CHAPTER 1: Auf dem kalten Marmor
Part 1
„Unterschreiben Sie endlich, Eleonora, sonst wird Schloss Bernburg noch vor Mitternacht zwangsversteigert!“, schrie mein Nachbar Arthur Lindemann mitten im Spiegelsaal.
Ich lag kniend auf den kalten Marmorfliesen, während 120 Hochzeitsgäste meiner Nichte gelähmt schwiegen.
Arthur drückte mir den Füllfederhalter in die zitternde Hand, um mir das jahrhundertealte Familiengut für einen Spottpreis von 150.000 Euro abzunehmen.
Plötzlich schlug die riesige Flügeltür auf und eine völlig durchnässte junge Frau namens Clara betrat den Saal.
Sie rief mit festem Blick, dass mein vor fünf Jahren verunglückter Sohn Julian keineswegs kinderlos gestorben war — und dass sie seine leibliche Tochter sei.
Doch was ich in jenem Moment für meine Erlösung hielt, öffnete in Wahrheit ein Tor zu einem grausamen Ahnenfluch.
Der Füllfederhalter fühlte sich eiskalt und schwer in meiner Hand an. Seine goldene Spitze glitzerte im Licht der unzähligen Kronleuchter, die den Spiegelsaal in ein festliches Funkeln tauchten. Normalerweise wäre dies ein Anblick gewesen, der Stolz in mir weckte, doch jetzt spiegelte sich darin nur meine Verzweiflung.
Meine Knie schmerzten auf dem glatten Marmorboden. Ein stechender Schmerz zog durch meine Gelenke, eine Erinnerung an mein Alter, an die Schwere dieser Stunde. Der Boden war nicht nur kalt, er schien die letzte Wärme aus mir herauszusaugen.
Arthur Lindemann stand über mir, ein Schatten, der das wenige Licht, das mir noch blieb, zu verschlucken drohte. Sein Gesicht war eine verhärtete Maske, die jeden Anflug von Mitgefühl verneinte. Er war der Nachbar, der Mann vom Gut Lindemann, dessen Familie seit Generationen neben den Bernburgs lebte. Doch in diesem Moment war er mein Henker.
Die Stille im Saal war erdrückend. 120 Augenpaare ruhten auf mir, eine Mischung aus Schock, Peinlichkeit und offener Neugier. Sie waren gekommen, um die Liebe zu feiern, die meine Nichte mit ihrem Bräutigam verband. Stattdessen wurden sie Zeugen eines Familiendramas, das sich auf den Fundamenten unserer eigenen Geschichte abspielte.
Überall glänzten Spiegel. Sie reflektierten die Hochzeitsdekoration, die strahlenden Blumenarrangements, die festlich gedeckten Tische. Sie reflektierten aber auch die bleichen, entsetzten Gesichter meiner Verwandten und die starre Miene des Standesbeamten, der hilflos daneben stand.
„Hören Sie mir zu, Eleonora“, sagte Arthur, seine Stimme klang tiefer als sonst, fast schon bedrohlich ruhig, nachdem er mich zuvor angeschrien hatte.
„Das ist unsere letzte Chance. Der Gerichtsvollzieher ist bereits informiert. Wenn die Unterschrift nicht bis Mitternacht vorliegt, ist Schloss Bernburg nicht mehr zu halten.“
Er beugte sich noch ein Stück tiefer, sodass ich den Geruch seines teuren Eau de Cologne riechen konnte. Ein Duft, der sonst für Feierlichkeiten stand, nun aber einen bitteren Beigeschmack hatte.
„Einhundertfünfzigtausend Euro, Eleonora“, flüsterte er, fast verständnisvoll. „Das ist alles, was ich Ihnen bieten kann. Nehmen Sie es an. Es ist besser, als alles zu verlieren.“
Ein Schauder lief mir über den Rücken. 150.000 Euro – ein Spottpreis für ein Anwesen, dessen Gemäuer Geschichten von Jahrhunderten atmeten, dessen Wert ein Vielfaches betrug. Doch die Schulden, die Last der letzten Jahre, hatten uns erdrückt. Mein Sohn Julian hätte niemals zugelassen, dass es so weit kommt.
