Mein ehemaliger Schützling erklärte mein Neugeborenes für tot und verurteilte mich als Hexe — bis aus der Drachenkluft mein Kind mit dem königlichen Armband emporstieg

CHAPTER 1: Das Schreien aus dem Abgrund

Part 1

„Mein eigener Mündel, den ich auf den Thron gehoben habe, verurteilte mich zum Tode, weil ich angeblich ein Ungeheuer gebar.“

König Leopold ließ meine Hebammen noch in der Geburtsnacht hinrichten und behauptete vor dem gesamten Hofstaat, mein Neugeborenes sei eine Tudgeburts-Kreatur dunkler Magie gewesen.

Er veranlasste, dass man mich im Alter von zweiundsechzig Jahren an die Kante der Drachenkluft von Falkenstein kettete, um mich den Abgründen zu opfern.

Doch als ich forderte, die Leiche meines Kindes zu sehen, erklang ein hohes Schreien aus den Tiefen des Abgrunds.

Ein drachenartiges Wesen stieg auf mit leuchtend blauen Augen — und um sein Bein trug es das goldene Siegelarmband meines Geschlechts.

Die eiskalte Luft der Drachenkluft schnitt wie ein rostiges Messer in meine alten Knochen. Der Wind heulte in meinen Ohren und trug den Geruch von feuchtem Fels und fernem Moor mit sich. Meine Hände waren mit groben Eisenketten an einen massiven Findling gefesselt, der nur wenige Schritte vom gähnenden Abgrund entfernt lag.

Hinter mir standen die Gardisten, ihre Rüstungen klirrten leise im Wind. Ich spürte ihre Blicke auf meinem Rücken, eine Mischung aus Furcht und Abscheu. Sie glaubten die Lügen, die König Leopold verbreitet hatte.

Meine achtsame Aurelia von Falkenstein, ehemals Regentin dieses Reiches, sollte als Hexe und Gebärerin von Dämonen enden.

Leopold stand ein kleines Stück entfernt, hoch aufragend in seinem dunklen Königsornat. Sein Gesicht war eine Maske aus Kälte und unnachgiebiger Autorität. Er hatte sich nicht die Mühe gemacht, mir näher zu kommen. Er wollte diese Hinrichtung als öffentliche Demonstration seiner Macht und seiner „Reinheit“ inszenieren.

Die Sonne stand tief, warf lange Schatten über die zerklüftete Landschaft und hüllte die Szene in ein düsteres Licht. Ich sah die wenigen Hofmitglieder, die sich hierher gewagt hatten, die Lehnsherren in ihren schweren Gewändern, ihre Gesichter versteckt unter Kapuzen. Niemand wagte es, den Blick zu heben oder sich einzumischen.

Hauptmann Ulrich, der Kommandant der Palastgarde, stand direkt neben Leopold. Sein Gesicht war steinern, doch ich sah ein kurzes Zucken in seinen Augen, als sich unsere Blicke trafen. Er war ein ehrenhafter Mann, doch seine Loyalität galt dem Thron.

Und nun war Leopold der Thron.

Ich hob den Kopf, so gut es die Ketten zuließen, und spuckte den Namen meines Mündels in den Wind.

„Leopold!“, rief ich, meine Stimme war rau, aber fest. „Du hast meine Hebammen ermordet und mein Neugeborenes für ein Ungeheuer erklärt.“

Einige Gardisten zuckten zusammen. Leopolds Mine verfinsterte sich, aber er sagte nichts.

„Du hast den gesamten Hof angelogen und behauptet, es sei eine Totgeburt der dunklen Magie gewesen!“

Die Menge murmelte nervös.

„Ich habe dich aufgezogen, Leopold! Ich habe dich unterrichtet und auf den Thron gehoben!“, schrie ich, mein Atem bildete weiße Wölkchen in der eisigen Luft. „Und jetzt hast du die Frechheit, mich hierher zu zerren und hinzurichten, weil ich angeblich etwas Monströses gebar?“

Leopold trat einen Schritt vor, seine Stimme klang überraschend leise, aber durchdringend.

„Eure Majestät“, sagte er, die Anrede war eine Verhöhnung, „Eure Anklagen sind haltlos. Eure vermeintliche Schwangerschaft war eine Wahnvorstellung. Eure Verurteilung ist rechtmäßig.“

Er versuchte, mich als geistig verwirrt darzustellen, wie er es in den letzten Monaten mit Lügen und Einschüchterungen am ganzen Hof getan hatte. Er hatte alle, die mir zu nahe standen, zum Schweigen gebracht oder verschwinden lassen.

Ich lachte, ein bitteres, kehliges Geräusch, das in der Weite der Schlucht widerhallte.

„Eine Wahnvorstellung? Mit zweiundsechzig Jahren ein Kind zu gebären? Das ist nicht das Werk des Wahns, Leopold. Das ist ein Wunder. Und es ist MEIN Kind!“

Einige der Lehnsherren tauschten beunruhigte Blicke aus. Selbst Leopolds Lügen konnten nicht jeden Zweifel ersticken.

„Ich habe Anspruch auf Gerechtigkeit!“, rief ich. „Wenn mein Kind eine Ausgeburt der Finsternis war, wie du behauptest, dann zeige mir seine Überreste! Ich verlange, die Leiche meines Kindes zu sehen!“

Eine absolute Stille legte sich über die Klippe. Nur das Heulen des Windes blieb. Die wenigen Hofmitglieder hielten den Atem an, ihre Augen huschten zwischen mir und Leopold hin und her.

Leopold sah mich an, seine Augen so kalt wie die eisige Schlucht selbst. Er schwieg. Ein langes, qualvolles Schweigen, das meine Forderung nur noch mehr Nachdruck verlieh. Er würde es nicht tun. Er konnte es nicht tun.

Das war mein Beweis.

Dann, aus der Tiefe der Drachenkluft, stieg ein Geräusch auf. Zuerst war es nur ein leises Krächzen, kaum hörbar über dem Wind. Dann wurde es lauter, ein hohes, klagendes Schreien, das durch die Felsen hallte und die Luft erzittern ließ.

