Bonn

Drei Tage später im Pressezentrum des Bundeskriminalamts in Köln.

BKA-Hauptkommissarin Svenja Lehmann trat vor die versammelten Journalisten. Neben ihr standen Mikrofone sämtlicher großer Fernsehsender.

“Oberst Marcus Vance wurde wegen Hochverrats, zweifachen Mordes und der Unterschlagung von 3,4 Millionen Euro festgenommen”, sagte Lehmann mit fester Stimme. “Die Ermittlungsbehörden haben die Gelder auf Konten in Liechtenstein vollständig beschlagnahmt.”

Sie blickte kurz in die Kameras.

“Sämtliche Vorwürfe gegen Ex-Hauptmann Alexander Berg wurden vollumfänglich zurückgenommen. Er hat in höchster Notlage gehandelt und eine Katastrophe abgewendet.”

Prof. Ludwig Veith und seine Tochter Clara wurden am selben Nachmittag unter neuer Identität nach Schweden ausgeflogen. Clara hatte sich vor der Abreise nicht von mir verabschiedet – sie hinterließ nur ein einfaches Buch über Quantenphysik auf meinem Tisch.

Ich stand am Krankenbett von Erich Kranz im Bundeswehrzentralkrankenhaus Koblenz. Der alte Archivar hatte die Operation überlebt. Seine Schulter war fest bandagiert.

“Sie haben Vance gekriegt, Alex”, sagte Kranz leise. “Aber die Akten… die Akten werden nie ganz sauber sein.”

“Das müssen sie auch nicht mehr”, antwortete ich.

Eine BKA-Beamtin trat an das Bett. Sie hielt eine kleine, verrostete Metallkassette in den Händen, die aus Elenas Versteck in Mechernich geborgen worden war.

“Das gehört Ihnen, Herr Berg”, sagte die Beamtin und reichte mir die Kassette.

KAPITEL 12: Der letzte Brief aus Mechernich

Der Waldfriedhof in Mechernich lag unter einer dichten Nebeldecke. Die Fichten standen stumm am Rand des Gräberfeldes.

Elenas echter Körper war hier beigesetzt worden – neben dem Grab ihres Vaters, das Vance 1998 anonym hatte anlegen lassen.

Ich kniete auf dem feuchten Gras nieder. In meinen Händen hielt ich die geöffnete Metallkassette.

Darin lag ein kleiner Schließfachschlüssel für den Hauptbahnhof Stuttgart und ein vergilbter, handgeschriebener Brief vom 14. August 2019.

Ich entfaltete das Papier. Elenas Schwungvolle Handschrift war deutlich zu erkennen.

*„Alex,*

*wenn du das liest, bin ich bereits tot oder für dich eine Fremde geworden. Vance hat mir heute das Video gezeigt. Er hätte dich bei deinem nächsten Einsatz in Mazar-i-Scharif durch einen ‘Eigenbeschuss’ töten lassen, wenn ich nicht verschwinde.*

*Ich musste meinen Tod vortäuschen, um dein Leben zu kaufen. Ich wollte dich beschützen. Aber der Hass auf das, was sie mir angetan haben, hat mich aufgefressen.*

*Ich habe nie aufgehört, dich zu lieben. Vergiss die Frau, die ich im Bunker war. Erinner dich an die Frau, die ich an deiner Seite sein wollte.*

*Elena“*

Ich schloss die Augen. Der kalte Wind strich durch mein Haar.

Ich zog meinen KSK-Dienstausweis aus der Innentasche meiner Jacke. Das silberne Abzeichen spiegelte das schwache Licht des Nebelmorgens.

Ich legte den Ausweis vorsichtig auf den frischen Grabstein.

Manche Gräber werden zweimal ausgehoben – das erste Mal für den Körper, das zweite Mal für die Hoffnung.

Ich stand auf, drehte mich um und ging ohne einen Blick zurück durch den Nebel davon.