Ich blickte auf den Vertrag, der vor mir auf einer kleinen, mit Samt bezogenen Platte lag. Die Tinte des Titels „Kaufvertrag Schloss Bernburg“ schien auf dem weißen Papier schwarz und endgültig. Meine Hand zitterte so stark, dass der Füllfederhalter fast aus meinen Fingern glitt.
Arthur legte seine große Hand auf meine, um den Stift zu stabilisieren. Sein Griff war fest, unnachgiebig. Er zwang meine Hand quasi dazu, die Unterschrift zu setzen.
In diesem Moment, als meine Hand zu zittern begann und die erste Zickzack-Linie meinen Namen hätte bilden sollen, geschah es.
Ein lautes Krachen zerriss die angespannte Stille. Die riesige Flügeltür zum Spiegelsaal, die zuvor fest verschlossen gewesen war, schwang mit einem ohrenbetäubenden Geräusch auf. Ein kalter Windstoß fegte durch den Raum und ließ die Kerzenflammen der Tafeldekoration flackern.
Am Eingang stand eine junge Frau, durchnässt bis auf die Knochen. Ihr dunkelbraunes Haar klebte an ihrer Stirn, Regentropfen liefen ihr über das Gesicht und tropften von ihrer eleganten, aber völlig durchnässten Kleidung auf den Marmorboden. Ihre Augen waren dunkel und fest entschlossen.
Sie schien nicht einmal die Verwirrung und den Schock der 120 Anwesenden zu bemerken, die sich nun alle zu ihr umdrehten. Sie blickte direkt zu mir, dann zu Arthur.
Ihre Stimme, obwohl vom Wind und dem Regen rau gemacht, trug eine unerwartete Autorität.
„Halten Sie ein!“, rief sie, und ihre Worte hallten durch den weiten Saal.
„Was fällt Ihnen ein, eine alte Dame zu so etwas zu zwingen?“
Arthur ließ meine Hand los. Sein Gesicht, das eben noch so unnachgiebig gewesen war, zeigte nun einen Ausdruck von Unglauben, fast schon Entsetzen.
„Wer sind Sie?“, fragte er, seine Stimme war jetzt nur noch ein Flüstern.
Die junge Frau ging zielstrebig auf uns zu, jeder Schritt hallte auf dem Marmor. Ihr Blick verriet keine Spur von Unsicherheit. Sie blieb vor uns stehen, ihre Augen fixierten Arthur, dann mich.
Sie zog ein kleines, feuchtes, aber offensichtlich wichtiges Dokument aus ihrer Innentasche. Es war eine leicht zerfledderte, aber deutlich erkennbare Geburtsurkunde.
„Ich bin Clara Sommer“, sagte sie, ihre Stimme klar und fest, während sie das Dokument Arthur vor die Nase hielt.
„Und das hier beweist, dass Julian von Bernburg nicht kinderlos gestorben ist.“
Ihr Blick wanderte zu mir, meine Augen trafen ihre.
„Ich bin seine leibliche Tochter. Ich bin Ihre Enkelin.“
Part 2
Die Reaktion im Spiegelsaal war ein einziger, kollektiver Schock. Ein Gemurmel ging durch die Reihen der Hochzeitsgäste, die eben noch so still gewesen waren. Blicke huschten zwischen Clara, Arthur und mir hin und her. Ich selbst war so sprachlos, dass ich kein Wort herausbekam. Meine vermeintliche Enkelin. Hier. Jetzt.
Clara nutzte die Verwirrung sofort aus. Sie streckte die Geburtsurkunde nicht nur Arthur hin, sondern hob sie dann hoch, sodass jeder sie sehen konnte. „Dieser Kaufvertrag ist ungültig!“, rief sie, ihre Stimme durchdrang das Gemurmel. „Ich bin die direkte Erbin. Schloss Bernburg kann nicht ohne meine Zustimmung verkauft werden!“
Arthur Lindemanns Reaktion war seltsam. Ich erwartete, dass er wütend würde, dass er versuchen würde, die Echtheit des Dokuments anzuzweifeln oder auf sein Recht zu pochen. Stattdessen sah er aus, als hätte er einen Geist gesehen. Sein Gesicht war blass, seine Augen weit aufgerissen, aber nicht vor Wut. Es war pure Panik.