Die Gardisten zogen ihre Schwerter, ein panischer Blick in ihren Augen. Die Hofmitglieder wichen entsetzt zurück. Leopold selbst versteifte sich.

Das Schreien wurde intensiver, es klang jetzt wie das Kreischen eines gigantischen Falken, durchsetzt mit einem gutturalen Grollen. Steinchen lösten sich vom Felsrand und kullerten in den Abgrund.

Ich spürte, wie meine Haut prickelte. Eine uralte Macht erwachte in dieser unwirtlichen Landschaft.

Aus den aufsteigenden Nebeln, die den Boden der Schlucht verhüllten, brach eine Bewegung hervor. Ein Schatten, der schnell größer wurde, schwebte empor. Er wirbelte den kalten Nebel auf und trug einen unerwarteten Glanz in die Dämmerung.

Langsam, majestätisch und doch von einer ungestümen Energie erfüllt, stieg ein Wesen aus dem Abgrund auf.

Es war nicht das Baby, das ich erwartet hatte. Es war auch kein voll ausgewachsener Drache, wie die Legenden sie beschrieben. Es war ein Jungtier, aber mit einer Größe, die einem ausgewachsenen Wolf entsprach, seine Schuppen glänzten dunkelgrau und reflektierten das letzte Licht des Tages. Seine Flügel waren noch ungelenk, doch sie trugen es mit erstaunlicher Kraft.

Sein Kopf war schmal, die Schnauze spitz. Aber es waren die Augen, die mir den Atem raubten.

Sie leuchteten in einem durchdringenden, eiskalten Blau, das mich an die Tiefen der Gletscher in den nördlichen Königreichen erinnerte. Es waren die Augen meines Geschlechts. Die Augen meiner Vorfahren.

Ein leises Wispern ging durch die versammelte Menge. Niemand wagte es, sich zu rühren.

Das Wesen schwebte näher heran, seine Krallen ausgefahren, die Luft bebte von seinem Atem. Es stieß noch einmal dieses hohe, fordernde Schreien aus.

Und dann sah ich es.

Um sein linkes Hinterbein, direkt über der Kralle, schimmerte ein goldener Reif. Er war fest, nicht nur locker darum gewickelt. Darauf war das Wappen von Falkenstein eingraviert: der flammende Falke, der das Reich seit Jahrhunderten schützte.

Es war das goldene Siegelarmband meines Geschlechts, das ich meinem Kind bei der Geburt angelegt hatte.

Part 2

Der Anblick des goldenen Reifs am Bein des Drachenjungen ließ mein Herz in meiner Brust rasen. Es war kein Hirngespinst, keine Wahnvorstellung, wie Leopold behauptet hatte. Es war die Wahrheit, die vor unseren Augen schwebte. Mein Kind lebte. Und es war nicht tot, nicht verschwunden.

Leopold, der bis eben in stummer, unerbittlicher Haltung verharrt hatte, brach aus seiner Erstarrung. Sein Gesicht, das zuvor eine Maske der Kälte gewesen war, verzerrte sich nun zu einem Ausdruck blanker Panik und rasender Wut.

„Bogenschützen!“, brüllte er, seine Stimme hallte über die Felsen und überschlug sich dabei. „Tötet dieses abscheuliche Ding! Tötet es! Sofort!“

Ein Schwarm von Pfeilen zischte durch die eisige Luft. Sie waren präzise auf das schwebende Drachenjunge gerichtet, das noch immer seine leuchtend blauen Augen unverwandt auf mich gerichtet hielt. Ich sah, wie einer der Pfeile seinen dunkelgrauen Flügel streifte. Ein tiefer, grollender Laut entwich seiner Kehle, doch es schien den Schmerz kaum zu spüren.

Ich schrie auf, eine verzweifelte Warnung, die in meinen Ketten hängen blieb. „Nein! Lasst es in Ruhe! Es ist unschuldig! Es ist mein Kind!“

Die Bogenschützen zogen bereits ihre nächsten Pfeile aus den Köchern. Doch in diesem kritischen Moment geschah etwas Unerwartetes. Hauptmann Ulrich, der pflichtbewusst neben Leopold gestanden hatte, zögerte. Seine Hand, die zum Befehl erhoben war, sank langsam, beinahe unmerklich, wieder herab. Sein Blick wechselte vom Armband am Drachenbein zu dem Wesen selbst, dann traf er meinen. Ein kurzer, aber alles entscheidender Augenblick der Erkenntnis und der Entscheidung.

Mit einer schnellen, entschlossenen Bewegung, so flink, dass kaum jemand es bemerken konnte, packte er mich am Arm. Die rostigen Eisenketten, die mich an den Findling fesselten, gaben unter dem plötzlichen Ruck nach. Er stieß mich mit einer unerwarteten Kraft. Ich stolperte zurück, nicht in den gähnenden Abgrund, sondern in eine dunkle, schmale Felsspalte, die wie eine Narbe im Fels verborgen lag. Der Aufprall war hart, und eine Wolke aus Staub und kleinen Steinen rieselte auf mich herab.

Kaum war ich in dieser schützenden Nische in Sicherheit, fauchte das Drachenjunge erneut. Ein glühender Hauch stieg aus seiner Schnauze auf. Die kalte Luft über dem Abgrund flimmerte, bevor ein Strahl purer, sengender Hitze hervorbrach. Er traf nicht direkt die Bogenschützen, sondern den Felsrand hinter ihnen. Das Gestein begann augenblicklich zu glühen, schmolz und schleuderte glühende Partikel in die Höhe.

Absolute Panik brach unter den Gardisten aus. Sie schrien, ließen ihre Bögen fallen und wichen in wilder Flucht zurück, stolperten über ihre eigenen Füße. Die Lehnsherren rannten um ihr Leben, ihre schweren Gewänder behinderten sie. Leopold selbst starrte mit offenem Mund und entgeisterten Augen auf das Chaos.