„Nein!“, stieß er hervor, und seine Stimme war jetzt hoch und beinahe flehend. Er machte einen Schritt auf mich zu, ignorierte Clara völlig. „Eleonora, bitte! Lassen Sie dieses Mädchen nicht ins Schloss! Unterschreiben Sie, jetzt sofort! Es ist unsere einzige Chance!“
Seine Worte ergaben keinen Sinn. Warum sollte er jetzt noch auf die Unterschrift pochen, wo doch klar war, dass der Vertrag durch eine neue Erbin angefochten werden würde? Und warum flehte er mich an, Clara nicht ins Schloss zu lassen? Es war, als würde er nicht um Geld oder Besitz kämpfen, sondern um etwas viel Größeres, Unheimlicheres.
Ich sah ihn an, völlig verwirrt. „Was reden Sie da, Arthur? Sie wollen mich nicht um mein Erbe bringen? Was soll das bedeuten?“
Doch bevor er antworten konnte, passierte etwas Merkwürdiges. Die riesigen, gläsernen Kronleuchter, die hoch oben an der Decke hingen und den Saal erhellten, begannen zu schwanken. Erst nur leicht, dann immer stärker, obwohl kein Fenster offen stand und kein Windzug zu spüren war. Ein leises Klirren der Glasprismen erfüllte den Raum.
Gleichzeitig spürte ich, wie eine unheimliche Kälte den Saal erfüllte. Es war nicht die normale Kälte des Marmors, sondern eine eisige, beißende Kälte, die tief in die Knochen drang. Sie kam nicht von außen, sie schien sich aus dem Boden selbst zu erheben, oder aus den Wänden, und breitete sich unaufhaltsam aus. Die Hochzeitsgäste zogen sich fröstelnd die Arme um den Körper.
KAPITEL 2: Die gefrorenen Zeiger
Ich führte Clara noch am selben Abend in den Nordflügel von Schloss Bernburg.
Die Räume rochen nach feuchtem Kalk und altem Wachs, seit mein Sohn Julian vor fünf Jahren verunglückt war.
Clara strich mit ihren schmalen Fingern über das dunkle Eichenholz der Korridore.
„Ich kenne jeden Winkel aus Julians Erzählungen“, flüsterte sie und blickte mich aus kalten, grauen Augen an.
Ich nickte stumm, während in meinem Hinterkopf die Worte von Arthur Lindemann hämmerten.
Der Nachbar hatte versucht, mir das Schloss für lächerliche 150.000 Euro auf dem Marmorboden abzupressen.
Ich war überzeugt, dass Arthur hinter all diesem Drama steckte und Clara nur benutzte, um mich vollends zu zermürben.
Um Punkt 03:14 Uhr wachte ich schlagartig auf.
Eisige Luft drang durch die geschlossenen Fensterflügel. Mein Atem bildete weiße Wolken im Schlafzimmer.
Das rhythmische Ticken der großen Standuhr am Ende des Flurs verstummte augenblicklich.
Ich stand auf, schlug mein Wolltuch um die Schultern und trat auf den dunklen Gang.
Das Pendel der Uhr stand völlig still. Der lange schwarze Zeiger zeigte exakt auf die Dreizehn nach drei.
Es war die minütlich genaue Todeszeit meines Sohnes Julian.
An der weißen Kalkwand neben der Uhr begann sich der Schatten eines Kronleuchters seltsam zu verzerren.
Der Schatten bewegte sich ohne Luftzug und geformte dunkle, langgezogene Finger, die direkt auf Claras Zimmer wiesen.
Eine hauchdünne Frostschicht überzog das Parkett direkt vor ihren Türschwellen, rund gehauen wie Blutflecken.
Ich keuchte leise und trat zwei Schritte zurück.
„Arthur“, flüsterte ich mir selbst zu, während meine Zähne aufeinanderschlugen. „Er hat etwas in die Lüftungsschächte geleitet. Er will mich wahnsinnig machen.“
Ich weigerte mich zu glauben, dass etwas Übernatürliches in diesen Hallen wachte.
Doch als ich mich der Tür von Clara näherte, hörte ich aus dem Inneren kein Atmen, sondern ein leises, rhythmisches Schaben – wie Nägel auf Stein.
KAPITEL 3: Der verratene Sekretär
Am nächsten Morgen brannte die Sonne schallend kalt über dem Gutshof.