Das Drachenjunge nutzte die allgemeine Verwirrung und die Flucht. Mit einem kräftigen Flügelschlag drehte es sich in der Luft und verschwand geschickt in den dunklen Höhlen, die tiefer in die Drachenkluft führten. Ich hörte noch das Rauschen seiner Flügel, dann war es nur noch ein ferner Schatten in der Dämmerung.

Ulrich beugte sich über die schmale Felsspalte. Sein Gesicht war nun von einer ernsten Entschlossenheit gezeichnet, seine Augen funkelten mit einem neuen Licht. Die fliehenden Wachen waren zu weit entfernt, ihre panischen Schreie hallten noch durch die Schlucht und übertönten jedes andere Geräusch.

„Keine Sorge, Eure Majestät“, flüsterte er, seine Stimme war kaum mehr als ein Hauch. „Ich werde Euch verstecken. Das Siegel war echt.“

Kapitel 2: Die Löschung der Wahrheit

Hauptmann Ulrich schob mich durch einen dunklen, modrigen Gang. Die Fackeln flackerten, warfen zuckende Schatten auf die feuchten Steinwände.

Wir waren tief unter der Burg. Die Luft war kühl und roch nach Erde und altem Gestein.

“Hier seid Ihr sicher, Eure Majestät”, murmelte er. Seine Stimme war belegt.

Ich stolperte über einen losen Stein, meine Glieder waren noch steif von den Ketten.

“Sicher wovor?”, fragte ich, meine eigene Stimme klang heiser. “Leopold hat die gesamte Hofschaft als Zeugen.”

Ulrich drehte sich um. Sein Gesicht war blass im Fackelschein.

“Er hat etwas anderes verkündet.”

Ein bitterer Geschmack breitete sich in meinem Mund aus. “Was kann schlimmer sein als die Verurteilung einer Hexe?”

“Er sagt, Ihr wart nie schwanger.”

Der Satz traf mich wie ein Schlag. Ich atmete schwer, mein Blick heftete sich an ihn.

“Nie schwanger?” Meine Hand fuhr unwillkürlich zu meinem leeren Bauch. Die Erinnerung an die Geburt war noch so frisch, so schmerzhaft real.

“Er behauptet, es sei ein Wahn gewesen. Eine Alterskrankheit, die Euren Geist benebelt.”

Die Worte klangen in meinen Ohren wie höhnische Lügen. Die Schreie, der Schmerz, das kleine Wesen – alles sollte eine Einbildung gewesen sein?

“Das ist eine Verleumdung!”, stieß ich hervor. “Die Hebammen, die Mägde… sie alle waren Zeugen!”

Ulrichs Blick wich aus. Er zögerte, bevor er sprach.

“Sie alle sind tot, Eure Majestät.”

Die Luft schien stillzustehen. Nicht nur mein Kind war mir genommen worden, sondern auch die gesamte Wahrheit meiner Existenz.

“Und die Hofchroniken?”, fragte ich, meine Stimme kaum mehr als ein Flüstern. “Die Aufzeichnungen der letzten neun Monate?”

“Alle Einträge über Eure Schwangerschaft wurden gelöscht”, sagte er leise. “Umarbeitet. Von den Schreiberlingen neu gesiegelt.”

Ich sah eine dicke Spinne, die seelenruhig ein Netz zwischen zwei morschen Holzbalken spann. Das Leben ging weiter, während meine gesamte Geschichte einfach ausgelöscht wurde.

“Er hat versucht, Eure Schwangerschaft aus der Geschichte zu radieren”, fügte Ulrich hinzu. “Als ob sie niemals existiert hätte.”

Die Kälte der Katakomben kroch tiefer in meine Knochen. Leopold hatte nicht nur ein Kind ermordet. Er hatte versucht, eine Mutter auszulöschen.

Kapitel 3: Das leere Goldverzeichnis

Die folgenden Tage in den Katakomben verschwammen zu einer undurchsichtigen Masse aus Kälte und Hunger. Ulrich brachte mir heimlich Wasser und trockenes Brot.

Ich konnte nicht schlafen. Mein Kopf ratterte, versuchte, Leopolds Motive zu verstehen.

Warum diese dreiste Lüge, die meinen Verstand anzweifelte?

Eines Abends kehrte Ulrich mit einer Laterne zurück, sein Gesicht von Sorge zerfurcht.

“Es gibt etwas, das Ihr sehen müsst”, sagte er.

Er führte mich durch weitere enge Gänge, die in einen größeren Raum mündeten. Regale voller Pergamentrollen und staubiger Bücher säumten die Wände.

“Das ist das geheime Finanzarchiv”, erklärte er. “Nur der Herrscher und der Chronist Vaneck haben Zugang.”

Ulrich zog eine schwere Holzschublade auf. Darin lagen vergilbte Rechnungsbücher und versiegelte Verträge.

Ich blätterte durch die Einträge. Die Zahlen tanzten vor meinen Augen, bis ein bestimmter Posten meine Aufmerksamkeit erregte.

“Was ist das?”, fragte ich, mein Finger fuhr über eine Zeile. “Fünfzigtausend Goldgulden? An wen?”

Ulrich nahm das Buch. Seine Augen weiteten sich, als er die genauen Einträge las.

“Es ist ein Vertrag mit den Söldnern der Schwarzen Lanzen”, murmelte er. “Eine riesige Summe, zugesagt über die nächsten sechs Monate.”

Ich schnappte nach Luft. Das war ein Vermögen, mehr als das gesamte Herzogtum in einem Jahr an Steuern einnahm.

“Leopold muss seine Position sichern”, sagte ich, die Erkenntnis traf mich wie ein Schlag. “Er hat die Söldner angeheuert, um seine Macht gegen jeden Widerstand zu festigen.”

“Aber Eure Majestät”, Ulrich schüttelte den Kopf, seine Miene verriet tiefste Besorgnis, “die Goldminen sind seit zwei Jahren erschöpft.”

Ich erinnerte mich an die Berichte. Die Erträge waren katastrophal gewesen.

“Woher kommt das Gold dann?”, fragte ich.

“Es kommt nirgendwo her”, antwortete Ulrich leise. “Er hat es ihnen versprochen, aber die Kassen sind fast leer. Wir stehen kurz vor dem Ruin.”

Leopold hatte nicht nur versucht, mich auszulöschen, er hatte auch das gesamte Herzogtum in den Abgrund gezogen. Für seine eigene, unsichere Herrschaft.

Kapitel 4: Der Besucher im Dunkeln

Die Nacht in den Katakomben war stockfinster und die Stille drückend. Ich lag auf einer Decke auf dem kalten Steinboden, mein Körper schmerzte.

Der Gedanke an mein Kind ließ mich nicht los. Hatte Ulrich die Wahrheit gesagt, dass es mit dem königlichen Armband verschwunden war? Oder war auch das eine Halluzination gewesen?

Ein leises Schaben ließ mich aufschrecken. Es kam von einem schmalen Belüftungsschacht über mir.

Ich hielt den Atem an, mein Herz pochte bis zum Hals. War es eine Wache? Oder ein Tier der Unterwelt?

Ein Schatten löste sich aus der Dunkelheit. Zwei leuchtend blaue Augen fixierten mich.

Sie waren kalt, schimmernd, aber auch – vertraut.

Das Drachenjunge kletterte behände aus dem Schacht. Seine Schuppen glänzten schwach im Restlicht, das durch einen fernen Spalt fiel.

Es bewegte sich ohne Geräusch über den Steinboden, direkt auf mich zu.

Mein Atem stockte. Eine primitive Angst schnürte mir die Kehle zu.

Dann legte es sanft seinen Kopf in meinen Schoß.

Ein leises Gurren kam aus seiner Kehle, ein Geräusch, das unmöglich zu dieser Kreatur zu passen schien.

An seinem kräftigen Hinterbein glänzte das vertraute Gold. Das Siegelarmband mit dem Löwenkopf – das Wappen des Hauses Falkenstein.

Ich starrte in seine Augen. Die gleiche tiefblaue Farbe wie meine eigenen, die gleiche Farbe, die meine Vorfahren in ihren Porträts getragen hatten.

Das war mein Kind.

Es war keine Halluzination. Kein Wahn. Es war real.

Es war nicht tot. Es war hier. Und es trug das Symbol meiner Familie.

Kapitel 5: Die Erpressung des Hasses

Am nächsten Morgen hörte ich die Glocken vom Turm läuten. Es war nicht die volle, feierliche Glocke, sondern ein unregelmäßiges, beunruhigendes Läuten.

Ulrich kam bald darauf mit beängstigenden Nachrichten.

“Eure Majestät”, sagte er, seine Stimme war gepresst. “Leopold lässt eure letzte Magd, Elara, auf dem Marktplatz festhalten.”

Mir gefror das Blut in den Adern. Elara war seit meiner Jugend bei mir gewesen.

“Was will er von ihr?”, fragte ich, meine Hände ballten sich zu Fäusten.

“Er will Euch. Er hat verkündet, wenn Ihr Euch nicht stellt, wird sie öffentlich hingerichtet.”

Die Kälte in Leopolds Handlungen war abscheulich. Er kannte meine Schwäche. Er wusste, dass ich niemals zulassen würde, dass eine Unschuldige für mich litt.

“Das ist eine öffentliche Hinrichtung?”, fragte ich, kaum atmend.

“Er nennt es ein Exempel. Er behauptet, ein Monster streife durch die Wälder von Falkenstein und Ihr seid dessen Herrin.”

Er verbreitete Gerüchte, um die Stadt in Angst und Schrecken zu versetzen. Eine neue Welle des Gaslightings, diesmal gegen die gesamte Bevölkerung.

“Er hetzt die Menschen gegen mich auf”, sagte ich, die bittere Wahrheit drang zu mir durch.

“Ja. Die Anschläge an den Kirchentüren sprechen davon, dass Ihr mit Dämonen paktiert habt, die nun das Land bedrohen.”

Meine Kehle war trocken. Er wollte nicht nur mich töten, er wollte auch meinen Namen und mein Erbe in den Dreck ziehen.

“Wir müssen etwas tun, Ulrich”, sagte ich. “Ich kann Elara nicht sterben lassen.”

Ulrichs Blick war ernst. “Aber wenn Ihr Euch stellt, ist es Euer Ende. Und das Eures Kindes.”

Der Marktplatz würde voll sein. Die Menschen würden hungern. Sie würden ihm glauben. Sie würden ihren Zorn auf mich richten, die Hexe, die ein Monster gebar.

Leopold hatte mich in eine Falle gelockt. Eine Entscheidung zwischen Elaras Leben und meinem eigenen.

Kapitel 6: Die Pergamente der Ersten Ahnen

Ich verbrachte die nächsten Stunden in tiefster Verzweiflung. Elaras Leben lag in meinen Händen.

“Es muss einen anderen Weg geben”, murmelte ich.

Ich begann, die alten Pergamente und Bücher in den Archiven zu durchsuchen. Es war eine verzweifelte Suche nach einer vergessenen Regel, einem alten Gesetz, das Leopold aufhalten konnte.

Stunden vergingen. Der Staub setzte sich auf meine Kleidung, meine Finger wurden schwarz von alter Tinte.

Die meisten Dokumente waren Hofprotokolle, Steuerlisten, Verträge. Nichts, das mir half.

Dann, in einem vergessenen Regal hinter einem umgestürzten Haufen von Dokumenten, fand ich eine besonders alte Rolle. Sie war in Leder gebunden und mit einem verrosteten Siegel versehen.

Die Schrift auf dem Pergament war verblasst, die Sprache archaisch. Es war die Gründungsurkunde des Herzogtums Falkenstein, datiert auf das Jahr 1342.

Ich entrollte sie vorsichtig. Der Geruch von feuchtem Papier und Alter stieg mir in die Nase.

Die ersten Abschnitte handelten von der Landverteilung, den Pflichten der Vasallen. Dann kam ein Absatz, der meine Aufmerksamkeit fesselte.

Eine Erbschaftsklausel.