Ich ging direkt ins Sekretariat im Erdgeschoss, um die Verträge von Arthur Lindemann erneut zu prüfen.
Mein 22-jähriger Haussekretär Lukas Weber saß über den Bilanzen, seine Hände zitterten spürbar.
„Lukas, wo sind die alten Ordner aus der Krypta-Registratur?“, fragte ich und stellte mich direkt vor seinen Schreibtisch.
Lukas zog die Schultern hoch und blickte starr auf die weiße Tischplatte.
„Ich… ich habe sie umgelegt, Frau von Bernburg“, stammelte er.
Ich trat einen Schritt näher und griff nach dem Schlüsselbund, der neben seiner Tastatur lag.
Unter einer Schicht von Briefumschlägen entdeckte ich ein dickes Bündel gelber Geldscheine.
Es waren exakt 5.000 Euro in frischen Banknoten.
„Hat Arthur Lindemann dir das gegeben?“, schrie ich und schlug mit der flachen Hand auf das Eichenholz. „Hast du Verträge für ihn gefälscht?“
Lukas brach sofort in Tränen aus und verdeckte sein Gesicht mit beiden Händen.
„Nein! Ich habe keine Dokumente gefälscht, ich schwöre es bei der Gesundheit meiner Mutter!“, rief er verzweifelt.
Er sah mich mit geröteten Augen an.
„Herr Lindemann hat mich bezahlt, aber nicht für Papiere“, flüsterte Lukas.
„Wofür dann? Reden Sie, Lukas!“, verlangte ich.
Lukas schluckte schwer und zeigte mit zitterndem Finger zum Fenster, das in den Innenhof führte.
„Er hat mich vor drei Wochen in die alte Krypta geschickt“, sagte Lukas mit brüchiger Stimme. „Ich sollte mit einem Meißel die uralten Eisenbleche von den Schwellen schlagen.“
Ich starrte ihn verständnislos an.
„Die Bleche mit den eingravierten lateinischen Sätzen? Wozu?“, fragte ich.
„Er sagte, sie müssten weg, damit das Haus atmen kann“, antwortete Lukas. „Er hat mir gedroht, dass meine Mutter ihre Pflegewohnung verliert, wenn ich es nicht tue.“
Ein tiefer Riss zog sich in diesem Moment durch die Putzschicht über dem Türrahmen des Sekretariats.
Ein feiner Staubregen fiel lautlos auf Lukas’ Schultern.
KAPITEL 4: Das Treffen im Regenguss
Die Spurensuche trieb mich am Nachmittag aus dem Schloss hinaus auf den alten Dorffriedhof von Bernburg.
Ein plötzlicher Platzregen wusch die Inschriften auf den verwitterten Sandsteingräbern blank.
Nahe der alten Bernburg-Gruft kniete ein gebückter Mann in einer schweren Wachsjacke.
Es war der 79-jährige pensionierte Kirchenarchivar Gottfried Weber, der mit einer harten Bürste Moos von einem Grabstein schabte.
„Sie sollten nicht hier sein bei diesem Unwetter, Eleonora“, sagte Gottfried, ohne sich umzudrehen.
Ich trat unter das schützende Vordach der Kapelle und wischte mir den Regen aus dem Gesicht.
„Gottfried, ich brauche die Kirchenbücher aus dem Jahr 2000“, sagte ich laut gegen das Prasseln des Wassers an. „Es geht um Julian. Und um ein Mädchen namens Clara.“
Gottfried hielt in seiner Bewegung inne. Die Bürste verharrte auf dem feuchten Stein.
Er richtete sich langsam auf, sein Rücken knackte hörbar.
„Julian hatte eine Jugendliebe, Eleonora. Das wissen Sie so gut wie ich“, sagte der Alte mit rauem Ton.
„Ja, aber Clara behauptet, seine biologische Tochter zu sein! Sie hat Dokumente!“, rief ich.
Gottfried zog ein kleines, ledergebundenes Notizbuch aus seiner Innentasche und schlug es mit klammen Fingern auf.
Er deutete auf einen verblassten Eintrag mit schwarzer Tinte.
„Ich habe die Geburten- und Totenregister der Pfarrei 50 Jahre lang geführt“, sagte Gottfried leise.
Er blickte mir direkt in die Augen.