“Sollte ein Thronfolger oder legitimer Erbe des Hauses Falkenstein das Zeichen des Drachenblutes tragen”, las ich leise vor mich hin, meine Stimme zitterte, “so geht das gesamte Vermögen der Krone augenblicklich in eine unantastbare Treuhand der Ratsherren über.”

Meine Augen überflogen die Zeilen immer wieder. Das war unglaublich.

Es war eine uralte Bestimmung, vermutlich aus einer Zeit, als die Legenden von Drachenblut noch lebendig waren.

Die Klausel war eindeutig. Kein Wahn, keine Hexerei. Sondern eine rechtliche Grundlage, um die Herrschaft zu entziehen.

Wenn ich beweisen konnte, dass mein Kind das Drachenblut trug, konnte Leopold keinen einzigen Goldgulden mehr ausgeben. Er würde mittellos dastehen.

Und mein Kind trug das königliche Armband. Was für ein Beweis konnte eindeutiger sein?

Kapitel 7: Die Belagerung des eigenen Volkes

Ich versuchte, die Implikationen der Erbschaftsklausel zu begreifen. Leopold war stark, aber er hatte ein System geschaffen, das er nun vielleicht nicht mehr kontrollieren konnte.

Ulrich kam in der Morgendämmerung zu mir, sein Gesicht war von Sorge gezeichnet.

“Leopold hat von Eurem Überleben erfahren”, sagte er, seine Stimme war leise. “Er weiß, dass Ihr noch lebt.”

Die Nachricht traf mich nicht überraschend. Ich hatte nicht erwartet, dass er lange im Dunkeln tappen würde.

“Wie?”, fragte ich.

“Ein Bauer hat Euch angeblich in der Nähe der Drachenkluft gesehen. Leopold hat seine Späher ausgeschickt.”

Die Tatsache, dass mein Kind das königliche Armband trug, würde ihm mehr Angst machen als meine angebliche Hexerei.

“Er hat die Kornspeicher abriegeln lassen”, fuhr Ulrich fort. “Die Tore der Stadt sind verrammelt.”

Ich schluckte schwer. Das war seine Antwort.

“Die Bäckereien bleiben geschlossen”, sagte er. “Es gibt kein Mehl, kein Brot. Die Menschen in der Stadt werden bald hungern.”

Leopold schnürte der Stadt die Kehle zu. Er versuchte, das Volk gegen mich aufzubringen, indem er uns alle dem Hungertod überließ.

Die Menschen auf dem Marktplatz, die eben noch Elaras Hinrichtung bejubeln sollten, würden bald selbst um ihr Überleben kämpfen.

“Das ist eine Belagerung von innen”, stellte ich fest. “Er wird die Bürger von Falkenstein hungern lassen, bis sie sich gegen die Hexe erheben.”

Die Strategie war kaltblütig und effektiv. Die Wut der Hungrigen war eine Waffe, die mächtiger war als jede Söldnerarmee.

Die Rufe der Bürger von Falkenstein würden bald nicht mehr “Tod der Hexe” sein, sondern “Brot für unsere Familien”. Und Leopold würde ihnen die Schuld für ihren Hunger in die Schuhe schieben.

Kapitel 8: Der Eid des Chronisten

Die Angst vor dem Hunger breitete sich in der Stadt aus. Die Geräusche der Unruhe drangen gedämpft bis in die Katakomben.

Ich wusste, dass ich schnell handeln musste. Die Erbschaftsklausel war meine einzige Chance. Aber ich brauchte Bestätigung.

Ulrich sah meine Entschlossenheit.

“Ihr braucht einen Zeugen für die Gründungsurkunde”, sagte er. “Jemanden, dem der Adel vertraut.”

“Den Chronisten Vaneck”, erwiderte ich. “Er ist der Hüter der Reichsanntalen.”

Vaneck war ein alter, gebrechlicher Mann, der sein Leben den Büchern gewidmet hatte. Seine Loyalität galt nur der Wahrheit.

Ulrich nickte. “Ich werde ihn holen. Das wird gefährlich.”

Er verschwand in der Dunkelheit der Gänge. Die Stunden, bis er zurückkam, waren gefüllt mit unerträglicher Spannung.

Als er schließlich wieder auftauchte, war er nicht allein. Hinter ihm humpelte ein kleiner, staubiger Mann mit einer zerzausten Mähne aus grauem Haar.

Chronist Vaneck.

Er war bleich und zitterte, als er mich sah.

“Eure Majestät”, krächzte er, seine Augen waren von tiefer Erschöpfung gezeichnet. “Man sagte mir, Ihr wärt von Sinnen.”

Ich ignorierte die Anschuldigung und legte ihm die aufgerollte Gründungsurkunde vor.

“Prüft dies, Chronist Vaneck”, sagte ich. “Die Erbschaftsklausel. Ist sie echt? Ist sie rechtsgültig?”

Vaneck nahm das Pergament mit zitternden Händen entgegen. Seine Augen, die unter dicken Augenbrauen hervorsahen, musterten die alte Schrift.

Er murmelte vor sich hin, seine Finger fuhren über die verblassten Zeilen.

Die Minuten vergingen wie Stunden. Die feuchte Luft der Katakomben wurde noch schwerer.

Dann hob Vaneck den Kopf. Tränen liefen über seine faltigen Wangen.

“Ja”, flüsterte er. “Sie ist echt. Sie ist unantastbar. Beim Nachweis des Drachenblutes geht die Herrschaft sofort auf eine Treuhand über.”

Er schluchzte leise. “Leopold… er hat rechtlich kein einziges Goldstück mehr auszugeben. Seine Befehle sind wertlos, sobald diese Klausel greift.”

Die Wahrheit der alten Schriftstücke war ein Keulenschlag für Leopold. Seine Macht hing am seidenen Faden.

Kapitel 9: Der gefälschte Schuldschein

Die Bestätigung Vanecks gab mir neue Hoffnung. Aber Leopold würde nicht aufgeben.

Ulrich kam am nächsten Tag mit noch mehr beunruhigenden Nachrichten.