„Julians damalige Freundin hat vor genau 24 Jahren ein Kind zur Welt gebracht“, fuhr er fort. „Es war ein Mädchen. Aber es kam tot zur Welt. Ich selbst habe die kleine Holzkiste in die Erde gelassen.“
Mein Herz setzte für einen Schlag aus. Der Regen schien plötzlich stumm zu werden.
„Das… das ist unmöglich“, stammelte ich. „Clara steht in meinem Wohnzimmer! Sie hat Julians Augen!“
„Dieses Mädchen trägt nicht das Blut Ihres Sohnes, Eleonora“, sagte Gottfried unerbittlich. „Egal, was auf diesem Papier steht.“
KAPITEL 5: Die Stimme aus der Wand
Ich stürzte zurück ins Schloss, die durchnässte Kleidung klebte schwer an meinem Körper.
Im Spiegelsaal stand Clara am großen Kamin und starrte in das erloschene Holz.
„Wer bist du wirklich?“, schrie ich und schleuderte die nasse Handtasche auf einen der vergoldeten Stühle. „Ich war auf dem Friedhof! Julians Kind ist vor 24 Jahren gestorben!“
Clara drehte sich nicht um.
Ihre Schultern hoben und senkten sich in einem merkwürdig schnellen, mechanischen Rhythmus.
„Papiere lassen sich ändern, Eleonora“, sagte sie. Ihre Stimme klang rau, tief und völlig verändert.
Sie wandte sich langsam zu mir um.
Die Pupillen ihrer Augen waren so weit geweitet, dass das graue Irisgewebe völlig verschwunden war. Seine Augen waren tiefschwarz.
„Das Blut von Bernburg gehört diesem Haus“, sprach Clara, doch der Klang kam nicht nur aus ihrem Mund, sondern schien aus den Steinwänden hinter ihr zu hallen. „Ein Erbe muss den Preis zahlen.“
Ich wich entsetzt zurück, bis mein Rücken gegen die schwere Eichentür stieß.
Plötzlich griff eine knochige, alte Hand nach meinem Oberarm und zog mich mit überraschender Kraft aus dem Saal.
Es war meine 88-jährige Großtante Mechthild.
Sie trug ihr schwarzes Samtkleid und hielt einen schweren Messingleuchter in der Hand.
Mechthild warf die schwere Doppeltür zu und schob den eisernen Riegel vor.
Die Holztür erzitterte sofort unter einem heftigen Schlag von innen.
„Sie ist nicht deine Enkelin, Eleonora!“, zischte Mechthild mit scharfer, wacher Stimme.
„Was passiert hier, Tante Mechthild?“, rief ich völlig aufgelöst.
„Das Haus verlangt nach einem Erben aus dem Geschlecht derer von Bernburg“, flüsterte Mechthild. „Ein uralter Schandfleck liegt auf dieser Linie. Und weil Julian tot ist, hat die Entität im Schloss sich diesen Körper gegriffen.“
KAPITEL 6: Das Lied der Spieluhr
Mechthild führte mich mit schnellen Schritten in ihr Eckzimmer im obersten Stockwerk.
Überall stapelten sich getrocknete Kräuter, alte Folanten und vergilbte Fotografien.
Sie stellte den Leuchter auf einen Runden Beistelltisch und griff nach einer kunstvoll geschnitzten Spieluhr aus Nussbaumholz.
„Arthur Lindemann wusste alles“, sagte Mechthild und drehte den kleinen Messingschlüssel an der Unterseite der Spieluhr.
Eine langsame, melancholische Melodie begann zu erklingen.
Mit einem leisen Klicken sprang an der Vorderseite des Holzkästchens ein versteckter Federmechanismus auf.
Ein schmaler Ledereinband kam zum Vorschein.
„Das ist Julians Tagebuch“, sagte Mechthild und schob mir das Buch zu. „Er hat es Arthur kurz vor seinem tödlichen Autounfall anvertraut.“
Mit zitternden Fingern schlug ich die vergilbten Seiten auf. Die Handschrift meines Sohnes war unverkennbar.
Ich las die Zeilen, die er vor fünf Jahren geschrieben hatte:
*„Wenn der Fluch mich holt, wird Arthur das Schloss übernehmen müssen. Er hat kein Bernburg-Blut. Die Schatten können ihm nichts anhaben. Er hat mir geschworen, meine Mutter mit allen Mitteln zu beschützen – selbst wenn sie ihn dafür hassen muss.“*
Mir stockte der Atem. Die Tränen stiegen mir heißen Drucks in die Augen.
Arthur Lindemann war nicht mein Feind. Er war der beste Jugendfreund meines verstorbenen Sohnes gewesen.
Sie hatten vor zwanzig Jahren einen gemeinsamen Schwur geleistet.
Arthur hatte versucht, das Schloss für 150.000 Euro zu kaufen, um den Besitz legally aus den Händen der Familie von Bernburg zu reißen.
Er wollte die Eigentumslinie unterbrechen, damit der Ahnenfluch ins Leere griff.
Und ich hatte ihn auf dem Marmorboden vor 120 Gästen wie einen gierigen Landräuber behandelt.
KAPITEL 7: Die Dunkelheit zieht auf
Ein dicker, milchiger Nebel stieg aus dem Schlosspark auf und kroch an den Sandsteinfassaden hoch.
Die Temperatur im gesamten Gebäude fiel rapide unter den Gefrierpunkt.
An den Fensterscheiben bildeten sich dicke Eiskristalle, die das Tageslicht aussperrten.
Aus dem Erdgeschoss ertönte das dröhnende Bersten von Holz.
Clara – völlig besessen von der finsteren Entität der Bernburg-Ahnen – schlug mit einem schweren Schüreisen gegen die Türen.
„Eleonora! Bring das Grundbuch!“, schallte ihre verzerrte Stimme durch die leeren Flure. „Trage mich ein, oder das Schloss frisst deine Seele!“
Großtante Mechthild legte ihre kühle Hand auf meinen Arm.
„Du musst zu Arthur“, sagte sie leise. „Er ist in der Krypta. Er hat dort Stellung bezogen, als die Siegel gebrochen wurden.“
„Ich habe ihn ruiniert, Mechthild“, weinte ich bitterlich. „Ich habe Claras Dokumente akzeptiert!“
„Dann geh hinunter und korrigiere deinen Stolz“, antwortete die alte Frau streng.
Ich rannte die finsteren Wendeltreppen hinab, vorbei an den Ahnengemälden, deren Leinwände feuchte Blutflecken an den Stellen aufwiesen, wo die Herzen gemalt waren.
Der Weg führte tief unter das Fundament des Schlosses.
Die Luft in der Krypta war so schwer und kalt, dass jeder Atemzug wie Nadeln in meiner Lunge stach.
Am Ende des gewölbten Gangs brannte ein einzelnes Windlicht auf einem steinernen Sarkophag.
Dahinter stand Arthur Lindemann.
KAPITEL 8: Die Wahrheit in der Krypta
Arthur trug seinen schweren Lodenmantel. Sein Gesicht war blass, tief eingefallen und von dunklen Schatten unter den Augen gezeichnet.
Er sah mich überrascht an, als meine Schritte auf den feuchten Steinfliesen hallten.
„Eleonora… Sie sollten nicht hier sein“, sagte er mit rauer, müder Stimme.
Ich blieb drei Schritte vor ihm stehen, die Hände fest vor der Brust verschränkt.
„Du wolltest das Schloss gar nicht verkaufen oder ausrauben“, flüsterte ich. „Du wolltest es besitzen, um mich zu retten.“
Arthur wandte den Blick ab und stützte sich auf die Kante des Sarkophags.
„Julian hat es mir aufgegeben“, sagte er leise. „Der Fluch verlangt nach dem Blutträger derer von Bernburg. Wenn das Anwesen einer fremden Blutlinie gehört – mir, einem Lindemann –, verliert die Entität ihr Zugriffsrecht.“
Er blickte mich wieder an, und in seinen Augen lag pure Verzweiflung.
„Ich habe die Gläubiger auf mein eigenes Gut Lindemann geholt, um das Geld für den Scheinkauf aufzubringen“, fuhr Arthur fort. „Ich wollte mich rechtlich vor das Haus stellen.“
„Und ich habe alles zerstört, als ich Clara hereinließ“, sagte ich mit tränenerstickter Stimme.