“An allen Kirchentüren sind neue Anschläge”, sagte er, seine Stimme war von Abscheu erfüllt.

“Was behauptet er diesmal?”, fragte ich, mein Magen verkrampfte sich.

“Es ist ein angebliches Schuldbekenntnis von Euch, Eure Majestät.”

Mein Blick schnellte hoch. “Ein Schuldbekenntnis?”

“Es ist gefälscht. Es besagt, dass Ihr das Reich an dunkle Mächte verkauft hättet, um unnatürliche Kreaturen zu gebären.”

Die Anschläge waren mit einer Kopie meiner alten Unterschrift versehen. Es war eine plumpe Fälschung, aber für das hungrige, verängstigte Volk würde sie ausreichen.

“Er will mich für den Hunger verantwortlich machen”, stellte ich fest. “Er will, dass das Volk mich hasst, noch bevor sie die Wahrheit erfahren.”

“Genau”, bestätigte Ulrich. “Und er plant, Eure Güter zu verbrennen. Öffentlich. Als Symbol Eurer angeblichen Hexerei.”

Leopold versuchte, das Haus Falkenstein für immer zu diskreditieren. Er wollte nicht nur meinen Ruf zerstören, sondern auch jeden, der mir in Zukunft folgen würde.

Das Feuer, das er entzünden wollte, sollte nicht nur meine Kleider und Möbel vernichten. Es sollte die Erinnerung an meine Herrschaft auslöschen.

Die Verzweiflung der Bürger würde sich in Wut verwandeln, und diese Wut würde er auf mich lenken.

Aber ich hatte jetzt einen Plan. Einen Plan, der direkt an Leopolds empfindlichster Stelle ansetzen würde: seinem Geld.

Kapitel 10: Die Blockade der Schatzkammer

Ich rief mein Kind zu mir. Es kam sofort, seine blauen Augen fixierten mich aufmerksam.

“Du musst mir helfen”, flüsterte ich.

Ich zeigte ihm auf einer groben Zeichnung, wo die Hauptschatzkammer unter der Burg lag. Ich hatte als Regentin oft genug ihre Position überprüft.

Das Drachenjunge verstand sofort. Es gab ein leises, kehlendes Geräusch von sich und stieß seinen Kopf gegen meine Hand.

“Du darfst den Wachen kein Haar krümmen”, sagte ich streng. “Sie sind nur Befehlsempfänger.”

Das Wesen stieß erneut ein Gurren aus, als ob es meine Worte verstand.

Es schlüpfte behende in einen der schmalen Wartungsschächte, die unter der Burg verliefen. Ein letztes leises Rascheln, dann war es verschwunden.

Die Stunden danach waren die längsten meines Lebens. Würde es gelingen? Würde mein Kind die Anweisung verstehen?

Die Schatzkammer war tief unter der Erde, hinter einer massiven Eisentür, die mit einem schweren Riegel von außen gesichert war.

Doch die Schächte führten direkt zu den inneren Mechanismen der Kammer.

Plötzlich hörte ich einen gedämpften, metallischen Knall, der durch die dicken Mauern drang.

Kurz darauf, ein leises Knistern, gefolgt von einem eigentümlichen Geruch, der an verbranntes Eisen erinnerte.

Ich kannte die Hitze, die aus dem Rachen meines Kindes kam. Wenn es gezielt einsetzen würde…

Ulrich kam eilig zu mir. Er war atemlos.

“Eure Majestät, die Schatzkammer!”, rief er. “Die eiserne Tür lässt sich nicht mehr öffnen!”

“Was ist geschehen?”, fragte ich, meine Stimme war ruhig, doch innerlich bebte ich.

“Der Riegel ist von innen verschmolzen! Keiner der Schlüssel passt mehr. Es ist wie aus einem Guss!”

Das Drachenjunge hatte den eisernen Riegel der Schatzkammer von innen mit seinem Hitzestrahl zum Schmelzen gebracht und die massive Tür so dauerhaft blockiert.

Leopold hatte keinen Zugriff mehr auf das Söldnergold. Sein gesamtes System beruhte auf diesem Gold.

Kapitel 11: Der Sold ohne Münze

Die Nachricht von der blockierten Schatzkammer verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Leopold muss getobt haben.

Die Söldnerführer standen vor seiner Tür, ihre Gesichter waren finster.

Ulrich berichtete mir, dass sie ihren Monatslohn verlangten. Zwölftausend Goldgulden, sofort zahlbar.

“Leopold ist außer sich”, sagte Ulrich. “Er hat die Baumeister und Schmiede herbeizitiert, aber niemand kann die Tür öffnen, ohne die gesamte Kammer einzureißen.”

Die Schmiede hatten versucht, den Riegel von außen zu manipulieren. Doch die Metallteile waren zu einem unlösbaren Klumpen verschmolzen.

“Die Ratsherren weigern sich zudem, die Treuhandklausel zu ignorieren”, berichtete Ulrich weiter. “Chronist Vaneck hat die Urkunde unter Zeugen im Rat verlesen.”

Die Ratsherren hatten sich von Leopold abgewendet. Sie fürchteten die Konsequenzen der alten Gesetze mehr als die Wut des Königs.

Leopold konnte das versprochene Gold nicht zahlen. Nicht, weil er es nicht wollte, sondern weil er es nicht konnte.

Die Söldnerführer waren außer sich. Ihre Gesichter waren rot vor Wut.

“Entweder wir erhalten unser Gold bis Mitternacht”, brüllte einer von ihnen vor Leopolds Thronsaal, “oder wir plündern Euren Palast!”

Die Drohung war unmissverständlich. Die Söldner, die Leopolds Macht sichern sollten, waren nun seine größte Gefahr.

Ihre Loyalität war käuflich. Und wenn das Gold fehlte, brach diese Loyalität wie ein morsches Brett.

Ich stellte mir vor, wie Leopold in seinem Thronsaal saß, umgeben von Beratern, die sich schweigend abwandten.

Sein ganzes Kartenhaus fiel in sich zusammen, nicht durch ein Schwert, sondern durch ein altes Gesetz und ein kleines Drachenwesen.

Kapitel 12: Die Wende der Lehnsherren

Die Drohung der Söldner setzte Leopold massiv unter Druck. Er musste handeln, aber er hatte keine Mittel mehr.

Ulrich berichtete, dass Leopold verzweifelt Boten zu Herzog Bertram von Weimar geschickt hatte.

Bertram war ein mächtiger Lehnsherr, gierig und opportunistisch. Seine Loyalität gehörte immer dem Gold, nicht dem Adel.

Er würde Leopold nur beistehen, wenn es sich lohnte.

Ich gab Ulrich eine Abschrift der Erbschaftsklausel.

“Bringt diese Abschrift zu Herzog Bertram”, wies ich ihn an. “Lasst ihn die Konsequenzen verstehen.”

Ulrich kehrte Stunden später zurück. Sein Gesicht war erleichtert, ein Funke Hoffnung glänzte in seinen Augen.

“Herzog Bertram ist eingetroffen”, sagte er. “Mit seiner gesamten Ritterschaft.”

Mein Herz schlug schneller. Würde er Leopold retten?

“Er hat die Abschrift gelesen”, fuhr Ulrich fort. “Er hat seine Anführer konsultiert.”

Ich wartete gespannt. Der Ausgang dieser Begegnung würde über das Schicksal des Herzogtums entscheiden.

“Dann ist er vor Leopold getreten”, erzählte Ulrich, ein leichtes Lächeln spielte um seine Lippen. “Er hat erklärt, dass sein Eid dem rechtmäßigen Herrscher gilt.”

Die Augenbrauen von Herzog Bertram waren hochgezogen.

“Leopold sei rechtlich nicht mehr in der Lage, das Herzogtum zu führen. Er verweigerte ihm den militärischen Beistand.”

Bertram hatte die Seite gewechselt. Nicht aus Moral, sondern aus Berechnung. Er sah, dass Leopold keine Macht mehr hatte, ihm die versprochenen Belohnungen zu zahlen.

Die Söldner ohne Gold. Die Lehnsherren ohne Loyalität. Leopold stand allein da.

Kapitel 13: Die Verbarrikadierung der Macht

Die Verweigerung von Herzog Bertram war der Todesstoß für Leopolds Autorität. Die Söldner hörten auf, Befehle entgegenzunehmen.

Leopold musste es gespürt haben. Seine Macht schwand mit jeder Stunde, in der kein Gold floss.

Ulrich berichtete, dass Leopold sich mit seinen letzten getreuen Leibwächtern in den inneren Thronsaal zurückgezogen hatte.

“Er hat die Türen von innen verriegeln lassen”, sagte Ulrich. “Die letzten loyalen Männer stehen Spalier.”

Die Burg wurde zu einem leeren Kokon. Die Korridore waren still, die Küchen kalt.

“Die Versorgungslinien sind komplett zusammengebrochen”, fuhr Ulrich fort. “Die Händler weigern sich, Nahrung zu liefern.”

Ohne Bezahlung gab es keine Lebensmittel. Die Regale in den Vorratskammern blieben leer.

Leopold hatte die Stadt mit Hunger bedroht. Nun holte ihn sein eigenes Spiel ein.

Die letzten Leibwächter im Thronsaal würden bald selbst hungern. Sie waren gefangen in einem goldenen Käfig.

Ich stellte mir Leopold vor, allein auf seinem Thron, umgeben von Schweigen. Die Angst in seinen Augen musste nun unermesslich sein.

Er hatte sich mit Gewalt an die Macht geklammert und versuchte nun, sie mit einer letzten, verzweifelten Geste zu halten.

Doch die Mauern, die er um sich herum errichtete, wurden nicht von Soldaten verteidigt. Sie wurden von der Bürokratie und leeren Versprechen untergraben.

Das Herzogtum Falkenstein stand am Rande des Abgrunds. Und der Sturz Leopolds war nur noch eine Frage der Zeit.

Kapitel 14: Die Verlesung des Staatsaktes

Am nächsten Morgen versammelte sich der gesamte Adel von Falkenstein im großen Burghof. Die Stimmung war angespannt, erwartungsvoll.

Leopold hatte ihnen befohlen, zu erscheinen. Er versuchte, ein letztes Mal seine Autorität zu demonstrieren.

Doch sein Thron blieb leer. Er war nicht gekommen.

Stattdessen trat Chronist Vaneck vor die Menge. Er trug seine älteste, feierlichste Robe.

In seinen zitternden Händen hielt er die Gründungsurkunde, fest versiegelt.

Eine tiefe Stille legte sich über den Hof. Selbst die wenigen Söldner, die noch in der Nähe waren, lauschten.

“Ich, Chronist Vaneck, Hüter der Reichsanntalen”, begann Vaneck mit fester, lauter Stimme, die seine kleine Gestalt Lügen strafte, “verlese hier und jetzt die Gründungsurkunde des Herzogtums Falkenstein, aus dem Jahre 1342.”

Er rollte das Pergament langsam aus. Die Sonne brach durch die Wolken und ließ die verblasste Schrift aufleuchten.

“Darin enthalten”, fuhr Vaneck fort, “ist die Erbschaftsklausel, Artikel Vierundzwanzig.”

Die Blicke aller Anwesenden hefteten sich auf ihn. Selbst Herzog Bertram, der in der ersten Reihe stand, nickte ernst.

“Sollte ein Thronfolger oder legitimer Erbe des Hauses Falkenstein das Zeichen des Drachenblutes tragen”, verlas Vaneck deutlich, “so geht das gesamte Vermögen der Krone augenblicklich in eine unantastbare Treuhand der Ratsherren über.”

Eine Welle des Gemurmel brach los. Dann hob Vaneck seine Hand.

“Das Drachenblut”, erklärte er, “ist nachweislich durch das königliche Siegelarmband bei dem Neugeborenen des Hauses Falkenstein gegeben.”

Die Nachricht, dass mein Kind lebte und das Armband trug, verbreitete sich wie ein Lauffeuer.