„Sie haben ein fremdes Mädchen mit gefälschten Papieren als Erbin eingesetzt“, sagte Arthur bitter. „Damit haben Sie der Entität die Tür weit aufgestoßen. Sie hat sich den Körper des Mädchens gegriffen, weil kein biologisches Kind mehr da war.“
In diesem Moment krachte die schwere Eisenbahn der Kryptatür aus den Angeln.
Clara trat in den Raum.
Ihre Haut war leichenblass, rote Äderchen zogen sich spinnennetzartig über ihren Hals hinauf zum Gesicht.
„Das Erbe ist mein!“, schrie die Stimme aus Claras Kehle.
KAPITEL 9: Der gebrochene Pakt
Arthur trat sofort vor mich und stellte sich schützend zwischen mich und das besessene Mädchen.
Er zog ein altes, abgegriffenes Dokument aus seiner Innentasche – die Notariatsurkunde seines eigenen Gutshofs.
„Ich biete den Ausgleich!“, rief Arthur mit fester Stimme gegen das Heulen an, das durch die Krypta fuhr. „Ich trete Gut Lindemann vollständig ab! Ich opfere mein gesamtes Privatvermögen an internationale Investoren!“
Er riss ein Zündholz an und setzte die Urkunde in Brand.
Die Flammen leuchteten hell in der finsteren Krypta auf.
Ein gellender, nichtmenschlicher Schrei entfuhr Claras Mund.
Die schwarze Verfärbung in ihren Augen begann zurückzuweichen, als die finanziellen und rechtlichen Bande des Nachbarguts sich auflösten und den energetischen Knoten zerschlugen.
Clara brach zusammen und schlug hart auf dem feuchten Steinboden auf.
Der schwere Frost an den Wänden schmolz augenblicklich zu dreckigen Wasserlachen zusammen.
Die Entität zog sich mit einem tiefen Grollen in die tiefsten Ritzen des Schlosssockels zurück.
Gottfried Weber und zwei Sanitäter, die Arthur im Voraus gerufen hatte, stürmten Minuten später in die Krypta.
Sie trugen die verstörte, zitternde Clara auf einer Trage hinaus. Das Mädchen erinnerte sich an nichts mehr.
Arthur stand regungslos vor dem Aschehaufen seiner Besitzurkunde.
Er hatte Gut Lindemann verloren. Seine eigenen Ländereien wurden von den Gläubigern noch in derselben Nacht zwangsversteigert.
Das Schloss Bernburg wurde von den Baubehörden wegen akuter Einsturzgefahr und massiver Feuchtigkeitsschäden offiziell als unbewohnbar erklärt und polizeilich versiegelt.
KAPITEL 10: Der Preis des Stolzes
Punktgenau fünf Jahre später.
Die Nachmittagssonne schien warm auf den kleinen Hügel oberhalb des Schlossparks.
Ich saß auf einer einfachen Holzbank und hatte eine dicke Wolldecke über meine Beine gelegt.
Von hier oben konnte ich das verfallene Schloss Bernburg sehen.
Die Dächer waren teilweise eingebrochen, das Unkraut wuchs mannshoch durch die zerbrochenen Fenster des Spiegelsaals.
Ich wohnte seit fünf Jahren in einer winzigen, zugigen Kate im Nachbardorf.
Eine kleine Gestalt ging langsam den Schotterweg entlang.
Es war Arthur Lindemann.
Er trug seine alte Wachsjacke, die Ellbogen waren mit Lederflicken ausgebessert.
Er hatte alles verloren: sein Vermögen, seinen Status, sein Gutshaus. Er lebte als isolierter Mann am Rande der Gemeinde.
Arthur blieb auf dem Weg stehen und blickte hoch zu mir.
Er hob langsam seinen Hut zum Gruß.
Ich nickte ihm stumm zu, während mir eine einzelne, kalte Träne über die Wange lief.
Wir sprachen nie über jene Nacht in der Krypta.
Ich hatte das Schloss rechtlich behalten. Kein Fremder besaß auch nur einen Quadratmeter von Bernburg.
Doch der Preis für meinen Stolz war der totale Ruin aller Menschen gewesen, die mich beschützen wollten.
Ich habe mein Schloss behalten, aber meine Seele an die Kälte der Hallen verloren. Manchmal ist der bitterste Sieg die wahrhaftigste Niederlage.
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