“Somit ist König Leopold”, erklärte Vaneck, seine Stimme war nun ein lautes Urteil, “ab sofort rechtlich handlungsunfähig. Seine Befehle sind nichtig. Er hat kein Recht, die Krone zu führen.”

Die Wachen, die noch an den Toren standen, sahen sich unsicher an. Langsam, einer nach dem anderen, ließen sie ihre Waffen sinken.

Es gab keinen Kampf, keinen Schwertstreich. Leopolds Macht zerbrach durch die Verlesung eines alten Gesetzes.

Kapitel 15: Der stumme Sturz

Nach Vanecks Verlesung löste sich die Versammlung langsam auf. Die Luft war von einer seltsamen Stille erfüllt.

Die Saaltüren, die in den Thronsaal führten, blieben verschlossen. Niemand wagte es, sie zu öffnen.

Doch die Entscheidung war gefallen.

Ulrich kam zu mir in die Katakomben. Sein Gesicht war ernst, aber in seinen Augen lag eine neue Ruhe.

“Es ist vorbei, Eure Majestät”, sagte er. “Leopold hat keine Soldaten mehr.”

Ich begab mich zum Thronsaal. Die schweren Holztüren standen nun offen.

Niemand hatte sie aufgebrochen. Sie waren einfach von innen entriegelt worden.

Der Thronsaal war leer. Die goldenen Banner hingen schlaff von den Decke.

Leopold saß auf dem Thron, allein. Er trug seine Krone, die ihm nun viel zu groß erschien.

Sein Blick war leer, die Hände lagen schlaff auf den Lehnen. Er war wie eine Marionette, der man die Fäden durchschnitten hatte.

Hauptmann Ulrich trat vor. Langsam, mit einer Geste, die weder Wut noch Triumph enthielt, nahm er Leopold das Zepter aus der Hand.

Leopold regte sich nicht. Keine Widerrede, kein Schrei der Empörung. Nur eine stumme, tiefe Niederlage.

“Eure Zeit ist abgelaufen, König Leopold”, sagte Ulrich leise.

Ohne Widerstand stand Leopold auf. Seine Augen waren die eines Mannes, der alles verloren hatte.

Ulrich führte ihn hinaus. Die wenigen verbliebenen Leibwächter, die ihn verlassen hatten, sahen weg.

Er wurde in die tiefen Verliese der Burg gebracht, jene Verliese, in denen er mich hatte verschwinden lassen wollen.

Leopold hatte alles verloren. Nicht durch Gewalt, sondern durch die Macht eines alten Pergaments und die Stille der Gesetze.

Kapitel 16: Die Asche der Illusion

Nach Leopolds Festnahme war die Burg in eine gespenstische Ruhe gehüllt. Die Hungersnot in der Stadt wurde allmählich gelindert.

Ich betrat Leopolds privates Arbeitszimmer. Es war ein kleiner, unaufgeräumter Raum, voller Karten, Dokumente und seltsamer Tinkturen.

Mein Blick fiel auf ein kleines, ledergebundenes Buch, versteckt unter einem Stapel Rechnungen. Es war sein persönliches Tagebuch.

Ich öffnete es mit zitternden Händen. Die Schrift war hektisch, die Tinte oft verwischt.

Ich begann zu lesen. Es waren keine Bekenntnisse der Gier, wie ich erwartet hatte.

Stattdessen enthüllten sich Seiten voller Verzweiflung und Angst.

Leopold hatte von einem uralten Fluch meiner Blutlinie geschrieben. Ein verborgenes Drachengen, das sich in jedem vierten Nachkommen manifestierte.

Es sollte eine unheilbare monströse Seuche auslösen, die das gesamte Herzogtum verzehren würde, wenn das Kind das Erwachsenenalter erreichte.

Er hatte ein altes Elixier gefunden, das die Verwandlung vorübergehend unterdrücken konnte. Aber es war nicht genug.

Er hatte Angst. Angst um das Reich, das ich ihm anvertraut hatte. Angst vor dem Untergang Falkensteins.

Die Umwandlung meines Kindes in ein Drachenwesen war sein letzter verzweifelter Versuch gewesen, diesen Fluch einzudämmen.

Er hatte mein Kind nicht aus Bosheit verwandelt. Er hatte es getan, um das Herzogtum zu retten.

Die Illusion meiner einfachen Rache zerfiel zu Asche. Leopold war kein einfacher Tyrann gewesen. Er war ein Mann, der eine schreckliche Bürde getragen hatte.

Und ich hatte ihn gestürzt, nur um nun selbst vor der wahren Bedrohung zu stehen.

Kapitel 17: Ein Monat später in der kalten Küche

Ein Monat war vergangen seit Leopolds Sturz. Das Reich war vor dem Konkurs gerettet, aber wirtschaftlich isoliert. Die umliegenden Fürstentümer beäugten Falkenstein misstrauisch.

Ich saß in der zugigen, dunklen Burgküche des unteren Hofes. Der Geruch von feuchtem Stein und altem Herdfeuer lag in der Luft.

Die alten Diener versuchten, die Burg wieder in Gang zu bringen, aber es fehlte an allem. Das Reich war ruiniert, meine Herrschaft eine ständige Gratwanderung.

Vor mir saß das Drachenjunge. Es war größer geworden. Seine Schuppen schimmerten dunkler, seine Bewegungen waren schneller.

Es riss mit seinen scharfen Zähnen ein Stück rohes Fleisch von einem Knochen, den ich ihm hingelegt hatte.

Seine leuchtend blauen Augen, einst so vertraut, funkelten nun wilder als zuvor. Sie verrieten eine unbezähmbare Kraft, eine urtümliche Wildheit, die sich nicht kontrollieren ließ.

Die Aufzeichnungen Leopolds waren keine Lügen gewesen. Das Wesen war unzähmbar.

Es war mein Kind. Es war mein Erbe. Aber es war auch eine tickende Zeitbombe.

Ich hatte die Krone für mein Kind gerettet, nur um zu begreifen, dass man einen Thron nicht mit Zähnen und Klauen teilt.